Eluin: Nachts an Gleis 3. #Halloween im #Nornennetz

Es war still auf dem Bahnsteig. Nur der Wind trieb einige Blätter vor sich her. Die Lichter des letzten Nachtzugs wurden kleiner, bis die Dunkelheit sie verschluckte. Ein Schatten huschte über den Boden und ein Mann in einem langen Ledermantel trat an die Bahnsteigkante. Er ließ den Blick schweifen. Verlassen.

»Dann wollen wir mal«, sagte er und lief zur Treppe. Schritte hallten von den Wänden wider, als er die Stufen hinabstieg. In der Bahnhofshalle war niemand zu sehen. Einzig die Scheinwerfer eines Autos konnte er in der Ferne erkennen.

Zügig trat er zum Fahrstuhl, der am Tag die Passagiere zu Gleis drei brachte. Als er den Schalter betätigte, glitten die Glastüren sofort vor ihm auf. Nun musste er rasch handeln.

Im grellen Licht der Kabine konnte er mühelos die Schrauben an der Schalttafel erkennen. Schnell drehte er eine nach der anderen heraus und ließ sie achtlos fallen

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Bildnachweis @eluin

Myna Kaltschnee: Der blasse Fremde. #Halloween im #Nornennetz

Die Turmuhr schlug dreimal. Noch fünfzehn Minuten bis ein Uhr morgens. Das bedeutete, dass in vier Minuten die letzte U-Bahn fuhr. Marietta eilte die dunkle Straße entlang. Eine Gänsehaut zog sich über ihre Glieder und sie vergrub die Hände tiefer in ihren Jackentaschen. Ihr Atem bildete feinen, weißen Dampf, der sich in der Dunkelheit auflöste. Die nächtliche Ruhe war ihr unheimlich. Normalerweise fuhren hier viele Autos und die Stimmen der Einwohner gaben ihr das Gefühl, nicht allein zu sein. Jetzt war es ganz still. Lediglich das hektische Klack-klack-klack ihrer Absätze hallte auf dem Asphalt wider.

Als sie die Station erreichte, fuhr die U-Bahn gerade ein. Marietta setzte sich in den hintersten Waggon. Geschafft! In gut fünfundzwanzig Minuten würde sie zu Hause sein. Ihre Lider waren schwer wie Blei. Sie konnte sie nur mit Mühe offenhalten. Die Geburtstagsparty ihrer besten Freundin war zwar schön gewesen, doch sie hatte ihr auch sehr viel Energie abverlangt. Um sich wachzuhalten, beobachtete sie die beiden einzigen weiteren Passagiere. Ein junges Paar saß wenige Reihen vor ihr und knutschte. Sie musste bei ihrem Anblick lächeln. Wie die beiden sich wohl kennengelernt hatten? Marietta liebte es, sich darüber Geschichten auszudenken. Das hatte sie schon als Kind gerne gemacht: Leute beobachten und ihr Schicksal erfinden.

Beim nächsten Halt stieg das Pärchen aus. Marietta zückte ihr Handy, aktivierte das Display und sah auf die Zeitanzeige. Null Uhr sechsundfünfzig. Noch drei Stationen. Aus dem Augenwinkel nahm sie wahr, dass jemand einstieg. Sie steckte das Handy zurück in die Tasche. Ihr Blick fiel auf ein paar schwarze Lackschuhe. Sie sah auf. Die Beine des Mannes steckten in schwarzen Stoffhosen, die Taille umschlang ein schwarzer Gürtel mit einem silbernen Schlangenkopf als Schnalle. Sein schwarzes Jackett schmiegte sich perfekt an den schlanken, fast mageren Oberkörper. Blutunterlaufene Augen, die in tiefen schwarzen Augenhöhlen steckten, starrten sie durchdringend an. Sie gehörten in das aschfahle, kantige Gesicht des Mannes, der gegenüber von ihr Platz genommen hatte. Seine schmale Hakennase und seine zurückgekämmten, weißen Haare erinnerten sie an einen Seeadler. Ihr Herz pochte. Warum glotzte er sie so an? Marietta schaute aus dem Fenster, was ihr ziemlich albern vorkam, da die Tunnelwände des U-Bahnschachts nicht sonderlich sehenswert waren. Jedoch konnte sie darin sein Spiegelbild beobachten, ohne ihn direkt ansehen zu müssen. Auch ihr eigenes blasses Gesicht blickte ihr mit aufgerissenen Augen entgegen. – Er starrte noch immer, fast so, als wollte er mit seinen Augen ihren Kopf durchbohren und in ihre Gedanken eindringen. Sie schauderte. Dieser Typ sah aus, als sei er einer Geisterbahn entlaufen. Unruhig knetete sie ihre Hände. Sie hoffte inständig, dass er sie nicht ansprach. Vielleicht stieg er ja gleich wieder aus?

Die Bahn blieb stehen. Noch zwei Stationen. Sie spürte seine brennenden Blicke auf ihrer Haut. Sollte sie ihn ansprechen und bitten, sie nicht so anzustarren? Den Sitzplatz wechseln? Doch Marietta traute sich nicht, sich zu rühren. Ihre Glieder waren ganz steif und angespannt. Ihr Atem ging schnell und stoßweise. Sie hatte das Gefühl, gleich zu ersticken. Schwarze Punkte tanzten vor ihren Augen auf und ab. Sie blinzelte, um sie zu verjagen. Ihre Finger krallten sich in das Polster ihres Sitzes. Bitte, lieber Gott, lass mich jetzt nicht umkippen! Es waren doch nur noch maximal zehn Minuten, bis sie endlich aussteigen konnte.

Die Fahrt kam ihr wie eine Ewigkeit vor. Er beobachtete sie noch immer. Seine schmale Unterlippe zuckte, als er die Augen zu Schlitzen zusammenkniff. Marietta jagte ein eiskalter Schauer über den Rücken. Bitte schau weg, dachte sie. Lass mich in Ruhe. Doch der Fremde heftete weiterhin seinen Blick auf sie. Sie kam sich nackt und hilflos vor, wie ein kleines Kind. Wie damals, als ihre Mutter sie schimpfte, nachdem sie eine zerbrochene Vase gefunden hatte. Was, wenn er versuchte, sie zu vergewaltigen? Es war doch sonst niemand in der U-Bahn. Sie war ihm völlig ausgeliefert. Würde sie sich wehren können? War sie stark genug? Besonders kräftig sah er ja nicht aus. Aber seine Augen funkelten so bedrohlich, dass sie ihm alles zutraute.

