Nornenadvent: Die Drabble der Woche (2)

Wie versprochen kommt ihr heute wieder in den Genuss der Drabbles aus unserem Adventskalender auf Facebook. Die Grafiken stammen aus der Feder von Elenor Avelle.

Sie kriegen dich (alle Jahre wieder) (Christina Diart)

Leise schleichen sie durch deine Wohnung, während du friedlich schläfst, eingepackt in deine Decke, denn die Welt wird kalt.
Sie verunstalten dein Wohnzimmer, versprühen überall ihren widerlichen, zimtigen Geruch und hinterlassen in jeder noch so winzigen Ecke ihren unverkennbaren Glanz.
Wenn du morgens erwachst, geweckt von den ach so lieblichen Klängen der Glöckchen, und das Ausmaß ihres nächtlichen Treibens bemerkst, ist es bereits zu spät.
Du bist infiziert und weißt, dass du dich erst Wochen später erholen wirst. Sie haben dich erwischt – wie jedes Jahr – und bringen dich dazu, summend durch die Einkaufszentren zu schlendern. Widerliche, kleine Biester, diese Weihnachtswichtel.

Katzengesang im Sternenlicht (Laura Kier)

Zwei Katzen sitzen gelangweilt auf einer Wiese und warten auf den Mond. Doch der erscheint in dieser Nacht nicht am Horizont.
»Es ist, wie es ist. Der Mond ist fort«, seufzend lässt die Kleinere der beiden Katzen den Kopf sinken.
»Ach wie herrlich«, meint die Andere. »Dann hat er endlich seine geliebte Sonne eingeholt.«
Zusammen beginnen die Katzen in unterschiedlichen Tonlagen zu Maunzen und lassen ihr Freudenlied in der sternenklaren Nacht erklingen.
Kurz darauf taucht der Mond auf.
»Was ist das?«, fragt die Kleinere.
»Er ist zu uns zurückgekehrt – und nicht allein.«
Silbern und golden färbt die Morgendämmerung die Welt.

Die Tänzerinnen (June Is)

Joliel starrte auf die Bühne. Gleich müsste auch seine Freundin Maylea auftauchen. Ballettshows waren ihre Leidenschaft, er selbst konnte es nur als künstlerische Elfenhüpferei bezeichnen. Trotz seines Banausentums begleitete Joliel sie oft. Ihre Worte von vor vielen Jahren klangen in seinem Ohr nach. „Ich finde es sehr erregend, wenn du dabei bist.“
Das Licht ging langsam aus und viele graue Balletttänzer kamen von allen Seiten auf die Bühne geströmt. Einer stach in Gelb heraus. Als die Musik einsetzte, stellten sich alle auf ihre Zehenspitzen und begannen zu tanzen.
Joliel musste grinsen, als ein Fan von weiter hinten laut „Maylea!“ rief.

 

Arachne (Eva-Maria Obermann aka Variemaa)

Sie ist die beste, keine Frage. Im Weben und Spinnen schafft sie Kunstwerke, die glitzern als wären sie aus Sternenstaub. Warum sonst sollte man sie beneiden?
Tausende schon haben ihre Werke bewundert, ja sogar versucht ihr nach zu eifern. Umsonst. An ihr Können kommt kein Mensch ran.
Mit einem Seufzer setzt Arachne den nächsten Faden an. Mit ihren Beinen balanciert sie geschickt, so dass auch dieser Faden seinen Platz findet. Doch manchmal waren sie ihr auch im Weg. Noch einmal seufzt Arachne und sieht an sich hinunter.
Ja, ein Mensch kam noch nie an ihre Kunstfertigkeit heran. Eine Göttin schon.

Alle Jahre wieder (Tiphaine Somer Elin)

Es war ein Funkeln und Glitzern, auf den heruntergeklappten Holzläden lag allerlei Tand. Er sah genau hin. Sah Händler, sah Geld, das in Kassen verschwand. Weihnachtsmarkt hieß es, Christkindls Markt.
Er war sich nicht sicher, dass es ein guter Markt war.
Dann sah er Kinder mit großen Augen, roch den Duft von frisch geschlagenen Tannen und von schwerem, gewürztem Wein. Süße Musik verwehte den Trubel. Erwachsene standen und lachten, sie fanden zusammen auf dieser kleinen, fröhlichen Insel inmitten einer hektischen Welt.
Diesmal würde er die Tische der Händler nicht umwerfen – der Markt, der seinen Namen trug, war ein guter Markt.

