Nornenadvent: Die Drabbles der Woche (3)

Heute kommt ihr zum letzten Mal in den Genuss der Drabbles aus unserem Adventskalender auf Facebook. Die Grafiken stammen aus der Feder von Elenor Avelle.

Lautloser Angriff (Eva-Maria Obermann aka Variemaa)

Sie kamen in der Nacht, zu Tausenden. Stillschweigend setzten sie zur Landung an, sprangen ab, segelten geräuschlos über den Dächern der Ahnungslosen. Lange genug hatten sie oben verharrt, gewartet auf das Zeichen, bereit zum Angriff.
Der Befehl kam von ganz oben, niemand bezweifelte ihn. Das war ihr Auftrag. Nichts konnte sie aufhalten. Ihr Vorteil lag in der Überraschung. Niemand erwartete sie, niemand war bereit. Sie landeten, wo sie gerade hinkamen: auf Dächern, in Vorgärten, mitten auf der Straße, auf Spielplätzen, neben Bahngleisen. Dies war ihr Bestimmungsort.
Erst am Morgen erkannten es die Überfallenen. Die ganze Welt lag unter einer Schneedecke.

Die Blätter des Lebens (Laura Kier)

Viele Blätter an einem Baum – jedes steht für sich doch keines ist allein. Tiere huschen den Stamm empor, suchen ein zu Hause zwischen dem hellen Grün. Raupen krabbeln umher und hoch oben im Geäst ziehen Drosseln ihre Jungen auf.
Es wird gezwitschert, geknabbert und gewachsen, bis sich Schmetterlinge und Vögel aus ihrer Kinderstube erheben und in unbekannte Weiten aufbrechen. Doch die Blätter bleiben zurück mit Erinnerungen an einen Sommer, in dem sie Schatten und Futter geboten haben.
Sie waren ein Teil des Lebens und leuchten zum Abschied in farbenfroher Pracht bis der Winter sie auffordert am Boden Schutz zu bieten.

Driving home for Chrismas (Nike Leonhard)

Das Radio dudelt Weihnachtslieder. In der Wirklichkeit ist nichts mit „Dashing“. Trotz 220 PS unter der Haube.
Kupplung, Gas, Bremse – Stillstand. Regen malt Schlieren in die Lichterkette der Bremsleuchten. Die Wischerblätter zerhacken den Takt von White Chrismas. Kupplung, Gas, Bremse – Hupe, weil so ein Idiot …
Nur nicht die Nerven verlieren. Lieber mit Barry White träumen. Kupplung, Gas, Bremse. Wusch-wusch machen die Wischerblätter. Nicht einschlafen. Es geht weiter; tatsächlich es rollt! Ihm wird warm vor Sehnsucht.
Die Wohnung ist dunkel und leer. Aber auf dem AB wartet Steffs Stimme: „Schatz, es wird leider später. Ich steh noch im Stau.“

Alle für eine, oder? (June Is)

Die erste Schildkröte in Knecht Ruprechts Fabrik kramte nach einem Taschentuch. „Hatschi!“
„Gesundheit“, sagte die zweite Schildkröte am Fließband. „Meinst du, du schaffst es, deine Geschenke zu verpacken?“
„He, schon wieder ein Geschenk von Kröte 1, so schaffe ich meine eigenen nicht!“, rief Kröte fünf von hinten.
„Entschuldigung, aber … Hatschi!“
Die zweite Schildkröte seufzte und sagte zur ersten. „Ich sortiere deine vom Band und wir verpacken sie später gemeinsam.“
„Danke.“
Als ein beträchtlicher Berg Geschenke angewachsen war, kamen auch Kröte drei und vier, um der ersten zu helfen.
Nur die fünfte fehlte, sie hatte sich übernommen und war umgekippt.

Wahre Liebe (Jana Jeworreck aka Moira)

Er trägt sie ehrenvoll schwebend hoch über seinem Kopf. Sie ist die Schönste, die er jemals trug und doch wird sie vergehen, wie alle anderen vor ihr.
Ihre Tränen laufen wie Schauer über seinen Körper, bevor ihr Geist erlischt. Er kann es nicht aufhalten. Er muss es ertragen und erleiden, obwohl sein Herz mit ihr zerfließt.
Und dann, jedes Jahr, wenn die Blätter fallen und auch vergehen, kommt eine Neue. Eine Zauberhafte, die leuchtet und glüht, wie die davor und ihr doch nicht gleicht, denn jedes Jahr ist es die Schönste, die Einzige, die wahre Liebe, die der Kerzenständer trägt.

In der Nacht (Eva-Maria Obermann aka Variemaa)

Die tiefschwarze Nacht war die perfekte Tarnung.
Während die Menschen in ihren Betten nichtsahnend vor sich hin träumten, schlich eine kleine Gestalt durch die Straßen und Gassen, einen Sack auf dem Rücken, und huschte unbemerkt in jedes Haus.
Lautlos öffnete sie jede Tür und kein Wachhund wagte es den Eindringling zu melden. Zielsicher fand er in jedem Heim das, was er suchte, kam ohne Umschweife zum Ziel und machte sich an seine geheime Arbeit.
Plötzlich ein Tippeln, eine Tür wurde jäh geöffnet und Flurlicht fiel herein, auf jenes Wesen. Ein paar kleine Augen weiteten sich in großem Erstaunen.
„Das Christkind!“

Deutschland, ein Wintermärchen … (Tiphaine Somer Elin)

Gestern die Nacht vor dem großen Tag. Heute der Tag vor dem Abend aller Abende. Draußen frohlocken die Glocken, innen brummt es vor Aufregung. Es wurde gebacken, geschmückt und gebraten. Schüsseln türmen sich, von den Öfen her dampft es, Tische biegen sich unter köstlicher Last.
In den Schaufenstern prangen die Sterne und leuchten den Weg, von überall wispert und raunt es. Schnee knirscht unter den dicken Sohlen der heimlich Tuenden. Dann folgen Zerlumpte ängstlich dem unglaublichen Ruf. Unzählige sind es, so traurig und einsam. Plötzlich öffnen sich Türen, Fenster, Grenzen und Herzen. Frohe Weihnachten wünscht Deutschland und teilt sein Glück.

Natürlich darf am Heiligen Abend ein besonderes Extra-Schmankerl nicht fehlen;-)

Santa Space (Elenor Avelle)

„Bringen sie uns unter Lichtgeschwindigkeit Nummer Eins. Bereiten sie alles zum Andockmanöver vor“, sagte Santa und kontrollierte, ob sein roter Anzug auch richtig saß.
„Ist die Tarnvorrichtung aktiviert?“ Der kleine schrumpelige Kerl neben ihm nickte. „Sehr gut. Das Raumschiff wird von der einheimischen Spezies als Rentierschlitten wahrgenommen. Die perfekte Tarnung für den 24.“
„Wollen sie sich jetzt abseilen?“, fragte Nummer Eins.
„So genau wollen wir es mit der Tarnung nicht nehmen. Beamen sie mich runter.“ Santa verließ das Fahrzeug. Nummer Eins seufzte sprang aus dem Schlitten und tätschelte Rudolph.
„Ich wünschte wirklich, er würde nicht so viel Star Trek gucken.“

Fragefreitag: Was wünschst du dir zu Weihnachten?