Bei der nächsten Station konnte sie es nicht mehr länger ertragen. Sie stand auf und stieg aus. Würde sie den Rest eben zu Fuß gehen. Doch der blasse Fremde erhob sich ebenfalls und folgte ihr auf den Bahnsteig. Verdammter Mist! Ihr Herz pochte wild gegen ihre Rippen, als sie die Treppen hinaufhastete. Bitte, lieber Gott, lass ihn abbiegen. Von hier aus waren es etwa zwanzig Minuten zu ihrer Wohnung. Sie überquerte die leere Hauptstraße und bog in die Hasengasse ein. Doch das Klack-klack-klack ihrer Absätze war nicht das einzige Geräusch. Da war noch das leise Klonk-klonk-klonk der schwarzen Lackschuhe, die ihr unmittelbar folgten. Sie warf einen flüchtigen Blick über ihre Schulter. Er ging etwa vier Meter hinter ihr. Seine Augen starrten sie noch immer an. Marietta bekam eine Gänsehaut und ihr Puls wummerte in ihren Ohren. War ihr vorhin noch kalt gewesen, so brannte sie jetzt innerlich, als hätte sie Fieber. Ihre schweißnassen Finger ballten sich zu Fäusten. Was würde er ihr antun, wenn er sie einholte? Würde er sie wirklich vergewaltigen? Oder vielleicht ausrauben? Sie hatte doch kaum Geld bei sich. Auf der Geburtstagsparty ihrer besten Freundin hatte man sie zu allem eingeladen. Sie ging schneller. Klack-klack-klack-klack. Klonk-klonk-klonk-klonk.

Sie bog in die nächste Gasse ein. Würde er ihr weiter folgen? Ein erneuter kurzer Blick bestätigte ihre Befürchtung. Schweiß rann ihr aus allen Poren. Was, wenn er sie niederschlagen und bewusstlos auf der Straße liegen ließ? Wie ein angefahrenes Tier. Hilflos und für jeden Taschendieb eine leichte Beute.

Noch zehn Minuten bis zu ihrer Wohnung. Klack-klack-klack. Klonk-klonk-klonk. Es gab nur einen Weg, sie musste versuchen, ihn abzuhängen. Marietta rannte los, so schnell sie in ihren hohen Schuhen rennen konnte. Hoffentlich knickte sie nicht um, dann wäre sie verloren und er würde sie in seine Gewalt bringen. Klack-klack-klack-klack. Die Schritte des Fremden wurden leiser. Sie sah über ihre Schulter. Tatsächlich! Sie hatte den Abstand vergrößert. Marietta lief schneller. Die kalte Nachtluft brannte ihr in den Lungenflügeln. Schweiß rann ihr über das Gesicht. Sie war diese Lauferei nicht gewohnt. An der nächsten Kreuzung rechts, dann immer geradeaus. Noch zehn Minuten. Sie warf abermals einen Blick über ihre Schulter. Der Fremde bog gerade ebenfalls um die Kurve, doch der Abstand war mittlerweile so groß, dass sie etwas langsamer laufen konnte. Glücklicherweise, denn ihr ging die Puste aus. Noch fünf Minuten, noch vier, noch drei. Marietta konnte schon ihren Wohnblock in der Ferne erkennen.

Sie verlangsamte ihr Tempo nochmals und sah sich um. Er war tatsächlich verschwunden. Marietta japste nach Luft. Gott sei Dank. Ihr Herz raste. Sie war völlig außer Atem. Ihre Haare klebten ihr im Gesicht. Sie wischte sie mit dem Handrücken aus den Augen.

Sie bog in ihren Hauseingang ein und fischte die Schlüssel aus der Jackentasche. Gleich würde sie in ihrem warmen Bett liegen und selig einschlummern.

Just in diesem Moment packte sie eine eiskalte Hand an der Schulter und riss sie herum. „So einfach entkommst du mir nicht, Liebchen.“

Marietta wollte schreien, doch sie bekam keinen Ton heraus. Hilflos zappelte sie in den Fängen des blassen Fremden.

Er funkelte sie mit seinen blutunterlaufenen Augen an, ehe er seine schmalen Lippen öffnete und seine Fangzähne entblößte.


Bildnachweis @Elenor Avelle

Diandra Linnemann: Charybdis. #Halloween im #Nornennetz

Ein dumpfer Laut dröhnte durch den leeren Gang, als ob die Wellen einen toten Körper gegen die Außenhülle der Charybdis drückten. Giuseppe zuckte zusammen. Auch nach drei Monaten auf See hatte er sich nicht an die Geräusche gewöhnt, die man durch den metallenen Rumpf hörte, oder an die merkwürdig schlingernden Bewegungen des Schiffs. Besonders in der Nacht wirkte es, als lebten garstige Wesen in den Wänden. Egal, wo man sich befand, man hörte sogar die kleinste Bewegung der Crewmitglieder oder die Schreie der Fracht. Er schüttelte sich, um die verkrampften Schultern zu lockern. Dann sammelte er weiter die Rettungswesten auf, die von ihren Trägern beim Verlassen des Schiffs in der Eile achtlos verstreut worden waren.

Heute Nacht fuhren sie nicht hinaus, um die Schlauchboote abzufangen …

Weiterlesen: https://diandrasgeschichtenquelle.org/2017/10/20/fuers-gruseln-charybdis-kurzgeschichte/

J.M.H. Reichert: Monster. #Halloween im #Nornennetz

Vorsichtig betrat Maezaye die Bibliothek und schirmte das Licht der Kerzen mit der Hand ab. Das Knarzen der schweren Tür durchdrang den hohen Raum, brachte ihn zum Zittern und Alarmschlagen; Jemand war unbefugt eingedrungen.

Ein Schaudern durchfuhr Maezaye, setzte sich in ihrem Bauch fest und kribbelte angenehm. Sie liebte dieses Gefühl und den Geruch von Staub und Pergament, der die Luft durchsetzte. Hier, im Reich ihrer Mutter, durfte sie sich nicht erwischen lassen. Doch sie brauchte das Labor im Herzen der Bibliothek, denn sie hatte eine Spur. Irgendetwas ging in diesem Haus vor. Ihre Mutter hatte sich verändert, vor einem Jahr, kurz nach Maezayes dreizehntem Geburtstag, als sie ungewollt den Strom der Magie im Keller angezapft und freigesetzt hatte. Ihre Mutter hatte das Leck geschlossen. Aber seitdem sah Maezaye keine Wärme mehr in ihren Zügen. Aus ihnen sprachen einzig Verachtung, Missgunst und Eiseskälte. Die zuvor so sanftmütige Magierin war selbstsüchtig geworden – und niemand schien die Veränderung zu bemerken. Also hatte sie Anhaltspunkte gesammelt, magische Analysen, die Camarena ihr verboten hatte. Denn so nannte Maezaye sie zuweilen gedanklich: Camarena, die Kalte.

Maezayes nackte Füße verursachten kaum einen Laut, als sie zum Arbeitstisch hinüberhuschte. Die ungeordneten Gläser und Fläschchen im Regal darüber reflektierten den flackernden Kerzenschein. In ihnen schimmerte es blau, violett und rot. Vorsichtig stellte Maezaye den Kandelaber auf die Tischplatte. Ihren Analysestein, ein flacher Pyrit, legte sie daneben. Magische Analysen waren nicht Maezayes, sondern Camarenas Fachgebiet. Für Kinderhände zu gefährlich, behauptete sie. Maezaye schnaubte bei dem Gedanken. Von wegen!