Eine andere Saite (Jana Jeworreck alias Moira)

Ich laufe eine Straße entlang. Sie ist düster und eng. Ich sehe, dass auf dem Asphalt etwas aufblitzt, gehe vorsichtig darauf zu. Es ist eine Saite, gerissen und achtlos zu Boden geworfen. Die Sonne trifft sie aus einem eigenartigen Winkel. Sie scheint zu glühen. Links und rechts ragen Hauswände in den Himmel empor, wie Felsen einer Schlucht. Nur ein Spalt bringt Licht. Und da leuchtet diese zarte Saite, vielleicht von einer Gitarre. Ich beuge mich hinab, hebe sie hoch und siehe da, es öffnete sich eine Tür in der Mauer. Es ist der Eingang zu einer Bar der besonderen Art.

Die Qual der Wahl (Anne Zandt aka Poisonpainter)

Wieder konnte er sich nicht entscheiden. Nahm er die Braungebrannte? Den Klassiker? Sie hatte ihn schon beim Vorbeigehen verführerisch angelächelt und war der Grund, warum er schließlich stehen geblieben war.
Doch neben ihr lag die Schwarze, die auch nicht zu verachten war oder auch die in Schneeweiß gehüllte. Allerdings, die mit den roten Punkten wollte er auf keinen Fall. Oder doch lieber etwas Größeres und Kräftigeres? Etwas ganz anderes? Hin und hergerissen blickte er sie an, wägte seine Entscheidung ab.
„Haben Sie sich entschieden, welche Mandeln Sie haben wollen?“, fragte der Händler nach einer Weile mit einem leicht genervten Unterton.

Noch eine Woche bis Weihnachten? Da füllen wir doch vor lauter Vorfreude das Türchen doppelt!

Das Höllenfeuer (Myna Kaltschnee)

Sie tanzen beschwingt ums Feuer. Ihre Körper werfen lange Schatten auf den Untergrund. Bizarre Figuren zeichnen sich im dämmerigen Licht ab.
Sie sind alle gekommen: Junge und Alte, Große und Kleine. Nur um sich dieses Ereignis nicht entgehen zu lassen. Sie haben sich den ganzen Tag darauf gefreut und nun ist es endlich Wirklichkeit. Wieder einmal ist ihnen eine ins Netz gegangen. Wieder einmal lodert das Höllenfeuer in den pechschwarzen Nachthimmel. Das muss kräftig gefeiert werden!
Sie stimmen einen fröhlichen Gesang an: „Die Hex‘ ist tot. Die Hex‘ ist tot.“ Vom Scheiterhaufen erklingen schauerliche Schreie, bis die Flammen sie ersticken.

Nornenadvent: die Drabble der Woche

Wie versprochen kommt ihr jetzt in den Genuss der Drabbles aus unserem Adventskalender auf Facebook. Die Grafiken stammen aus der Feder von Elenor Avelle.

Die Bestie (Myna Kaltschnee)

Eilig hastet er durch die nächtlichen Straßen, als würde er von einer Bestie verfolgt. Er hat nur eines im Sinn: Er muss raus aus der Stadt. Weg hier, bevor ein Unglück geschieht.
Endlich lässt er all die kleinen Lichter hinter sich und dringt vor in den Wald. Im Schutz der Bäume verlangsamt er seinen Schritt. Er atmet laut und stoßweise. Seine Haut juckt, als hätte er sich seit Wochen nicht mehr gewaschen.
Er strauchelt, geht zu Boden. Das Jucken wird stärker. Mit Tränen in den Augen wirft er den Kopf in den Nacken. Wolfsgeheul ertönt.
Die Bestie ist in ihm.

Durch das Land (Laura Kier)

Bergauf, bergab, durch den Wald, vorbei an Weizen und Mohn. Der Wind trägt die Haare aus dem Gesicht; die Sonne wärmt die Muskeln auf.
Ein Bachlauf lädt zum Planschen ein, doch weiter geht‘s den Weg entlang. Immer schneller bis die Sterne leuchtend am Himmel stehen. Schatten huschen durch die Nacht, doch das Licht erhellt den Weg, vertreibt die Dunkelheit und weiter, weiter geht es durch das Land. Geradeaus und in Kurven, durch Tunnel, über Brücken; mal Steil, dann flach – von den Bergen bis ans Meer.
Die Augen sind müde, das Herz ist froh: denn Besenfliegen, dass geht immer wo.