Willkommen beim Fragefreitag im Nornennetz. Hier beantworten unsere Mitglieder regelmäßig spannende, interessante und auch mal kuriose Fragen. Ihr könnt gerne auf den sozialen Medien unter dem Hashtag #NornenFragefreitag mitmachen. Wir sind auf eure Antworten gespannt.

Diandra Linnemann: Ganz profan – etwas Ruhe. Ab November beginnt bei mir der Stress mit Familientreffen und Geburtstagen, dazu kommen Jahresendvorbereitungen und Pläne für das kommende Jahr … das kann etwas stressig werden. Wenn ich zwischendurch dann nur mit einem Buch und den Katzen neben meinem Freund auf dem Sofa sitzen kann, ist das das beste Geschenk.

Jasmin Engel: Endlich mal nichts mehr Unangenehmes vor mir zu wissen; meinen aktuellen Roman veröffentlichen zu können; ganz ehrlich und nicht nur als Spruch: Frieden und Freiheit für Menschen und Tiere, die von anderen ausgebeutet werden.

Elenor Avelle: Weihnachtsstimmung. Ich habe früher nie verstanden, wieso meine Mutter zu allen Feiertagen am liebsten Ruhe wollte. Jetzt weiß ich wieso ^^

June Is: Dieses verflixte NaNoBuch so weit zu haben, dass es testlesertauglich wird.

Jule Reichert aka Möchtegernautorin: Zeit und Ruhe für meine Kinder, meinen Hund und mich.

Michelle Janßen: Etwas Zeit zum Schreiben, nicht nur privat sondern auch für die Uni. Leider ist die Zeit zwischen den Jahren immer so voll gepackt. Deshalb wünsche ich mir das dieses Jahr ganz aktiv und möchte für ein paar Tage nach Marbach, um mich in der Bibliothek da einzuigeln.

Janna Ruth: Meine inneren Dämonen zu besiegen und mir ein wenig von meinem alten Ich zurückzuerobern und natürlich einen plötzlichen Anstieg in den Buchverkäufen – Märchen und Weihnachten passen doch super zusammen 😛

Tiphaine Somer Elin: Ich wünsche mir ein verlässliches Umfeld und einen richtig guten Plan

Esther: Nichts. Einfach mal nichts. Ohne Erwartungen an das herangehen, was vor mir liegt. 🙂

Anne Colwey: Zeit, mit meinem Mann alleine wegzufahren.

Nuya: Mit Harry Potter-Merch kann man mich immer glücklich machen. Außerdem habe ich mein Faible für das Basteln von Karten, Geschenkkartons, etc. entdeckt. Papier, Stempel oder ähnliches sind deshalb immer gern gesehen.

Eva-Maria Obermann aka Variemaa: Einfach mal in Ruhe etwas essen können. In den letzten Tagen unmöglich geworden und ich sehne es sehr herbei.

Last-Minute-Geschenkeidee – Basteltipp (Sarah König)

Hallo zusammen!

Es sind nur noch wenige Tage bis Weihnachten. Die großen Besorgungen habt ihr sicher alle erledigt. Doch jetzt fällt euch ein: Mist, da fehlt mir noch eine Kleinigkeit für meine Nachbarin, die immer meine Pakete annimmt. Die Tagesmutter, den Busfahrer – oder ihr seid eingeladen und wollt nicht mit leeren Händen kommen.

Ihr braucht eine Kleinigkeit auf die Schnelle, die hübsch aussieht und trotz aller Einfachheit etwas hermacht.

Das Nornennetzwerk** hat heute für euch den ultimativen Last-Minute-Geschenktipp – eine kleine, feine Bastelei!

„Pizzabox“ für Mini-Rittersport

Was ihr braucht:
  • Tonkarton/Designkarton/Papier – passend mit Motiven oder neutral trotz Saison/Gelegenheit
  • Klebe oder Kleberoller (zB. Tesa)
  • Stift/Stempel/Schere
  • Deko: Sticker, Stanzmotive (klein oder groß), Klebepunkte (zB Doppelseitig 3 mm), farbig passender Karton für ein kleines Schild
  • Am besten noch ein Falzbrett. Wer das nicht hat, kann sich mit einem Lineal und der stumpfen Seite eines normalen Messers behelfen. Oder eine dünne Häkelnadel am Lineal entlang ziehen. Wichtig beim Falzen ist nur, dass man das Material nicht durchschneidet. Je nach Stärke eures Materials könnt ihr die betreffenden Seiten auch einfach umknicken.
Schritt 1:

Maße

Die Pizzabox solltet ihr euch auf dem Karton aufzeichnen. Wenn ihr ein Schneidebrett benutzt, dann benötigt ihr keine Zeichnung, sondern könnt direkt an die bezifferten Maße anlegen und schneiden.
Die Box hat eine Länge von insgesamt 14,5 cm. Eine Breite von 8 cm.

Schritt 1

Schritt 2:

Falzen oder Falten

Rundherum müssen 1,5 cm Rand gelassen werden, dieser wird gefalzt/geknickt.
Eine weitere Falzlinie ist auf der Längsseite nach einer Gesamtlänge von 6,5 cm und nach einer Gesamtlänge von 8 cm nötig. So erreicht ihr auch in der Mitte einen Streifen von 1,5 cm.
Mit einem Falzbrett oder Lineal die 1,5 cm anlegen, die den gesamten Rand umlaufen.
Per Lineal – Mit einem stumpfen Gegenstand am Lineal entlang ziehen und Druck ausüben.
Die Falz soll nur helfen, den evtl. dicken/sperrigen Karton in die richtige Richtung biegen zu können. Wer mit Papier bastelt kann hier einfach falten.

Zweiter Schritt

Schritt 3:

Schneiden

Im Uhrzeigersinn Einschnitte vornehmen. Siehe Nummer 1 – 4. Merken könnt ihr euch: Es ist immer ein kleines Feld, das geklebt wird, und eine längere Seite.

Einschneiden

Die Schnitte 5 und 6 müssen Keilschnitte sein.

Keilschnitte

In der Lasche des Deckels fehlt noch eine Aussparung, die ihr Schneiden oder ausstanzen könnt.

Der Deckel

Wenn ihr noch nicht wisst, welche Seite oben sein wird, dann entscheidet ihr im nächsten Schritt einfach, wo unten ist und holt die Aussparung dann nach.

Schritt 4:

Kleben

Wenn ihr wisst, was ihr wo hin falten müsst, erschließt sich euch schnell, wo nun geklebt wird. Ich benutze dafür die Kleberoller, aber auch flüssiger Kleber oder Klebestifte können funktionieren – je nach Material. Wer zB eine Steampunk-Box baut, der könnte auch tackern.

Die eingeschnitten Laschen werden nach innen geklebt. Die Laschen der Mitte werden am Rand der unteren Hälfte festgeklebt, um dem Boden mehr Stabilität zu verleihen. Wer bis jetzt noch nicht wusste, welche Seite unten ist, entscheidet dies nun und holt unter Schritt 3 die Aussparung am Deckel nach.

Schritt 5:

Deko

Überlegt euch, wie der Deckel gestaltet werden soll. Ein Schild? Ausgestanzte Motive? Sticker? Es gibt tolle Kleinigkeiten zu kaufen, um solche kleinen Aufmerksamkeiten noch zu schmücken. Ich empfehle hier Bastelläden oder 1-Euro-Geschäfte. Ich habe mich bei diesem Beispiel für ein kleines Schild und ein paar winzige Schmetterlinge entschieden. Passt nicht zu Weihnachten? Ach Quatsch! Macht was ihr wollt- es kommt von Herzen und das ist die Hauptsache.