Die polierte Oberfläche des Edelsteins glänzte im Orangerot von Maezayes Magie, durchsetzt von goldgelbem Glimmen. Doch statt in unablässigem Züngeln die Fluktuation der Umgebungsmagie anzuzeigen, blieb das Leuchten gleichmäßig. Ein Hinweis auf ein stabiles arkanes Phänomen. Ob das der wahre Grund für das Verbot war?

Maezaye betrachtete das Regal neben dem Tisch. Bücher und Schriftrollen lagen quer übereinander, reihten sich an Schatullen und Schreibutensilien, Messer und Pinzetten. Ein Buch lag im untersten Fach, genau dort, wo Maezaye es nach ihrem letzten Besuch versteckt hatte. Bei all der Unordnung entging ihrer Mutter, wenn der schmale Einführungsband zur Analytik nicht an seinem Platz in den Bücherregalen stand, sondern direkt neben ihrem Arbeitstisch.

Schnell blätterte sie die Seiten durch, bis sie fand, was sie benötigte. Mit dem Finger auf dem Papier las sie sorgfältig Zeile um Zeile und prüfte sie den Zauber, die sie um den Pyrit gewoben hatte. Sie sah keinen Fehler. Das Konstrukt der Magie entsprach den Anweisungen. Allen arkanen Ausrichtungen war eines gemein: Egal ob Analysen oder Schutzzauber, mit denen sich Maezaye eigentlich beschäftigen sollte, sie folgten bestimmten Mustern. Die Anzeige des Steins war korrekt. Genauso korrekt wie die Zahlen in ihrem Notizbuch. Die Umgebungsmagie floss in dieser Villa gleichmäßig und deutete auf eine starke Quelle unabhängig der Ströme hin.

„Also doch“, murmelte Maezaye und sah sich in der Bibliothek um. Sie brauchte einen Fokus, ein bündelndes Element, um den Ursprung zu erfassen. Das Kribbeln in ihrem Magen verstärkte sich. Sie würde dem Convent beweisen, dass etwas im Hause DiVentin vor sich ging und dass sie in der Lage war, die Analysemagie zu meistern.

Kurz entschlossen suchte sie nach dem passenden Buch und fand sogar eines mit Camarenas Randbemerkungen auf den Seiten. Ein Fokus zu generieren war leicht. Knifflig würde die Implementierung in ihr Artefakt. Aus einigen Gläsern nahm sie sich die im Buch aufgezählten Reagenzien sowie eine Perle aus Topas, die kaum größer war als ein Hirsekorn. Konzentriert las sie die Angaben und modifizierte ihren improvisierten Analysestein. Sie rechnete und verschob die arkanen Muster des Zaubers, den sie mit Pyrit verbunden hatte, erschuf durch die Mixtur aus erhitzter Phansäure, Skieverextrakt und Kohlestaub als Katalysator vorsichtig eine Lücke. Die Fäden des Magiekonstruktes durften nicht zerreißen. Doch kaum platzierte sie den Topas mit einer Pinzette in der Mitte, begann das Gefüge zu vibrieren. Die Lücke verzog sich, Maezayes Magie leuchtete grell auf – und hinter ihr fiel krachend die Tür ins Schloss.

Maezaye fuhr herum. Ihre Mutter kam wütend auf sie zu.

„Habe ich dir nicht verboten, hierher zu kommen?!“

Der harsche Ton kleidete Maezayes Innerstes mit porösem Rost, unter dem jeglicher Gedanke zerfiel. Mit tauben Fingern umklammerte sie die Tischkante. „Aber ich wollte doch nur …“

Weiter kam sie nicht.

Camarena trat neben sie, holte aus und fegte energisch Mörser, Gläser und Werkzeug vom Tisch. Es klirrte, als etwas auf dem Boden zerschellte. „Ich habe es dir verboten!“

Die Wut ihrer Mutter verdrehte das Kribbeln in Maezayes Bauch zu einem erbitterten Ziehen, das sie drängte, den Raum zu verlassen und die Konfrontation zu meiden. War sie aufgeflogen? Wusste Camarena, wonach sie suchte? „Aber hier ist irgendetwas im Haus.“ Maezaye griff hinter sich, nahm den Pyrit und hielt ihn ihr entgegen. „Und es beeinflusst dich!“

Plötzlich lächelte ihre Mutter und machte ihrem stillen Beinamen alle Ehre. „Du hast Halluzinationen, Schätzchen. Dein Vater macht sich deswegen bereits große Sorgen.“

Maezaye sah die fremd gewordene Frau an. Der Rost bröckelte und legte den Schmerz bloß, den diese Worte verursachten. Sie sorgte sich nicht? Heftig schüttelte Maezaye den Kopf. „Ich habe keine Halluzinationen. Schau!“ Erneut hob sie den Analysestein. Doch ihre Mutter riss ihn ihr aus der Hand.

Die im Pyrit gespeicherte Magie löste sich und durchfuhr Maezaye wie ein Donnerschlag. Orangerot sprang nach allen Seiten davon; ein Regen aus magischen Funken, die flüchtig aufglühten und sich plötzlich zu einem Punkt zusammenzogen. Die Energie sammelte sich, wanderte glühend Camarenas Arm hinauf. Maezaye konnte die Genugtuung in ihrem Gesicht erkennen, ehe ihre Züge vibrierten und zerbrachen. Dahinter erkannte Maezaye etwas Grauenvolles.

Eine entstellte Fratze lächelte freudlos. Kalte, dunkle Augen stachen Maezaye ins Herz.

„Deswegen hatte ich es dir verboten“, sagte das Wesen mit der Stimme ihrer Mutter und doch einer anderen. „Wir brauchen keine Einmischung.“ Der Pyrit fiel zu Boden und Klauen fuhren aus ihren Händen. Maezaye verstand. Camarena, die Kalte, war die ungewöhnliche magische Präsenz. Ein Monster, das nicht in ihre Welt gehörte. Die Erkenntnis versteinerte jede ihrer Poren. Maezaye sah die Klauenhände ausholen. Krallen bohrten sich in ihren Hals, in ihr Gesicht. Der plötzliche Schmerz ließ sie zurückzucken. Sie stolperte, ihr Kopf schlug hart auf die Dielen. Die Monsterfratze erschien über ihr.

Mit tauben Fingern tastete Maezaye nach etwas, an dem sie sich festhalten konnte. Scharf schnitt es ihr in die Hand. Sie wagte kaum zu atmen. Als die Pranken erneut auf sie zuschnellten, stach Maezaye zu. Das Wesen heulte auf, Blut spitzte. Nein, das war keine Halluzination. Sie bildete sich die Analysen nicht nur ein. Oder? Mit dem Zweifel drang ein Schrei auf sie ein und sie hielt sich die Ohren zu. Erst, als sie innehielt, bemerkte sie, dass sie selbst geschrien hatte.

