Von düsteren Visionen, Umweltschutz und starken Frauen

Ein Plädoyer für Margaret Atwood und ihre Dystopien

„Alle Schriftsteller sind Optimisten, ganz egal, wie pessimistisch ihre Bücher sind. Warum würde man etwas schreiben, wenn man nicht annimmt, dass jemand es lesen wird.“

(Margaret Atwood)

Margaret Atwood (Foto by Larry D. Moore, CC BY-SA 4.0)

Wäre Margaret Atwood dem Berufseignungstest ihrer Highschool gefolgt, wäre sie Bibliothekarin oder Automechanikerin geworden. Stattdessen studierte sie englische Sprache und Literatur, obwohl sie das Schreiben eigentlich mit dem Alter von sieben Jahren an den Nagel hängen wollte, nachdem ihr Erstlingsroman von einer mit einem Floß gestrandeten Ameise im Mittelteil versandete. „Romanschriftsteller kennen das“, sagte sie in ihrer Rede bei der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels. „Der Anfang lässt sich vielversprechend an. Der Mittelteil dann: frustrierend, vielleicht sogar langweilig. Und erst recht, wenn es sich bei der Heldin um ein Insekt handelt.“

Die Begeisterung für Insekten erbte Margaret Atwood zweifellos von ihrem Vater, einem Entomologen, den sie schon als Kind regelmäßig in die kanadischen Wälder begleitete – ohne fließendes Wasser und Elektrizität. Trotzdem hat sich Atwood nie als rückwärtsgewandt, reaktionär oder technikfeindlich verstanden, sehr wohl aber als enthusiastische Umweltschützerin.

Lange trug Atwood sich mit dem Gedanken, Botanikerin zu werden, doch statt fluoreszierende Kartoffeln zu klonen, wandte sie sich der Literatur zu. Über 60 Bücher hat sie in ihrem Leben veröffentlicht, darunter Romane, Gedichte, Kurzgeschichten-Sammlungen, Kinderbücher und sogar eine Comicserie über einen Superhelden namens Angel Catbird. Einige Themen ziehen sich allerdings durch viele ihrer Werke, darunter auch die Umwelt, Klimawandel und Tierschutz. In „Oryx und Crake“ und „Das Jahr der Flut“ zerstört eine menschengemachte Seuche zur Genmanipulation die Zivilisation. In „Der Report der Magd“ ist die Bevölkerung durch Giftgase, verseuchtes Wasser und Atomschläge größtenteils unfruchtbar. Selbst in dem illustrierten Kinderbuch „For the birds“ beschäftigt sich Atwood auf kindgerechte Weise mit Artenschutz und Luftverschmutzung.

„Die Welt ist süchtig nach Öl – wie nach Drogen“, sagt sie kopfschüttelnd in einem Interview mit „Der Zeit“. „Wenn der Ölhahn morgen abgedreht würde, bräche das größte soziale Chaos aus.“ In einem umfassenden Essay beschreibt sie ihre Vision von einer Welt ohne Rohöl. Tröstlich einerseits – eine Rückkehr zu regionalem Anbau, Eisenbahn, Fahrrädern und Biogärten, ganz wie die „Gottesgärtner“ in ihrem Roman „Das Jahr der Flut“. Andererseits aber auch bedrohlich, Gedanken an Aufstände, Plünderungen, Totalitarismus und Zusammenbruch. „Wenn wir nicht bald auf Bild eins hinwirken“, warnt Atwood in ihrem Beitrag, „bleibt uns nur eine Version von Bild zwei. Horten Sie Hundefutter – kann sein, dass Sie es brauchen.“

Margaret Atwoods dystopische Romane sind also keine wirre Fiktion, sondern bergen einen wahren Kern, der in den letzten Jahren unangenehm deutlich hervorgetreten ist. “Make Margaret Atwood fiction again” – dieser Spruch prangte am Tag nach Donalds Trumps Amtsantritt als US-Präsident auf dem Schild einer Aktivistin beim Women’s March in Washington. Er drückte die Sorgen einer ganzen Generation von jungen Frauen aus, die die feministischen Errungenschaften der letzten Dekaden schmelzen sahen.