Einfach gut

Das Schild in gewünschter Größe des Deckels zuschneiden/ausstanzen und bestempeln, beschriften – was ihr wollt. Ich wähle zusätzlich kleine Schmetterlinge, die ich mit einer Ministanze ausgestanzt habe und klebe diese direkt auf das Schildchen, das Schildchen wiederum klebe ich leicht schräg auf.

Jetzt kommen kleine Helfer ins Spiel: Abstandshalter, doppelseitig klebende Puffer.

Kleine Helfer

Natürlich könnt ihr das Schildchen ohne Abstandsklebepunkte auch direkt auf den Deckel kleben. Oder sogar ganz weglassen – diese kleinen Boxen sehen auch wunderbar aus, wenn man einfach ein Schleifenband verwendet.

Kleine Überraschung

 

Schritt 6:

Inhalt

Wie der Titel schon sagt, in diese kleine Box passt perfekt ein Mini-Rittersport. Meine Lieblingssorte zum Beispiel.

Mhm, Marzipan

Aber auch andere kleine Köstlichkeiten. Probiert es einfach aus – was nicht passt, müsst ihr zur Not selbst verputzen.
Und wenn die oder der Glückliche es lieber nicht nur süß mag; Geldscheine lassen sich natürlich auf diesem Wege ebenfalls sehr edel verschenken.

Hier noch ein paar Beispiele:

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Ich wünsche euch viel Erfolg beim Nachbasteln! Vielleicht mögt ihr ja zeigen, wenn ihr diese kleinen Boxen für jemanden bastelt? Wir freuen uns, wenn ihr uns dazu Bilder schickt!

Das Nornennetz wünscht euch allen eine tolle Weihnachtszeit, besinnliche Festtage und erholsame Stunden mit euren Liebsten!

**Autorin des Artikels ist Sarah König

Nornenadvent: Die Drabble der Woche (2)

Wie versprochen kommt ihr heute wieder in den Genuss der Drabbles aus unserem Adventskalender auf Facebook. Die Grafiken stammen aus der Feder von Elenor Avelle.

Sie kriegen dich (alle Jahre wieder) (Christina Diart)

Leise schleichen sie durch deine Wohnung, während du friedlich schläfst, eingepackt in deine Decke, denn die Welt wird kalt.
Sie verunstalten dein Wohnzimmer, versprühen überall ihren widerlichen, zimtigen Geruch und hinterlassen in jeder noch so winzigen Ecke ihren unverkennbaren Glanz.
Wenn du morgens erwachst, geweckt von den ach so lieblichen Klängen der Glöckchen, und das Ausmaß ihres nächtlichen Treibens bemerkst, ist es bereits zu spät.
Du bist infiziert und weißt, dass du dich erst Wochen später erholen wirst. Sie haben dich erwischt – wie jedes Jahr – und bringen dich dazu, summend durch die Einkaufszentren zu schlendern. Widerliche, kleine Biester, diese Weihnachtswichtel.

Katzengesang im Sternenlicht (Laura Kier)

Zwei Katzen sitzen gelangweilt auf einer Wiese und warten auf den Mond. Doch der erscheint in dieser Nacht nicht am Horizont.
»Es ist, wie es ist. Der Mond ist fort«, seufzend lässt die Kleinere der beiden Katzen den Kopf sinken.
»Ach wie herrlich«, meint die Andere. »Dann hat er endlich seine geliebte Sonne eingeholt.«
Zusammen beginnen die Katzen in unterschiedlichen Tonlagen zu Maunzen und lassen ihr Freudenlied in der sternenklaren Nacht erklingen.
Kurz darauf taucht der Mond auf.
»Was ist das?«, fragt die Kleinere.
»Er ist zu uns zurückgekehrt – und nicht allein.«
Silbern und golden färbt die Morgendämmerung die Welt.

Die Tänzerinnen (June Is)

Joliel starrte auf die Bühne. Gleich müsste auch seine Freundin Maylea auftauchen. Ballettshows waren ihre Leidenschaft, er selbst konnte es nur als künstlerische Elfenhüpferei bezeichnen. Trotz seines Banausentums begleitete Joliel sie oft. Ihre Worte von vor vielen Jahren klangen in seinem Ohr nach. „Ich finde es sehr erregend, wenn du dabei bist.“
Das Licht ging langsam aus und viele graue Balletttänzer kamen von allen Seiten auf die Bühne geströmt. Einer stach in Gelb heraus. Als die Musik einsetzte, stellten sich alle auf ihre Zehenspitzen und begannen zu tanzen.
Joliel musste grinsen, als ein Fan von weiter hinten laut „Maylea!“ rief.

 

Arachne (Eva-Maria Obermann aka Variemaa)

Sie ist die beste, keine Frage. Im Weben und Spinnen schafft sie Kunstwerke, die glitzern als wären sie aus Sternenstaub. Warum sonst sollte man sie beneiden?
Tausende schon haben ihre Werke bewundert, ja sogar versucht ihr nach zu eifern. Umsonst. An ihr Können kommt kein Mensch ran.
Mit einem Seufzer setzt Arachne den nächsten Faden an. Mit ihren Beinen balanciert sie geschickt, so dass auch dieser Faden seinen Platz findet. Doch manchmal waren sie ihr auch im Weg. Noch einmal seufzt Arachne und sieht an sich hinunter.
Ja, ein Mensch kam noch nie an ihre Kunstfertigkeit heran. Eine Göttin schon.

Alle Jahre wieder (Tiphaine Somer Elin)

Es war ein Funkeln und Glitzern, auf den heruntergeklappten Holzläden lag allerlei Tand. Er sah genau hin. Sah Händler, sah Geld, das in Kassen verschwand. Weihnachtsmarkt hieß es, Christkindls Markt.
Er war sich nicht sicher, dass es ein guter Markt war.
Dann sah er Kinder mit großen Augen, roch den Duft von frisch geschlagenen Tannen und von schwerem, gewürztem Wein. Süße Musik verwehte den Trubel. Erwachsene standen und lachten, sie fanden zusammen auf dieser kleinen, fröhlichen Insel inmitten einer hektischen Welt.
Diesmal würde er die Tische der Händler nicht umwerfen – der Markt, der seinen Namen trug, war ein guter Markt.

Eine andere Saite (Jana Jeworreck alias Moira)

Ich laufe eine Straße entlang. Sie ist düster und eng. Ich sehe, dass auf dem Asphalt etwas aufblitzt, gehe vorsichtig darauf zu. Es ist eine Saite, gerissen und achtlos zu Boden geworfen. Die Sonne trifft sie aus einem eigenartigen Winkel. Sie scheint zu glühen. Links und rechts ragen Hauswände in den Himmel empor, wie Felsen einer Schlucht. Nur ein Spalt bringt Licht. Und da leuchtet diese zarte Saite, vielleicht von einer Gitarre. Ich beuge mich hinab, hebe sie hoch und siehe da, es öffnete sich eine Tür in der Mauer. Es ist der Eingang zu einer Bar der besonderen Art.