Alles war so stumpf, alle Gedanken, alle Gefühle. Sie tanzten um sie herum, im Strahlen der Wut. Ihr ganzer Körper zitterte, dennoch erhob sich Maezaye und kam taumelnd auf die Beine.

Das Scheusal lag auf dem Boden, es bewegte sich noch. Maezaye sah sich um und griff nach einem der Messer. Die Wut gleißte so hell, ließ den Rost schmelzen und entflammte die schmerzliche Erkenntnis. „Wo ist meine Mutter?!“, verlangte sie zu erfahren. Aber als Antwort erhielt sie nur ein Gurgeln – oder lachte es?

„Wo ist meine Mutter?!“, schrie sie erneut und warf sich auf das Monster. Immer und immer wieder stach sie auf den entstellten Körper ein. Die Fratze verschwand, ihre Mutter lag unter ihr, ein Auge zerfetzt vom Glas, das andere weit aufgerissen. Das scheußliche Wesen war verschwunden.

Maezaye ließ das Messer fallen und schob sich hastig rückwärts. Ihr Rücken prallte gegen etwas Hartes, es schepperte. Sie zog die Beine an und vergrub den Kopf in den Armen. Wie durch einen Kokon nahm sie wahr, dass jemand hereinstürmte. Geschrei erfüllte die Bibliothek, jemand zog Maezaye grob auf die Füße und schüttelte sie. Sie sah in das Gesicht ihres Vaters. Seine Worte wurden von dem Rauschen in ihren Ohren übertönt.

„Sie war ein Monster“, blieb alles, was Maezaye hervorbrachte.


Bildnachweis @Elenor Avelle

Elea: Der Jüngling. #Halloween im #Nornennetz

Tick-tack. Tick-tack.

Das Pendel der Uhr war das einzige Geräusch in der Dunkelheit. Dünnes Mondlicht kroch zwischen den schweren Samtvorhängen hindurch, zeichnete die Konturen des Kleiderschranks und des Schaukelpferds nach und spiegelte sich auf der Oberfläche der Emaille-Waschschüssel.

Viktoria starrte schlaflos an die Decke ihres Himmelbetts, die sie wie ein sternloses Firmament überspannte. Aufmerksam horchte sie in die Finsternis. Nichts. Keine Schritte auf den Dielen. Kein Licht unter der Tür. Alles schlief.

Es ist soweit.

Angespannt bettete Viktoria ihre Puppe auf die Laken und deckte sie sorgfältig zu. Sie drückte ihr einen Kuss auf das Porzellangesicht und setzte behutsam einen Fuß auf den Holzboden. Nur ein einziger Versuch.

Sie hielt den Atem an, presste die Lippen aufeinander und stieß sich vom Bett ab. Einen Moment stand sie schwankend auf den Dielen wie ein Seemann auf wackligen Planken, doch sie hielt das Gleichgewicht.

Vorsichtig tat sie einen Schritt nach dem anderen. Sie konnte es kaum fassen: Ihre Beine trugen sie! Ein breites Lächeln huschte über ihr Gesicht. Ihr Freund hatte Wort gehalten. Sie konnte nicht widerstehen und verpasste dem Rollstuhl neben ihrem Bett einen kleinen, triumphalen Schubs, sodass er knarrend zur Wand rollte. Heute Nacht würde sie ihn nicht brauchen, das hatte der Jüngling ihr versprochen.

Mit fliegenden Schritten eilte sie zum Fenster und zog die schweren Vorhänge beiseite. Der Garten lag vor ihr wie verwunschen. Eiben ragten als schwarze Finger aus dem Gras, durch das wispernd der Wind strich, und fahles Sternenlicht fing sich im Seerosenteich in der Ferne.

Viktoria drückte den Haken aus dem Verschluss und zog die hohen, doppelflügeligen Fenster auf. Der Herbstwind roch nach Laub und Moos und wehte feuchte Blätter in ihr Gesicht. Papa würde zornig sein, doch sie hatte keine Wahl. Sie musste den Jüngling sehen. Er wartete auf sie.

Vorsichtig schwang Viktoria ihr rechtes Bein über das Fenstersims, dann zog sie das linke nach. Wie ein Vogel saß sie auf ihrem Ast und schaute in die Tiefe. Ihre Zunge klebte trocken am Gaumen und ihr Herz pochte wild gegen ihren Brustkorb. So hoch. So viele Meter.

»Vertraust du mir nicht?«, hatte der Jüngling gefragt und sie mit seinen traurigen Bernsteinaugen angesehen. »Du musst mir vertrauen. Du bist meine Freundin.«

Viktoria atmete tief durch, während beruhigende Wärme ihren Körper durchflutete. Ja, sie vertraute ihm. Und sie sprang.

Für einen Moment, der in der Ewigkeit verwurzelt schien, schwebte ihr Körper durch die nasskalte Nacht und ihr entfuhr ein leiser Schrei. Doch als sie schon erwartete, die Härte des unvermeidlichen Aufpralls zu spüren, umfing sie eine sanfte Umarmung.

Helle Locken umrahmten das weich geschnittene Gesicht des Jünglings und ein lilienweißes Gewand umschmeichelte seinen Körper. Unergründliche Augen leuchteten Viktoria entgegen.

»Das hast du gut gemacht«, flüsterte er. Sein Atem glitt über Viktorias Haut und liebkoste ihre Wangen. »Du bist ein tapferes Mädchen.«

Viktoria lächelte und hob das Kinn, um größer zu erscheinen. »Ich habe es dir versprochen.«

»Das hast du«, gab er zu und ergriff ihre Hand. »Komm, ich will dir etwas zeigen.«

Seite an Seite huschten die beiden durch den Garten und Viktorias nackte Füße flogen über das feuchte Gras. Wie sehr hatte sie das vermisst! Obwohl sie die Vorstellung grenzenloser Freiheit in Begeisterung versetzte, war sie froh, dass ihr die Hand ihres Freundes Sicherheit und somit Zuversicht schenkte. Bedrohliche Schatten umfingen sie und tanzten in der Dunkelheit. Kahle Äste streckten ihre Fänge nach Viktoria aus, griffen nach ihrem Haar, verfingen sich in ihrem Nachthemd. Feuchte Nachtluft legte sich auf ihre Haut und Schlamm klebte an ihren Füßen. Einen Moment sehnte sie sich in ihr warmes Bett zurück, doch sie wusste, dass sie ihren Freund nicht enttäuschen durfte.

Sie erreichten den südlichen Teil des Gartens, in dem im Sommer überwachsene Lauben und duftende Blumenbeete zum Verweilen einluden. Viktorias Blick glitt die Weißdornhecke hinauf, die als unüberwindliche Mauer in die Höhe ragte und ihren goldenen Käfig begrenzte.