Nun ist während Trumps erstem Amtsjahr keine Realität eingetreten, die mit dem totalitären, puristischen Gilead-Regime aus „Der Report der Magd“ vergleichbar wäre, doch die Entwicklungen sind dennoch bedenklich. In ihrer Rede bei der Verleihung des Friedenspreises nennt Atwood eine ganze Reihe von Problemen, die aktuell „Zeiten von Bedrohung und Wut“ verursachen: Klimakatastrophen, Nahrungsmittelknappheit, Kriege, Flucht, wirtschaftliches Ungleichgewicht, Technisierung oder Medien-Manipulation. Alles Themen, die sie auch in ihren Dystopien aufgreift und in ihren Extremen zeigt. „Niemand kennt die Zukunft“, sagt Atwood, „aber von mir wird das oft erwartet. Man kann nur begründete Vermutungen anstellen.“

Wie treffend diese Vermutungen teilweise sein könnten, zeigen einige Aspekte aus „Der Report der Magd“, der 1984 entstand, quasi im Schatten George Orwells. Christlich-fundamentalistische Fanatiker ermorden den Präsidenten und die Regierung, setzen die Verfassung außer Kraft, Zensieren die Medien und beschneiden die Rechte der Frau auf ein Minimum: Wer nicht zur Elite zählt, bekommt nur eine Aufgabe zugewiesen, nämlich Kinder zu gebären. Die Reaktionen der USA auf 9/11, der von Trump verhängte Einreisestopp gegen Muslime, die Debatte um Fake-News und Social Bots, aber auch der brutale Hass islamistischer Fundamentalisten passen erschreckend gut in diese Vision.

Im „Report der Magd“ begleitet der Leser die Ich-Erzählerin Desfred, eine junge Frau, die aus ihrem geregelten Leben gerissen, ihres Ehemannes und ihres Kindes beraubt und zum Eigentum eines militärischen Machthabers ernannt wird. Desfred ist keine strahlende Heldin, keine Kriegerin, keine Rebellenführerin. Sie hadert mit ihrer Rolle, mit dem Konflikt zwischen Ausbruch und Gehorsam, versucht ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen und gleichzeitig daran festzuhalten. Sie hofft, obwohl es keine Zukunft gibt, und bleibt impulsiv, wo Vernunft gefragt wäre. Margaret Atwood ernennt ihre Protagonistin nicht zu einer Heilsgestalt, sondern zeigt ihr Schicksal ungeschönt, kühl und mit einem klaren Blick für Details.

Auch „Das Jahr der Flut“ ist ein tolles Beispiel für interessante Frauenfiguren, die gerade wegen ihrer Schwächen, Fehler und Kanten Identifikationspotenzial entwickeln. Toby, eine ehemalige Studentin, entkommt ihrem brutalen Arbeitgeber und findet Schutz bei der Öko-Sekte der „Gottesgärtner“, ebenso wie die junge Ren, die aus einem Luxusleben gerissen und zusammen mit ihrer Mutter von einem skrupellosen Mega-Konzern gejagt wird. Auch hier sind die Protagonistinnen keine Helden, im Gegenteil, gerade Ren verhält sich oft kindisch, naiv und unvorsichtig und Tobys Pragmatismus lässt sie kühl und unnahbar wirken. Trotzdem hinterlassen diese Frauen Eindruck und entwickeln angesichts des völligen Zusammenbruchs der Zivilisation ungeahnte Kräfte.

Margaret Atwoods Dystopien sind also nicht nur reine Fiktion, sondern obendrein ein Spiegel relevanter gesellschaftlicher Themen. Sie beschäftigen sich mit Umweltschutz, politischen Veränderungen, Feminismus, Religiosität und Radikalisierung. Sie senden eine Botschaft, die in den letzten Jahren noch an Bedeutung gewonnen hat.

In ihrer Rede bei der Verleihung des Friedenspreises findet Margaret Atwood klare und inspirierende Worte für ihre Leserschaft und – vor allem – für junge Autorinnen und Autoren:

„Lassen Sie uns keine Türen schließen und Stimmen zum Schweigen bringen. Eines Tages werde ich einen Strand entlang spazieren oder einen Buchladen betreten, und ich werde eine Flaschenpost finden oder ein Buch, und ich werde es öffnen und werde die Botschaft lesen, von dir an mich – ja, von dir da draußen, einem jungen Schriftsteller, und vielleicht ist es sein erstes Buch. Und ich werde sagen: Ja. Ich kann dich hören. Ich kann deine Geschichte hören. Ich kann deine Stimme hören.“

Margaret Atwoods Homepage: www.margaretatwood.ca
Margaret Atwood auf Twitter: https://twitter.com/MargaretAtwood
Eine vollständige Liste ihrer Bibliographie: http://margaretatwood.ca/full-bibliography-2/

Ein Beitrag von Elea Brandt.

Foto by Larry D. Moore, CC BY-SA 4.0.