Die Qual der Wahl (Anne Zandt aka Poisonpainter)

Wieder konnte er sich nicht entscheiden. Nahm er die Braungebrannte? Den Klassiker? Sie hatte ihn schon beim Vorbeigehen verführerisch angelächelt und war der Grund, warum er schließlich stehen geblieben war.
Doch neben ihr lag die Schwarze, die auch nicht zu verachten war oder auch die in Schneeweiß gehüllte. Allerdings, die mit den roten Punkten wollte er auf keinen Fall. Oder doch lieber etwas Größeres und Kräftigeres? Etwas ganz anderes? Hin und hergerissen blickte er sie an, wägte seine Entscheidung ab.
„Haben Sie sich entschieden, welche Mandeln Sie haben wollen?“, fragte der Händler nach einer Weile mit einem leicht genervten Unterton.

Noch eine Woche bis Weihnachten? Da füllen wir doch vor lauter Vorfreude das Türchen doppelt!

Das Höllenfeuer (Myna Kaltschnee)

Sie tanzen beschwingt ums Feuer. Ihre Körper werfen lange Schatten auf den Untergrund. Bizarre Figuren zeichnen sich im dämmerigen Licht ab.
Sie sind alle gekommen: Junge und Alte, Große und Kleine. Nur um sich dieses Ereignis nicht entgehen zu lassen. Sie haben sich den ganzen Tag darauf gefreut und nun ist es endlich Wirklichkeit. Wieder einmal ist ihnen eine ins Netz gegangen. Wieder einmal lodert das Höllenfeuer in den pechschwarzen Nachthimmel. Das muss kräftig gefeiert werden!
Sie stimmen einen fröhlichen Gesang an: „Die Hex‘ ist tot. Die Hex‘ ist tot.“ Vom Scheiterhaufen erklingen schauerliche Schreie, bis die Flammen sie ersticken.

Knecht Ruprecht – nur ein Assistent? (Diandra Linnemann)

„Von drauß‘ vom Walde komm‘ ich her …“ – auch wenn man sich nichts aus der Vorweihnachtszeit macht, dieses Gedicht kennt jeder. Ursprünglich von Theodor Storm verfasst, trägt es den Titel Knecht Ruprecht. Und auch den kennt beinahe jeder, wenigstens dem Namen nach.

Nikolaus und seine Helfer – ein Thema mit Tiefgang (Foto: Eva-Maria Obermann)

Auf den Spuren Ruprechts

Die Vorweihnachtszeit ist voller alter Bräuche, von denen einige heutzutage recht merkwürdig oder gar barbarisch anmuten. Knecht Ruprecht gehört zu diesen Bräuchen. Er ist in weiten Teilen des deutschsprachigen Europas der Begleiter des Heiligen Nikolaus und gilt als eine Art untergeordneter Gegenspieler, sozusagen ein Weihnachtsdämon. Wenn Nikolaus kommt und die Kinder belohnt, die das vergangene Jahr über artig waren, verteilt Knecht Ruprecht – in einigen Gegenden auch Krampus oder „Rauer Percht“ genannt – an die unartigen Kinder Ruten, mit denen sie gezüchtigt werden sollen.

Über die Ursprünge von Knecht Ruprecht ist nicht viel bekannt. Jacob Grimm zufolge (genau, einer von DEN Grimms) geht der Name auf germanische Wurzeln zurück und stellt einen Bezug zum Gott Wotan her, andere Quellen stellen ihn in die Nähe der Göttin Perchta, welche auch als „Frau Holle“ bekannt ist. Sowohl für Wotan, der die Wilde Jagd anführt (mehr dazu später im Dezember), als auch für Frau Holle mit ihren Kissen besteht eine starke Verbindung zur Weihnachtszeit, so dass diese Verbindung zumindest nicht ganz abwegig ist. Wenn die Tradition Knecht Ruprecht also zu einem Diener des Heiligen Nikolaus macht, sieht man sehr schön, wie vorchristliche und christliche Traditionen miteinander verbunden wurden.

Andere Quellen führen Knecht Ruprecht beispielsweise auf einen Priester namens Ruprecht zurück, der die Christmette gegen betrunkene Bauern verteidigte, oder auch auf einen historischen Burgherren der Ruprechtsburg in Thüringen, von dem es heißt, er habe Kinder gefressen. Und bei den Niederländern ist als Äquivalent der „Zwarte Piet“ ein Mohr, der mit einem Schiff aus der ehemals niederländischen Kolonie Spanien kommt und lustige Possen treibt. Diesen Angaben zufolge wäre Knecht Ruprecht nicht älter als etwa fünfhundert Jahre. Genaues lässt sich aufgrund der mageren Quellenlage heutzutage nicht mehr sagen. Der Fantasie tut das jedenfalls keinen Abbruch.

Wo wir ihn heute finden

Je nach Gegend, in der man aufgewachsen ist, gilt Knecht Ruprecht entweder als freundlicher Helfer des Nikolaus – oder als gruselige, möglicherweise gehörnte Figur, die die unartigen Kinder bestraft. Vor allem dieses Bild wurde in den letzten Jahren verstärkt in Horrorfilmen umgesetzt („Krampus“, „A Horror Christmas“, „Mother Krampus“). In der Fantasyliteratur taucht Knecht Ruprecht oder Krampus hingegen seltener auf*, obwohl eine derart ambivalente Figur reichlich Spielraum für übernatürliche und fantastische Interpretationen bietet.

Am ehesten begegnet man ihm noch als zweidimensionalem Helfer von Nikolaus oder Weihnachtsmann in Märchen und Kindergeschichten. Vielleicht liegt das auch daran, dass man inzwischen glücklicherweise weitgehend davon abgekommen ist, Kinder körperlich zu züchtigen, und in diesem Zusammenhang auch nicht mehr mit einem „schwarzen Mann“ droht. Dabei gäbe es so viele schöne Einsatzbereiche für Knecht Ruprecht – vielleicht ist er ein Waldgeist? Ein Dämon, der den Menschen Gutes tun möchte? Ein tollpatschiger Engel? Oder vielleicht ist er doch ein finsterer Geselle, vor dem man sich in den langen, finsteren Winternächten schützen muss?

Eines kann man mit Sicherheit sagen – Knecht Ruprecht ist als Figur auf jeden Fall viel interessanter als die niedlichen Weihnachtselfen, die mit den US-amerikanisierten modernen, bunt blinkenden Bräuchen zu uns herübergeschwappt sind.

*ein kleiner Hinweis, im Adventskalender unserer Norne Anne Zandt ist der Krampus sogar zentral 😉 – Anm. d. Red.

**Autorin des Beitrags ist Diandra Linnemann

Lesungen – DOs and DON’Ts (Anne Danck)

Auf der Buch Berlin war ich** auch einen Tag als Messehelfer dabei und habe mir zehn Stunden lang Lesungen angehört. Dabei konnte ich als Zuhörer eine ganze Liste an Dingen von DOs und DON’Ts

zusammentragen. Im Folgenden habe ich versucht, sie in verschiedene Kategorien zu sortieren: ein paar allgemeine Anmerkungen, der Einleitung, der Wahl der Textausschnitte und der Vortragsweise. (Und ja, all das ist mir im Verlauf des Tages tatsächlich so untergekommen.)