Fragend sah sie ihren Begleiter an: »Und nun?«

Er lachte und seine Zähne blitzten im Dunkeln. »Ich zeige es dir. Vertrau mir.«

Sie schlenderten weiter, die Hecke entlang, vorbei an einer Weide, deren Zweige Viktorias Haarschopf kitzelten.

»Da sind wir.«

Überrascht hielt sie den Atem an, ihre Finger umfingen die Hand des Jünglings noch fester.

Ein Huschen und Knacken zog sich durch den Weißdorn wie ein Windstoß. Knarzend wichen die Äste auseinander und gaben einen Durchgang frei, der in einen langen, von Hecken gesäumten Gang mündete. Andächtig betrachtete Viktoria das Tor, dessen Zweige mit einem Mal in sattem Grün sprossen.

Die Hand des Jünglings schloss sich besitzergreifend um ihre. »Komm«, munterte er sie auf. »Das ist unser Geheimnis. Wollen wir es erkunden?«

Viktoria nickte begeistert und folgte ihrem Freund durch das Tor. Wie eine Königin schritt sie den heckengesäumten Weg entlang, gehüllt in diffuses, weißes Licht, das sie wie Mondschein umfing. Andächtig staunend ließ sie ihren Blick schweifen und ein glückliches Lächeln zauberte sich auf ihre Lippen.

Neugierige Gesichter beäugten sie aus der Hecke heraus, geformt aus Blättern und Ranken mit runzligen Wangen und dunklen Knopfaugen. Eine knorrige Hand steckte ihr eine Blüte ins Haar. Irgendwo gurgelte ein Springbrunnen und eine leise, verträumte Melodie drang aus der Ferne an Viktorias Ohr. Jauchzend streckte sie die Hände in die Luft und drehte sich zu den Klängen, bis ihr schwindlig wurde.

Ihr Begleiter schwieg und beobachtete sie lächelnd. Eine Locke fiel ihm ins makellose Gesicht.

Viktoria ließ sich treiben, tanzend, lachend. Befreit von allen Zwängen. Sie folgte ihrem Freund tiefer hinein in den Irrgarten, dessen Pfade und Windungen immer neue Überraschungen bereithielten. Am Springbrunnen hockte eine Nixe aus fließendem Wasser, die gurgelnd ihr Haar in den Nacken warf. Ein glitzernder Schleier folgte ihrer Bewegung und zerstob in unzählige Tropfen.

Tausende, nein, Abertausende Schmetterlinge umschwirrten die weißen Blüten der Hecken und hinterließen schimmernde Streifen in der Luft, die nach Lilien dufteten. Viktoria hielt den Atem an, als sich einer von ihnen auf ihrer Hand niederließ, die violett schillernden Flügel im eigenen Takt wippend. Jauchzend warf sie ihn zurück in die Luft, wo er rasch im Tintenblau des Nachthimmels entschwand.

Sie waren schon ganz nah, Viktoria konnte es spüren. Ganz nah an dem, was im Zentrum des Labyrinths auf sie wartete.

Beiläufig warf Viktoria einen Blick zurück – und hielt inne. Kalter Wind strich ihr durchs Haar und jagte eine Gänsehaut über ihren Rücken. Ranken krochen spinnengleich über den Boden, schlangen sich ineinander und verschlossen knarzend den Durchgang, bis undurchdringliches Dickicht den Rückweg versperrte. Dunkelheit schlich heran und überzog die weißen Blüten mit einem schwarzen Schimmer, ließ sie verkümmern, verblühen, sterben. Beklemmende Kälte drang in Viktorias Brustkorb. Das Atmen fiel ihr schwer.

Wimmernd sah sie sich nach ihrem Begleiter um, der sie fragend musterte. »Was ist los?«

»Die Hecken«, murmelte Viktoria. »Ich … ich kann nicht mehr zurück.«

Der Jüngling verzog die dünnen Lippen zu einem Lächeln, das Viktoria schaudern ließ. Da war kein Funkeln mehr in seinen Augen, nur gähnende Finsternis. Keine Wärme, nur Frost. »Ich weiß«, flüsterte er. »Niemand kann zurück.«

Viktoria rang nach Atem, als die Melodien mit einem Mal verstummten. Panisch presste sie die Hände auf den Mund und starrte fassungslos auf die schwarzen Wände, die sich plötzlich um sie her auftürmten. Dornen sprossen aus den Ästen und Zweigen. Die fröhlichen Gesichter verzerrten sich zu Fratzen. Die Klänge verkamen zu kakophonem Jaulen und schnitten in ihr Trommelfell. Angst kroch Viktoria in die Glieder. Sie fuhr herum. Der Jüngling war fort.

Ein Schrei entrang sich ihrer Kehle, doch er verhallte in der Schwärze der Dornen. Sie rannte. Rannte blind in das Gewirr aus Hecken, die sich unüberwindlich in die Höhe schraubten. Rechts. Links. Geradeaus. Sackgasse. Viktoria fuhr herum, schweißnass und atemlos vor Angst. Die Ranken krochen näher, umschlangen Viktorias Bein. Blut spritzte. Brennen durchzuckte Viktorias Körper, als sie ihr Bein endlich losriss. Zurück zur Kreuzung. Dann links. Wieder links. Sie musste dem Zentrum schon nahe sein.

Viktoria schluckte und spürte, wie sich ihr Brustkorb zusammenzog. Etwas war dort. Etwas wartete auf sie.

Sie konnte nicht atmen. Die Luft schmeckte nach Blei und Schwefel. Ihre Lungen brannten, ihre Kehle schien ausgedörrt. Wimmernd sank sie auf die Knie und kauerte sich zusammen. Die Welt stand still, selbst das Heulen des Windes und das Knarzen der Äste verstummte. Wie ein schwarzes, kaltes Tuch legte sich Schweigen über den Ort und Viktoria blinzelte. Tränen liefen über ihre Wangen und verfingen sich in ihrem Nachthemd.

Mit zitternden Knien richtete sie sich auf. Das Zentrum war ganz nah – und obwohl grässliche Angst durch Viktorias Adern rann, wusste sie, dass dort ihr Ziel liegen musste. Der Ort, den sie so oft schon in ihren Träumen gesehen hatte. Der ihr Angst machte, doch zugleich Erlösung versprach.

Viktoria füllte ihre Lungen mit Luft und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Nein, es gab keinen Grund zu weinen. Sie musste sich nicht fürchten.

Die Ranken ringsum verharrten, die Dornen wichen zurück. Fest entschlossen schritt Viktoria den Pfad entlang. Ihr Gefühl trieb sie voran, die absurde Gewissheit, jede Abzweigung genau zu kennen. Rechts. Links. Die grotesken Fratzen hatten ihren Schrecken verloren.

Sie durchquerte den letzten Torbogen und spürte, wie ein Windhauch über ihre Haut streichelte. Wehmut erfasste sie, als die Ranken den Weg versperrten. Sie hätte sich gern verabschiedet.