Kündigung (Jasmin Engel)

Er hasste seinen Job. Es war immer das Gleiche. Alle forderten stets nur und erwarteten von ihm auch noch, dass er ihre Wünsche mit einem breiten Lächeln erfüllte. Am Besten gab er ihnen zudem ein überraschendes Extra obendrauf.
Als Saisonarbeiter hatte man es noch besonders schwer. Mit all dem könnte er sich wahrscheinlich abfinden – wenn nur dieses seltsame Gefühl nicht wäre! Gelegentlich war ihm, als würden große Augen ihn beobachten. Als greife eine Hand in sein Leben ein.
Als Jan am Morgen des 6. Dezember vor das weihnachtliche Diorama auf der Kommode trat, war die Figur des Nikolaus verschwunden.

Beute (Eva-Maria Obermann)

Leise schlich er sich heran. Ein geübter Blick nach links, ein geübter Blick nach rechts und schon war er sicher, unbeobachtet zu sein.
Gut.
Nun galt es auch keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Vorsichtig hob er die Nase in die Luft und schnupperte. Schon hatte er sein Ziel errochen.
Bald konnten auch seine Augen es fixieren.
Jetzt nur keinen Fehler machen.
Blitzschnell zuckte er nach vorne, ergriff seine Beute und lief damit zurück, dorthin, wo er hergekommen war, um sich zu nähren.
Das Wasser lief ihm im Mund zusammen und endlich konnte er gierig das Zellophan vom Schokoladennikolaus ziehen.

Kathy (Michelle Janßen)

„Mama“ sagte Kathy.
Doch Mama sage nichts.
„Mama!“ Das Auto brummte leise vor sich hin und Kathy musste gähnen. Mama schien sie nicht zu hören.
Sie blickte träge aus dem Fenster und beobachtete die Welt draußen. Die Bäume wehten leicht im Wind. Ihre Augen wurden schwerer und schwerer. Sie fielen immer wieder zu. Im Auto war es warm und Kathy war so müde. Doch etwas lies sie nicht einschlafen. Etwas hielt sie wach. Der Gurt schnitt in ihre Schulter, doch das war es nicht.
Kathy sah den Polizist überkopf auf sie zurennen, bevor sie ihre Augen schloss und endlich einschlief.

Lichtbringer (Tiphaine Somer Elin)

Er stand auf seinem Platz und wartete still im kalten Nieselregen. Er hatte keine Eile. Sie würden kommen, sie kamen immer. Sie würden Blumen bringen. Und Lichter.
So viele Lichter, von überall würde es leuchten. Er liebte das. Meist trugen die Kerzen ein rotes Gewand, nicht selten ein weißes, aber ihre flackernden Flammen spendeten goldenes Licht. Goldenes! So festlich, so tröstlich.
Wer kam, hatte eine Liebe zurückgelassen, doch das Leuchten half. Es verwischte die Grenzen zwischen dem Hier und der anderen Seite.
Regentropfen rannen ihm über die glatten Wangen. Er schmeckte Salz. Tränen?
Der steinerne Engel über dem Grab blinzelte.

Der Engel (Nike Leonhard)

Der Duft nach Zimt, Kardamom, Nelken und Ingwer hing in der Luft. Irene buk. Weihnachtsplätzchen. Das gehörte zum Advent dazu. Egal, was die Kinder sagten.
Sie blinzelte dem Porzellanengel auf der Fensterbank zu. „Du verstehst das, oder?“
Holla! Ihr war, als habe der Engel zurückgeblinzelt. Sie musste wirklich zum Augenarzt. Aber jetzt die Plätzchen. Schnell, denn um drei kam Karin, ihre Älteste, zum Kaffee.
Als Irene den Teig ausrollte, wurde ihr schwindelig.
„Ich halte dich“, sagte der Engel sanft. „Gib mir deine Hand.“
Karin fand sie auf dem Küchenboden. Still, kalt, lächelnd. Um sie herum glitzten die Scherben des Porzellanengels.