Volles Haus auf der Buch Berlin (Foto: Ela Schnittke)

Allgemein

DO

Vor allem, wenn man sich auf einer Messe befindet (und es daher nicht nur die eigene Lesung gibt), ist es praktisch, ein unverwechselbares Wiedererkennungsmerkmal zu haben. Beispiel: auffällige Bluse, Hut, Kopfschmuck… Tutu 😉 Damit kann man dann auch nach der Lesung auch super noch am Stand wiedergefunden werden.

DO

Wenn man kann, sollte man aus seinem Buch lesen, es sichtbar auf dem Tisch ausstellen oder das Coverbild an die Wand werfen. So hat der Zuhörer es die ganze Zeit vor Augen und wird sich mit höherer Wahrscheinlichkeit auch noch nach der Lesung daran erinnern. (In dem Zusammenhang ist ein großer, einprägsamer Titel oder Autorenname vermutlich zusätzlich hilfreich.)

DO

Bei einer Lesung von 30 min (wie es auf der Buch Berlin der Fall war) sollte man einige Minuten am Schluss für Fragen einplanen. Wenn man die Lesung spannend genug macht, sollten danach nämlich automatisch einige kommen. Falls man jedoch eine gewisse „Anfangsschüchternheit“ der Zuhörer fürchtet, könnte man einen „Vorfrager“ im Publikum installieren. Oder aber man stellt dem Publikum seinerseits eine Frage. Wenn nach dieser Brücke jedoch immer noch keine Fragen kommen… Sagen wir es so: Ich würde die nächste Lesung dann vielleicht anders konzipieren. Schließlich sollte der Hörer doch nach der Lesung vor Fragen zur Geschichte nur so brennen, oder?

DO

Wasser zum Zwischentrinken parat haben. (Nervosität macht automatisch einen trockenen Hals. Man wird es brauchen!)

DON’T

Nur Sprudelwasser zum Zwischentrinken parat haben. Anscheinend bringt einen das auch während der Lesung zum Sprudeln.

DON’T

Aus einer Wasserflasche trinken. Glas wirkt viel besser. Außerdem schraubt man dann nicht ständig die Flasche auf oder zu. Oder kommt auf die Idee mit der Flasche in der Hand gestikulieren zu wollen. Und das macht nicht den passendsten Eindruck, wenn man gerade über epische Fantasy reden will.

Unsere Nornen Ela Schnittke und Janna Ruth auf der Buch Berlin (Foto: Janna Ruth)

Einleitung

DO

Den Titel des Buches nennen und am besten auch den eigenen Namen. Außerdem sollte man eine kurze Einleitung zum Buch geben. Wenn man nicht weiß, wie man sie gestalten soll, dann am besten den Klappentext vorlesen. Auf jeden Fall braucht der Zuhörer irgendeine Vorstellung von Genre, Setting, Plot, denn diese Informationen bekommt er normalerweise über den Einband des Buches, bevor man das Buch aufschlägt.

DO

Sich auf einer Messe von jemandem vorstellen lassen, statt sich selbst vorzustellen. Das wirkt automatisch professioneller. (Da kann man auch die beste Freundin hinstellen – solange diejenige es mit der passenden Miene durchzieht, wird das niemand merken… 😉 )

DON’T

Die Zielgruppe weder direkt noch indirekt durchklingen lassen, bevor man den ersten Textausschnitt vorliest. Sonst erwartet der Zuhörer womöglich High Fantasy für Erwachsene und wundert sich minutenlang über Einfachheit von Sprachstil und Handlung… bis er erfährt, dass es auf eine ganz andere Zielgruppe abzielt, weil der Protagonist erst 15 Jahre alt ist. (Oder andersherum: Wenn Kinder in der Lesung sitzen und es sich erst später herausstellt, dass es doch etwas brutaler zur Sache geht als gedacht.)

Textausschnitte

…sind immer ein kniffliges Thema. Deswegen hier keine ausschließenden DOs, sondern lediglich ein paar verschiedene Varianten, wie man sie handhaben könnte:

DO

Mit Anfang beginnen, denn der sollte den Zuhörer schließlich am besten in die Geschichte einführen können.

DO

Nicht mit dem Anfang beginnen, falls dieser in einer Leseprobe enthalten ist. Womöglich kennt der Zuhörer diese schon und hat so sonst das Gefühl, nichts Neues geboten zu bekommen.

DO

Eine Szene wählen, die den Kernkonflikt durchklingen lässt. Denn der ist schließlich der Grund, warum der Zuhörer später das Buch kaufen will.

DO

Wenn man zwei Hauptpersonen hat, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird, jeweils eine Szene aus der einen und der anderen Sicht vorstellen. Vor allem, wenn deren Denkweise und Ansichten sehr unterschiedlich sind, ist das sehr wirkungsvoll.

DON’T

Eine Szene ohne jeglichen Konflikt vortragen. Einzige Ausnahme: Diese Szene erklärt, was das Einzigartige an der Geschichte ist. (Aber eigentlich sollte das ja mit einem Konflikt zusammenhängen.)

DON’T

Zu viel preisgeben. Wenn man schon die ganze Handlung verrät, warum sollte man dann das Buch noch lesen? Das geht natürlich trotzdem, aber dann muss das Wie es dann im Detail passiert fesselnd genug sein.

DON’T

Zu wenig preisgeben und zum Beispiel nur den Prolog vorstellen, weil man noch nicht so viel über den Rest verraten will. Aber… nun ja, dann weiß der Zuhörer zu wenig über den Rest. Und warum sollte er das Buch dann kaufen ohne die Handlung auch nur ansatzweise erahnen zu können? Dann muss man schon einen wirklich beeindruckenden Schreibstil haben.

Auch unsere Norne Stella Delaney war auf der BuchBerlin (Foto: Stella Delaney)

Vortragsweise

DON’T

So hart es klingt: Wenn man zu nervös zum Lesen ist oder undeutlich spricht, dann sollte man vielleicht nicht selbst lesen, sondern jemand anderen darum bitten. Manchmal ist man dann eben nur der Songwriter und nicht der Sänger sozusagen. Aber es ist eben schade um einen Text, der einfach aus akustischen Gründen nicht ankommt.

DO

Lieber natürlich und sympathisch wirken als aufgesetzt professionell. Gerade bei Fantasy sollte man sehr aufpassen, dass man nicht ins Künstliche rutscht. Aber was einen Zuhörer wirklich zum anschließenden Kauf bringt, ist schließlich nicht wie selbstüberzeugt der Autor herüberkam, sondern wie gut er eine Verbindung zum Leser aufbauen konnte. Und Sympathie kann da sehr viel bewirken. (Auch, dass man das Buch kauft, ohne es zu wirklich lesen zu wollen, einfach nur, weil man den Autor so interessant fand.)

DON’T

Den Einleitungstext oder Überleitungstext zwischen den Szenen ablesen (Ausnahme: Klappentext). Das wirkt dann als würde man das eigene Buch nicht kennen. Deswegen hier besser auch nicht etwas Auswendiggelerntes runterspulen, sondern einfach… erzählen. Und falls man sich unsicher ist und das Gefühl hat, andernfalls etwas zu vergessen, dann helfen Stichpunkte – aber eben keine ausformulierten Sätze.

DO

Gut organisiert sein.

DON’T

Diese Organisation während des Sprechens vornehmen. Also nicht schon während des Vortragens die Sachen zusammenpacken, als wäre man schon mit einem Fuß aus der Tür.

DO

Laut und deutlich sprechen. Es ist nicht die Gute-Nacht-Geschichte für das angekuschelte Kind, sondern ein Vortrag und den muss man überall hören können.