Ein Funke löste sich aus dem Schatten. Der blonde Jüngling lächelte und reichte Viktoria seine Hand. »Komm«, flüsterte er und sein warmer Atem umschmeichelte ihre Wange. »Lass uns gehen.«

*

Ein Schrei riss die Bewohner des Hauses aus dem Schlaf. Ein Schrei und das Bersten von Porzellan. Während die Mägde die ohnmächtige Amme in ihre Kammer schleppten, starrte der Hausherr fassungslos auf den zerschmetterten kleinen Körper unter dem Fenster. Er konnte es nicht begreifen. Sie war so schwach gewesen, selbst zu schwach, um zu essen. Wie konnte sie …?

Mit tränenüberströmten Wangen sank er im Gras nieder. Sie sah so friedlich aus, sein kleines Mädchen. Die Augen geschlossen, ein dünnes Lächeln auf ihren blassen Lippen. Der süßliche Duft von Lilien zog ihm in die Nase, als er ihre kalte Wange berührte.

Schlaf gut, mein Engel.


Bildnachweis Maxwell Young https://unsplash.com/photos/bQYV0dz9GjE

Irina Christmann: Morgengrauen. #Halloween im #Nornennetz

Schlaflos wälze ich mich hin und her. Meine Gedanken lassen mich nicht in Ruhe. Hin und wieder nicke ich für ein paar Minuten weg, nur um dann erneut hochzuschrecken.

Mein Mitbewohner und bester Freund Chester sitzt neben dem Bett und sieht mich an. Ab und zu legt er seinen Kopf zu meinem auf das Kopfkissen und winselt leise.

„Na komm, lass uns rausgehen. Hat eh alles keinen Sinn“, sage ich und stehe auf.

Wenig später sind Chester und ich unterwegs. Zwei Wanderer in der grauen Nacht. Der Nebel verschluckt sämtliche Geräusche. Die Umrisse der mir vertrauten Gebäude sind seltsam verzerrt. Meine Angst darf ich mir jedoch nicht anmerken lassen. Schon jetzt ist mein vierbeiniger Begleiter nervöser, als er sein sollte. Das sonst übliche Schwanzwedeln hat er eingestellt. Ich sehe seinem Körper die Anspannung förmlich an, als ob ein Gewitter in der Luft hängt. Dass er kein Beschützer ist, weiß ich schon länger. Aber er ist derzeit alles, was ich noch habe. Und irgendetwas ist da draußen.

Daniel hat immer über meinen siebten Sinn gelacht. Letzten Endes hat es ihn das Leben gekostet, nicht auf mich zu hören. Ich beschleunige meine Schritte. Unauffällig sehe ich mich um. Gehe andere Wege als die, die ich sonst gehe. Aber auch so werde ich niemanden treffen. Es ist zu spät in der Nacht. Oder zu früh am Morgen. Je nachdem, wie man es sehen will.

Das Laub der Alleebäume raschelt unter Chesters Pfoten und meinen Schritten. Das Licht der Straßenlaternen taucht alles in ein diffuses Schimmern, das mehr Schatten zaubert, als Helligkeit zu spenden.

Chester schnüffelt an den Hecken und Büschen, bis er ein Plätzchen findet, das ihm für sein Geschäft passt und ich krame schon mal die Tüte aus der Jackentasche. Der Wind ist noch nicht kalt, aber der Winter wird nicht mehr lange auf sich warten lassen. Heute ist Halloween oder viel mehr Samhain, wie das kleine leise Stimmchen meiner fast vergessenen Religion mir zuflüstert. Der Tag, an dem die Tore zwischen den Welten offenstehen. Und dieses Jahr warten noch mehr Menschen auf der anderen Seite auf mich als im Jahr davor. Menschen, die ich geliebt habe und die mir fehlen.

Mein Hund trottet wieder an meine Seite und ich habe keine Ahnung, wo sein Häufchen liegt. Schulterzuckend stecke ich den Plastikbeutel ein und setze meinen Weg fort. Rede mir ein, dass es nur an dem verdammten Nebel liegt. Um uns beide zu beruhigen, rede ich mit meinem vierbeinigen Begleiter. Leise erkläre ich ihm oder vielmehr mir, was durch meinen Kopf rauscht. Er läuft unbeeindruckt an meiner Seite, sieht mich an, drückt sich sogar während des Gehens an mein Bein. Wir müssen uns beide dringend entspannen. Aus diesem Grund will ich für ein paar Tage wegfahren. Ans Meer. Nur Chester und ich. Wir sind jetzt auch alleine. Aber dann wären wir weg von den Erinnerungen.

Die letzten Häuser hinter mir lassend, gehe ich an der Baustelle für das neue Wohnheim vorbei. Ich höre die Folien an den noch leeren Fenstern im Wind flattern. Der Kran dreht sich langsam und knarrend. Unterbrochen von Wolkenfetzen beleuchtet der Vollmond den Weg. Rechter Hand liegt der Wald, durch den wir normalerweise gehen würden, vorbei am ehemaligen Steinbruch, der im Sommer einigen Studenten als Schwimmbad dient. Oder in lauen Sommernächten von Pärchen auf der Suche nach Zweisamkeit frequentiert wird.

Heute renne ich mehr oder weniger die Strecke bis zum Stadtpark, in dem die Wege immer beleuchtet sind. Zum tausendsten Mal sehe ich mich um. Bilde mir ein, jemanden im Schatten der Bäume verschwinden zu sehen.

„So, Zeit für uns, nach Hause zu gehen“, teile ich Chester mit. Vor uns huscht ein Eichhörnchen über den Weg. Es rennt einen Baum hinauf und kurz darauf fällt eine Nuss vor mir auf den Boden. Ich zucke erschrocken zusammen. Auch das ein Anzeichen dafür, dass ich komplett überdreht bin. Was soll mir ein so kleines Tier schon antun können? Selbst zu Halloween dürften die recht ungefährlich sein. Nichts desto trotz geistern Bilder von Zombie-Eichhörnchen durch meinen Kopf, die zu einer Armee von Untoten werden und mich verfolgen. Wie immer ist es mir absolut unerklärlich, wie mein Hirn auf solche Dinge kommt. Ich schaue keine Horrorfilme oder Thriller. Alles, was eine Altersfreigabe über 12 hat, ist für mich tabu. Die schockierendsten Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe, dürfte der letzte Band von Harry Potter gewesen sein.

Wenige Meter vor mir liegt schon die Straße nach Hause. Ich bleibe stehen und nehme Chester an die Leine, der mich daraufhin beleidigt anschaut. „Tut mir leid, aber ich darf dich nicht einfach so rumlaufen lassen. Du weißt doch, Jagdsaison und so …“, erkläre ich. Genau genommen hätte ich es auch im Park nicht gedurft. Verordnung der Gemeinde zur Leinenpflicht. Dass die Leine mir ein Stück Sicherheit vermittelt, kann er sicher nicht verstehen. Oder vielleicht doch? Schon immer war Chester an meiner Seite, wenn es mir schlecht ging. Je nach Stadium im selben Raum oder sogar in meinem Bett. Unerlaubt natürlich.