DON’T

So laut und deutlich sprechen, dass es schon wieder verstörend wirkt.

DO

Nicht zu schnell sprechen.

DON‘T

So langsam sprechen und dabei einzelne Wörter so betonen, dass es sich wie eine Predigt anhört. Der Zuhörer möchte unterhalten und nicht zum Kauf des Buches bekehrt werden.

DO

Es kann die Atmung und die laute Sprechweise erleichtern, wenn man zum Vorlesen steht.

DON’T

Wenn man steht, sollte man aber nicht herumhampeln – sprich von einen Fuß auf den anderen treten oder sogar vorwärts und rückwärts gehen.

DO

Den Text so sicher beherrschen, dass man ihn auch auswendig kann. (Hey, das ist beeindruckend!)

DON’T

Den Text so sicher beherrschen, dass man während des Auswendigaufsagens mit den Blättern  herumfuchteln kann.

DO

Zwischendurch Blickkontakt mit dem Publikum suchen. Dann sieht man auch, ob noch alle geistig anwesend sind.

DON’T

Den Blickkontakt solange aufrechterhalten, dass sich der Zuhörer niedergestarrt fühlt.

Ich hoffe, ihr fandet die Liste hilfreich. Natürlich kann sie gerne unten in den Kommentaren ergänzt werden. 😉

 

** Autorin des Artikels ist Anne Danck

Nornengestöber und Adventskalender

Willkommen bei der letzten Stöberrunde für ein paar Wochen. Keine Angst, wir kommen wieder und pausieren nur. Denn ab sofort könnt ihr Sonntags alle geöffneten Türchen unseres Adventskalenders, der täglich auf Facebook eine Überraschung für euch bereit hat, kennenlernen. Darum dreht sich heute auch alles um Adventskalender und wo sie zu finden sind.

Anne Zandt aka Poisonpainter hat sich mit einigen Autoren zusammengeschlossen und einen Blogroman geschrieben, den ihr nun in praktischen Häppchen bis Weihnachten genießen könnt. Weihnachtsmänner, Rentiere, Norwegen und eine Geschichte um Liebe, Angst, Depression und Zusammenhalt. Ho ho ho.

Auch bei Sophie Fawn könnt ihr täglich auf der Facebookseite vorbeischauen und jeden Tag einen tollen Preis gewinnen. Viele Autoren haben mitgemacht und verstecken sich mit ihren Büchern hinter den Türchen. Da ist auf jeden Fall für jede und jeden etwas dabei.

Der Bücherstadtkurier hat einen literarischen Adventskalender auf die Beine gestellt und versorgt euch täglich mit einem Leseschmankerl. Oh du süße Weihnachtszeit.

Beim Tintenhain von Mona könnt ihr ebenfalls jeden Tag vorbeischauen und einen buchigen Preis gewinnen. Ob klein, ob groß, ob jung, ob alt. Jeder kann sich hier freuen.

Ähnlich ist es bei Eva-Maria Obermann aka Variemaa, die auf ihrem Buchblog mit spannenden Themen, Rezensionen und weihnachtlichen Interviews aufwartet und jeden Tag einen tollen Gewinn bereit hält.
Bei so viel weihnachtlicher Vorfreude fühlen wir uns jedenfalls schon ganz inspiriert. Und damit ihr davon etwas abbekommt könnt ihr auf unserer Facebookseite jeden Tag einen tollen Drabble von einer unserer Nornen lesen. Für alle, die der Plattform lieber fern bleiben kommen hier die ersten drei 100-Wortgeschichten. Viel Spaß damit 🙂
Beste Freunde (June Is)

 

„Sag mir, was los ist“, drängte Wirnabo seinen gleichaltrigen Spielkameraden seit einer Stunde zum Sprechen.
„Du weißt genau, was los ist“, gab Benji leise zurück.
Wirnabo nahm eine Trotzpose ein. „Nein, weiß ich nicht. Außer, dass du nicht mehr mit mir sprichst. Was habe ich falsch gemacht?“
Nun schniefte Benji. „Nichts, aber …“
„Aber? Irgendetwas hast du doch.“
Langsam drehte Benji seinen Kopf in Richtung Zimmerausgang.
Wirnabos Blick folgte.
Obwohl sie für ihren Sohn hinter der Tür nicht sichtbar waren, konnte Benji die Anwesenheit seiner Eltern spüren.
Er hörte seinen Vater seufzen. „Er spricht doch wieder mit dem Unsichtbaren, Margret.“

Geschwister (Jana Jeworreck alias Moira)

Es war dunkel, kalt. Wütender Wind. Sie liefen zu Tausenden über die weite Fläche. Er sah sich nach seinen Geschwistern um.
Viele von ihnen rannten ebenfalls, doch andere verharrten auch in Schockstarre, darauf wartend, mitgenommen zu werden. Wenn der Wind kam, brachte er mehr von ihnen, schleuderte sie gegen den Widerstand, zerschlug sie, ließ keinen, wie er war. Der Große fragte sich, wann wohl sein Ende kommen würde.
Er griff sich einige seiner verängstigten Geschwister, umschlang sie schützend mit seiner dünnen Hülle, rannte, wie vom Teufel verfolgt, die Scheibe hinab. Er war der Schnellste und Größte der Tropfen – Aufschlag!

Kleider machen Leute (Elenor Avelle, von der auch die zauberhaften Grafiken zu unserem Kalender stammen)

Die Burgbewohner warfen neugierige Blicke herüber, besahen sich den Rock und machten sich ihre Gedanken. Dem Schmied erschien er zu kurz. Man konnte die Knie sehen, beim Bücken beinahe den Hintern.
Die Magd fragte sich, was wohl darunter steckte. Vielleicht nichts, denn so hieß es doch, dass solche wie diese nichts drunter trugen.
Der Ritter fand den Aufzug ganz und gar unangemessen. Solche Kleidung hatte er hier noch nicht gesehen. Die Frauen trugen Röcke bis zum Knöchel, die Männer Beinkleider.
„Ist euch nicht kalt?“, fragt ein kleiner Junge.
„Ein bisschen frisch bei euch“, sagte der Schotte. „Aber das geht schon.“

Und weil es der erste Advent ist, decken wir euch dazu doppelt ein;-)

Lebkuchen City (Diandra Linnemann)

Aus dem winterlichen Wald heraus beobachtet sie heimlich das Treiben. Eine glitzernde, dampfende Stadt steht jetzt dort, wo sie ihre Hütte gebaut hatte. Von überall kommen sie. Sie werden erwartet, umhegt, vorbereitet. Der Duft verzaubert sie, bis es zu spät ist.
„Think big“, hatten sie ihr gesagt, als sie den Vertrag unterschrieb. Nicht mehr nur für das eigene leibliche Wohl sollte sie sorgen. Man müsse nur anbauen. Umdisponieren. Und jetzt fahren LKW von der Fabrik auf der anderen Seite der Stadt ins ganze Land. Hier riecht es nicht nach Zimt und Nelken.
Plakate werben: Frisch auf den Tisch.
Saftige Weihnachtsbraten.

Fragefreitag: Welches ist dein Lieblingsgebäck?

Fragefreitag: Welches ist dein Lieblingsgebäck

Willkommen beim Fragefreitag im Nornennetz. Hier beantworten unsere Mitglieder regelmäßig spannende, interessante und auch mal kuriose Fragen. Ihr könnt gerne auf den sozialen Medien unter dem Hashtag #NornenFragefreitag mitmachen. Wir sind auf eure Antworten gespannt.

Anne Zandt aka Poisonpainter: Spekulatius. Gewürzspekulatius.

Diandra Linnemann: Selbstgemachtes Brot – man merkt, dass ich ein Landei bin.

Katharina Ushachov: Je nach Jahreszeit. Im Winter: Spekulatius (mit Mandeln), im Frühjahr Mazzot, im Sommer mag ich kein Gebäck, da ist es mir zu schwer und im Herbst Apfelkuchen.

Elenor Avelle: Zimtsterne. Mein Großvater hat jedes Jahr gebacken und die mochte ich am liebsten. Bislang kamen keine an die meines Großvaterns ran, was vermutlich daran liegt, dass die Sterne nicht nur aus Backzutaten bestanden, sondern auch aus Erinnerungen und dem Feriengefühl.

June Is: Vanillekipferl im Winter und Schokocroissants im Sommer …

Eva-Maria Obermann alias Variemaa: Ich liebe alles, was Zitronenguss hat, Lebkuchen und Nussiges. Mit Marzipan, Zitronat und Orangat kann man mich aber jagen^^

M.D. Grand: Meine Vorlieben schwanken. Mal habe ich Lust auf Käsebrezel, mal auf Schokobrötchen. Mal reichen Butterkekse, mal will ich die viel zu süßen mit übermäßig künstlichem Geschmack. Nur ein Gebäck geht immer: Zupfkuchen.

Michelle Janßen: Spekulatius und Makronen. Am besten frisch von Omas Backblech geklaut.

Janna Ruth: Kekse, am liebsten meine Haselnusssternchen, Mohnkugeln und Shortbread.

Tiphaine Somer Elin: Trockene Kuchen: Marmor, Nuss, Zitrone, Hefezöpfe/strudel – alles was nicht feucht/sahnig oder glitschig ist.

Esther: Gerade in der Weihnachtszeit liebe ich es, die Familienrezepte von Freunden auszuprobieren – aber klassische Vanillekipferl, norwegische Pfefferkuchen und ein Marzipan-Quarkstollen (ohne Orangeat, bäh!) müssen immer dabei sein.

Jasmin Engel: Generell bin ich ein großer Fan von allem süßen Gebäck, das ich jederzeit Schokolade vorziehe, bevorzugt Bananenkuchen, Muffins und Zimtschnecken, im Winter kommen noch Lebkuchen dazu.

Paula Rose: Apfelcrumble mit weihnachtlichen Gewürzen, immer wieder ein göttlicher Genuss.

Esther Wagner alias Kirana: Kekse und Kuchen in allen Variationen – nur bitte laktosefrei und ohne Rosinen.

Anne Colwey: Baumkuchen mit dunklem Schokoladenguss.

Katharina Rauh: In der Weihnnachtszeit vor allem Lebkuchenfiguren, Lebkuchen und Stollen. Ansonsten Apfeltaschen, Nussschnecken, Vanilleschnecken, Krapfen (Berliner, Pfannkuchen was auch immer in eurer Region der Name ist) mit außergewöhnlichen Füllungen, Kuchen aller Art, Torten, Bamberger Hörnla… Ok, ok, vielleicht sollte ich einfach erwähnen, dass mein Vater Bäcker ist und ich einfach ALLES mag 🙂

Wahnsinn in 50k oder warum die Pomodoro-Methode auch im Haushalt hilft (Irina Christmann)

Der NaNoWriMo neigt sich dem Ende zu. Viele haben schon die 50k erreicht, wieder andere haben aus verschiedenen Gründen aufgegeben.

Manche Geschichten sind beendet, andere fangen gerade erst an …

Ein großes Ereignis kommt nicht ohne Zahlen aus, auch wenn ich** kein Freund dieser ständigen Wordcountdurchsagen bin, fand ich die tägliche Info erstellt durch Eluin nur für unsere Servergruppe doch sehr interessant. Überrascht habe ich zur Kenntnis genommen, dass das gesamte Team bereits am 15.11.2017 rund 1 Million Wörter geschrieben hatte. Zum Vergleich: Das ist mehr als doppelt so viel wie bei Herr der Ringe und ein bisschen weniger als alle Harry Potter Bände zusammen.

Ich sage, wir sind alle Gewinner, egal ob wir eine Story beendet oder einfach nur ein Stück vorangebracht haben, egal ob der Button sich grün gefärbt hat oder eben nicht. Wichtig ist, dass man es versucht hat. Und genauso wichtig ist das Erkennen der eigenen Grenzen. Was bringt es, zwei Wochen Schreiburlaub zu machen, wenn man den größten Teil des Tages nur vor dem PC sitzt und den blinkenden Cursor auf dem halbleeren Dokument anstarrt – wie ich letztes Jahr – statt konzentriert eine Stunde zu schreiben, bevor man ins Bett geht, oder vor der Arbeit, auf dem Weg dahin, oder wo und wann auch immer man sich am besten fühlt?!

Für mich lebenswichtig war das #team5am

Spätesten 5.30 Uhr starteten wir in einen Wordsprint und mindestens die Hälfte des Tagespensums war geschafft. Ein bisschen chatten während des ersten Kaffees, Tees, Kakaos des Tages und mein Tag konnte so richtig losgehen. Mit dem Wissen schon so viel geschafft zu haben waren auch Rechercheaufgaben für das Schulprojekt des Kindes oder der Einbau von Rauchmeldern zu verkraften und mehr oder weniger eine Randerscheinung, die mich kaum aus der Fassung bringen konnte. Der Abendspaziergang mit dem Hund diente der Planung der Szenen für den nächsten Schreibtag und nach erfolgreichen Tagen gönnte ich mir statt weiterer Schreibzeit einen Film oder ein gutes Buch. Auch wenn ich wusste, dass ich eigentlich noch schreiben könnte. Allerdings ist es viel einfacher morgens mit den schon fertigen Ideen anzufangen, als erst neue ausbrüten zu müssen.

Dieses Gehemmtsein hält sich bei mir, nämlich im Zweifel den ganzen Tag. Ich persönlich bin total froh, wie der NaNo bei mir gelaufen ist. Von Anfang an hatte ich eine tolle Truppe zusammen, mit der ich mich täglich mehrmals über unseren Chatserver austauschen konnte. Immer war jemand da, mit dem man sich freuen konnte sich virtuell ausheulen. Wir haben uns mit WordWars zum nächsten Ziel getrieben und zwischendurch mal eben schnell den Plot geändert, weil es sich eben so ergeben hat. Wir haben neue Wörter erfunden, uns mehrmals gewünscht einen Zeitregulierer wie Hermine Granger zu haben, oder mit Dr. Who in die Tardis steigen zu können. Wir haben Charaktere getauscht, Namen erfunden und uns über das Lieblingsprogramm unserer Kinder unterhalten, denn ja, die meisten von uns sind schreibende Mütter oder Väter, Studierende, volltags arbeitende Menschen die um jede Minute Schreibzeit kämpfen.