Ein Auto fährt an uns vorbei. Automatisch versuche ich, am Motorengeräusch zu erkennen, welche Marke es ist. Ein Spiel aus meiner Jugend. Nur selten konnte ich gegen meinen Vater gewinnen. Er war einfach Profi.

Das Gefühl, nicht alleine zu sein, wird mit jeder Sekunde stärker. Wieder und wieder sehe ich mich um, spitze die Ohren, suche in den Schatten vor und hinter mir. Wie immer in solchen Momenten kommt mir der Weg länger vor als bei Sonnenschein. Wiederholt schimpfe ich mit mir selbst, warum ich nicht einfach daheim geblieben bin. Grundsätzlich wäre ein Spaziergang im Hellen angenehmer gewesen. Bis zum Sonnenaufgang hätte ich mit einer Tasse Kaffee und einem guten Buch auf der Couch liegen können. Aber das kann ich nachholen, wenn ich zu Hause bin.

Die Aussicht darauf verdrängt das schlechte Gefühl ein kleines bisschen. Allerdings nur bis zum Gartentor. Als wäre hier seine Quelle, hüllt der Nebel mein kleines Haus ein. Chester knurrt leise, sein Fell sträubt sich, höchste Aufmerksamkeit also auch bei ihm.

Zögernd gehe ich weiter, greife in die Jackentasche und ziehe meinen Schlüssel heraus. Chester versteckt sich zur Sicherheit hinter mir. Die Luft scheint noch ein paar Grad kälter geworden zu sein und riecht nach …

Aber das kann nicht sein! Er ist tot. Erst gestern war ich an seinem Grab. Verdammte Erinnerungen!

Ich schüttele den Kopf und mache einen weiteren Schritt, als plötzlich eine schwarz gekleidete Gestalt vor mir steht.

„Guten Morgen, Daniel“, sage ich automatisch. Dabei ist es unmöglich, dass er hier ist und sich die Kapuze seines Lieblingspullovers nach hinten schiebt, damit ich sein Gesicht sehen kann. Ein sanftes Lächeln liegt auf seinen Lippen, als er den Kopf schief legt und eine Hand nach mir ausstreckt.

„Hey, Tom. Ich hab dir doch versprochen, dass ich immer bei dir sein werde!“


Bildnachweis Irina Christmann

Anne Zandt: Das Geheimnis der Milton Road. #Halloween im #Nornennetz

Es war der erste sonnige Tag seit Langem und er genoss das Gefühl der Wärme auf seiner Haut. Gerade kam ihm niemand entgegen, also nutzte er den Moment und blieb stehen. Das Gesicht der Sonne zugewandt, hielt er seine Umhängetasche locker an der Seite und hatte die Augen geschlossen. Es war wunderbar, die Strahlen nach so langer Zeit der Tristesse seiner Arbeit und des anhaltenden Regens wieder auf seiner Haut zu spüren.

Ein leises Rascheln riss ihn aus seinen Gedanken und er sah sich nach dem Geräusch um …

Veiterlesen: https://dfppentertainment.wordpress.com/2015/02/08/das-geheimnis-der-milton-road/


Bildnachweis Anne Lenz auf http://canistecture.de/

Eva-Maria Obermann: Spiegelbild. #Halloween im #Nornennetz

„Wer bist du“, frage ich die Person im Spiegel. Sie lächelt still, antwortet nicht. Meine Hand fährt durch meine Haare, verfängt sich in einem kleinen Knoten. Auch ein Knoten in ihren Haaren, wie ich versucht sie, ihn mit den Fingern zu lösen, versagt, greift zur Bürste. Ich erkenne sie, es ist meine Bürste, das Spiegelbild meiner Bürste, das durch das Spiegelbild meiner Haare streift, entwirrt, reißt.

Erst als die Person das Gesicht verzieht, erkenne ich den leichten Schmerz, der meinen Kopf durchzieht. Ich will die Bürste fallen lassen, doch mein Spiegelbild hält an ihr fest.

„Warum tust du das?“ Meine Worte werden an der glatten Oberfläche reflektiert, fallen auf mich zurück, und ich frage mich, warum ich die Bürste fallen lassen will. Die Antwort bleibt aus wie die meines Spiegelbilds.

Das stille Lächeln ist standhaft. Es verändert das Bild vollkommen. Die Falten um den Mund werden zu Lachfalten, verjüngen. Die Augen, gerichtet auf sich selbst, verlieren sich in der Unendlichkeit der Wiederholung, die Facetten ihrer Iris potenzieren sich zum Farbenspiel in meinen Augen.

Ich vergesse mich im Selbstbild, das zum Fremdbild wird. Kenne ich sie?

Mir wird kalt, während hinter ihr ein Licht aufleuchtet. Ich sehe mich um. Sieht sie sich auch um? Es wird dunkel um mich, die Kälte breitet sich aus. Ein Geräusch aus dem Spiegel erreicht mich.

Woher kommt es, ich sehe nur mein Spiegelbild, die Erscheinung vor mir, die mich weiter anschaut, doch ihre Lippen formen Worte. Ich forme sie nach, versuche zu verstehen, was sie sagt, indem ich es selbst sage. Es hat keinen Sinn. Was will sie mir mitteilen?

Plötzlich befällt mich Angst, ich kann sie nicht lokalisieren, nicht verstehen. Wovor habe ich Angst? Sie soll nicht gehen, die Person im Spiegel, soll sich nicht abwenden, soll mich nicht zurücklassen in der Kälte. Das Licht wird dumpfer, pulsiert im Takt meines Herzens.

„Wovor fürchtest du dich?“, sage ich zu mir selbst. Oder sagt sie das? Ich halte an ihr fest, an den Worten, die aus ihrem Mund, der zu meinem Mund wird, unserem Mund kommen. Sie verhallen. Etwas hinter ihr, sie dreht sich um.

„Wohin gehst du“, rufe ich, schreie ich, fühle das Verblassen. „Warte“, flehe ich, doch mein Flehen wird zum ungehörten Hauch. Ich vergehe, weil sie geht, doch ich spüre keinen Schmerz. Nie wieder werde ich sie sehen, werde mich sehen, denn im nächsten Moment wird sie eine andere sein und ich bleibe das vergangene Spiegelbild des Gewesenen.


Bildnachweis @StockSnap auf pixabay

Anna Holub: Schneewittchen und der Jäger. #Halloween im #Nornennetz

 

Das Mädchen mit den ebenholzschwarzen Haaren und der schneeweißen Haut musterte den Jäger neugierig. „Was tut Ihr?“

„Ich muss Euch töten. Eure Stiefmutter, die Königin, wünscht es.“

„Oh.“ Sie seufzte leise. „Ich … ich verstehe.“

Der Jäger zog seinen Hirschtöter heraus, mit dem er den Hals des Wildes durchschnitt, wenn die Hunde oder Speere es niedergeworfen hatten. Die Klinge war so lang wie der Unterarm des Kindes. Er wog sie vorsichtig in der Hand, kostete den Moment aus.

Das Mädchen drückte sich stumm an die Felswand in ihrem Rücken und beobachtete ihn mit großen, traurigen Augen.

„Wollt Ihr nicht weinen? Um Euer Leben betteln?“

„Würde das etwas ändern?“, flüsterte sie.

Er zuckte mit den Schultern. „Nein.“ Dann breitete er seine Arme aus, um eine plötzliche Flucht zu verhindern, und ging einen Schritt auf sie zu. „Aber es würde es mir leichter machen.“

Sie nickte ernst. In den Schatten des Tals war es klamm geworden. Sie zitterte leicht; ihr musste kalt sein, so dicht an den Stein gepresst.

„Warum?“

„Warum was? Warum die Königin Euch aus dem Weg haben will?“

„Nein. Warum wollt Ihr mich töten?“ Ein wachsamer Ausdruck zeigte sich in ihrem runden, hübschen Gesicht. „Gefällt Euch das Töten? Oder dass ich Angst vor Euch habe? Oder tut Ihr das nur aus Angst vor der Königin? Hat sie Euch bedroht? Wird sie Euch in den Kerker werfen, wenn Ihr es nicht tut?“

„Ich bin ein treuer Untertan der Königin. Ich befolge ihren Befehl.“

„Und das ist alles?“

„Nein.“ Er grinste, als er zum ersten Stoß ansetzte. „Ich habe mich freiwillig gemeldet.“

„Oh. Gut.“

Der Jäger zögerte. „Was meint Ihr?“

„Ich hasse Feiglinge und Ja-Sager. Monster … richtige Monster sind köstlich.“

„Nennt Ihr mich ein Monster?“

„Nein.“ Sie grinste durch scharfe Zähne. „Ich nenne Euch köstlich.“

 *

Das kleine Mädchen lehnte sich lässig an den Torpfeiler, der in den Kräutergarten des Schlosses führte. An ihrer Hand schwang ein voller Leinensack. „Wir müssen wirklich aufhören, uns ständig so zu treffen, Hoheit.”

Die Königin seufzte. „Ich wünschte, du könntest lernen, mich Mutter zu nennen.” Sie schielte hungrig auf den Sack. „Hast du die Sachen?”

Das Mädchen warf den Leinensack vor die Füße der Königin, wo er mit einem Platschen aufschlug. „Lunge und Leber, wie Ihr bestellt habt, Hoheit. Der Rest war meiner.” Sie leckte sich die blutroten Lippen.

„Gut.” Die Königin hob den Sack mit spitzen Fingern auf und hielt ihn auf Armeslänge, um nicht ihr Kleid zu besudeln. Auf der Treppe des Kücheneingangs blieb sie noch einmal stehen.

„Eines Tages werde ich einen Jäger finden, der dich bezwingen kann“, bemerkte sie über ihre Schulter.

Das Mädchen zuckte mit der Achsel. „Ich weiß“, antwortete sie leichtfertig.

„Wenn alle Feiglinge und Ja-Sager aus meinem Hofstaat verschwunden sind.“

„Sicherlich.” Das Mädchen lächelte. „Aber bis dahin, Hoheit, bin ich das schönste Monster im ganzen Land.“


Bildnachweis @Elenor Avelle

 

 

June Is: Meine Kleine. #Halloween im #Nornennetz

1

Grellweißes Licht. Ein Schatten schiebt sich davor. „Na, meine Kleine? Du wirst doch nicht etwa Angst vor mir haben?“

Ihre Augen brennen. Hilfe! Warum hilft mir denn – “

Ein kratzendes Lachen unterbricht sie. Keiner hört dich hier unten. Aber keine Sorge, dein Vater holt dich bald wieder ab. Und wir wollen doch, dass du dann hübsch aussiehst.“

Lassen Sie mich in Ruhe, ich möchte das nicht …“ Schmerz und Angst vermischen sich mit ihren Tränen.

Aber wieso denn? So eine kleine Operation wird deiner wahren Natur nicht schaden.“

Nein, nicht … “

Hör doch, das Geräusch der Schrauben! Ich muss sie straffer anziehen, wenn du dich wehrst. Ahhhhhhh. Ich werde die kleinen Schweißperlen auf deiner Stirn wegtupfen, das muss doch unangenehm kitzeln.“

Mhppp mhps pmmmf.“

Ich weiß, ich weiß, der Onkel Doktor wird sich beeilen.“

 

2

Natürlich hörte sie es, das Geräusch. Gleich würde unsanfter Druck auf ihren Kiefer ausgeübt werden.

Aber meine Kleine, du musst doch nicht weinen, ich will nur dein Bestes!“

Bitte lassen Sie mich gehen!“

Jetzt strampel doch nicht so herum, sonst muss ich eine Spritze aufziehen. Willst du das?“

Fassen Sie meine Haare nicht an!“

„Wie soll ich dir denn die Spange anlegen, wenn ich deine Haare nicht berühre, mhhh? Es geht doch ganz schnell, siehst du, nur noch die Schrauben festziehen.“

Jeder Quietscher der Schrauben fühlte sich an, als ob tausend Nadeln in ihre Ohren stachen.

Ahhhhhrg.“

Du hast aber auch wirklich schöne Zähne… wirklich schöne Zähne. Hör auf zu strampeln! Nicht … strampeln … Also gut, dann gebe ich dir doch eine Spritze. Der Onkel weiß eben, was gut für dich ist.“

 

3

Heute ist dein Geburtstag! Da habe ich mir etwas ganz Besonderes für dich ausgedacht. Du sagst ja gar nichts mehr. Bist du so aufgeregt? Dabei hat sich der Onkel so eine Mühe gegeben.

Erst mal binde ich dich fest, sonst zappelst du wieder herum und ich möchte dir nicht schon wieder eine Dosis Valium verpassen müssen. Das Zeug macht nämlich süchtig.

Soll ich Panzerband nehmen oder einen simplen Strick? Dreh dich doch nicht weg. Dann eben das Klebeband. Stricke schneiden zu sehr ein. Dein Vater will nicht, dass du dich wehrst. Er muss nichts davon erfahren!

Und jetzt die Überraschung!

Das ist ein selbst gebauter Kopffixierer. Du musst aber nicht weinen, es wird gar nicht wehtun. Ich stecke ihn nur am Kopfteil der Liege an. Siehst du.

Sehr schön. Und jetzt schaut der Onkel Doktor mal nach deinen Vampirzähnchen.“

Ahhhhhhhhhhhh.“


Bildnachweis Daniel Frank https://unsplash.com