Zu wissen, dass man nicht alleine ist, hilft ungemein

Irgendwann zwischendrin hatte mich der Ehrgeiz gepackt und ich wollte die 50k nur mit Sprints erreichen, von diesem Ziel bin ich derzeit noch ziemlich weit entfernt, aber noch kann ich es schaffen. Aber es tut gut ein Wortpolster zu haben, wenn es doch noch eng wird. Denn tatsächlich geht bei mir eben immer das echte Leben vor … Auch wenn es sich um Bügelwäsche oder die Reinigung des Treppenhauses handelt.

Wie sich herausgestellt hat, ist eine Abwandlung der Pomodoro-Methode durchaus praktisch für mich: Nach einem Schreibintervall weg vom Rechner, und z. B. die Wäsche aus der Maschine aufhängen, oder in den Trockner packen. Dabei die Gedanken ein bisschen wandern lassen und mit einer neuen Idee nach erledigter Aufgabe zurück an den Rechner. Nach einem weiteren Schreibintervall dem Berg Bügelwäsche zu Leibe rücken. Und wie sich herausgestellt hat sind – genau wie im NaNo – die kleinen Schritte am Ende auch effektiv. So effektiv sogar, dass dafür am Wochenende plötzlich mehr Schreibzeit vorhanden war, weil die Wäsche eben schon gemacht und das Treppenhaus schon am Donnerstag gewischt war.

Es sind Erfahrungen wie diese, die ich aus dem NaNo 2017 mitnehme. Danke, dass ihr in „meinem Team“ wart und wir diese Zeit zusammen erlebt haben.

**Autorin des Beitrags ist Irina Christmann

Fantasy und Trauma (Paula Roose)

Traumata in Märchen haben eine lange Tradition. Schon von Alters her haben Menschen fantastische Geschichten genutzt, um schwierige Seelenlagen zu beschreiben.

Ein Trauma ist eine Verletzung durch Gewalteinwirkung, im Körper genauso wie in der Seele. Mit dem Unterschied, dass man ein körperliches Trauma von außen sehen kann. Wer in einem Unfall einen Arm verliert, muss nicht um Hilfe kämpfen. Er wird versorgt, bekommt Mitgefühl und auch eine Würdigung seines Leides. Er muss nicht erklären, warum er nicht mehr klatschen kann.

Das Leid eines seelischen Traumas ist nicht sofort sichtbar. Der Betroffene zieht sich zurück und seine Mitmenschen denken, er braucht Ruhe. Er vermeidet gewisse Dinge, vielleicht öffentliche Plätze oder Autofahrten und auch hier denkt sich niemand etwas dabei. Er schläft schlecht, zittert, hat Albträume … ja, und da wissen Angehörige und Freunde auch oft nicht, was sie tun sollen. Die Hilflosigkeit dem Erlebten gegenüber ist bei Opfern und ihrem Umfeld oft gleichermaßen vorhanden. Wer Opfer von seelischer Gewalt wurde, landet häufig auf Klinik- oder Therapiewartelisten und wird mit seinem Schmerz alleingelassen.

Beide haben vielleicht gemeinsam, dass sie nicht über das Erlebte sprechen können. Der eine muss es auch nicht, weil man es ihm ansieht. Dem anderen bleiben Hilfe und Würdigung seines Leides dadurch versagt.

Fantasy eignet sich oft gut als Chiffre für Traumata (Grafik: Elenor Avelle)

Trauma im Märchen

Sprache finden für das Unaussprechliche. Darum geht es in Märchen. Was die Seele nicht in Worte fassen kann, gelingt in Bildern. Und diese Bilder schenken Verstehen und wurden schon immer dazu gebraucht, Ungeheuerlichkeiten auszusprechen.

So erzählt das Märchen »Allerleirau« von sexuellem Missbrauch, »Der Mann im Eisenofen« beschreibt einen Narzissten, »Der Teufel mit den drei goldenen Haaren« innerpsychische Konflikte. Sehr deutlich wird es bei »Rumpelstilzchen«, in dem Unmenschliches von der Müllerstochter verlangt wird, sie es nur mit übernatürlicher Hilfe bewältigen kann und das Problem erst behoben wird, nachdem es beim Namen genannt wurde. Aber auch jüngere Literatur greift das Thema auf, »Harry Potter« z.B. beschreibt Merkmale der posttraumatischen Belastungsstörung sowie deren Bewältigung, und auch Frodo leidet zum Ende »Der Herr der Ringe« unter einer PTBS.

Ich* selbst habe in einem Roman häusliche Gewalt zum Thema gemacht. Entstanden ist er, als ich einen Betroffenen fragte, ob ich mir das so vorstellen müsse: Der Vater ein Drache, die Mutter ein Bär, und immer der Geruch von verbranntem Bärenfell in der Luft? Das Bild traf es in seinen Augen genau und wurde zur Geburtsstunde von Drachentau. Die Umwege über Bilder leisten das, was Betroffene nicht zu tun vermögen: Sie sprechen das Unaussprechliche aus und machen es für Außenstehende fühlbar. Wie furchtbar, denkt jemand, der eine bildhafte Szene liest, eher, als wenn er es real erzählt bekommt, vielleicht noch mit tonloser Stimme, weil der Betroffene nicht anders kann.

Paula Rooses Fantasyroman Drachentau

Verarbeitung durch Perspektivwechsel

Aber Märchen und Bildsprache leisten noch mehr. Sie ermöglichen Lesern, Distanz zur Geschichte zu bewahren, selbst zu bestimmen, wie nah sie das Geschehen an sich herankommen lassen möchten. Real erzählt wären Traumageschichten für Betroffene kaum lesbar. Es würde das Erlebte zu sehr wieder wachrufen, sie triggern. Im Fantasygewand ist es im Zweifelsfall eben nur eine erfundene Geschichte, die ich wieder ins Regal stellen kann.

Traumata sind Teil unseres Lebens, ob wir wollen oder nicht. Fast jeder hat schon mal etwas Schlimmes erlebt oder kennt jemandem, dem etwas passiert ist. Mich beeindruckt, dass Bilder, die das Geschehene beschreiben, oft von ganz alleine kommen. Ich denke, das ist auch der Grund, warum sie so universell funktionieren. Es gibt eine Sprache, die jeder versteht, die in besonderer Weise Mitfühlen möglich macht. Die Bildsprache. Ein kinästhetisches Prinzip sagt, wenn die Last zu schwer ist, musst du den Weg verlängern. Märchenbilder verschaffen uns diese Umwege, lassen uns die Last in kleineren Portionen auf die andere Seite bringen, im besten Fall ins Verstehen.

Und noch etwas leistet Fantasy. Wenn das Leid am größten ist, die Lage aussichtslos, der Tod unausweichlich, lässt sich Hilfe durch Magie herbeirufen. Sie beflügelt die Fantasie, nimmt der Schärfe die Spitze, schafft Auswege in Sackgassen. Das tut der Seele gut und kann ein heilsames Potential entfalten. Vielleicht ist das der Hauptgrund, warum ich das Fantasygenre für meine Traumageschichten gewählt habe. Der Drache ist zu Staub zerfallen, die Eishexe im ewigen Feuer verbrannt. Und ein kleines bisschen Magie trägt jeder in sich. Das behaupte ich jetzt einfach mal.

 *Autorin des Beitrags ist Paula Roose

(Quellen: Hans-Peter Röhr »Narzissmus, das innere Gefängnis«, »Vom Glück, sich selbst zu lieben«, »Ich traue meiner Wahrnehmung«; Verena Kast »Abschied von der Opferrolle«)