Knecht Ruprecht – nur ein Assistent? (Diandra Linnemann)

„Von drauß‘ vom Walde komm‘ ich her …“ – auch wenn man sich nichts aus der Vorweihnachtszeit macht, dieses Gedicht kennt jeder. Ursprünglich von Theodor Storm verfasst, trägt es den Titel Knecht Ruprecht. Und auch den kennt beinahe jeder, wenigstens dem Namen nach.

Nikolaus und seine Helfer – ein Thema mit Tiefgang (Foto: Eva-Maria Obermann)

Auf den Spuren Ruprechts

Die Vorweihnachtszeit ist voller alter Bräuche, von denen einige heutzutage recht merkwürdig oder gar barbarisch anmuten. Knecht Ruprecht gehört zu diesen Bräuchen. Er ist in weiten Teilen des deutschsprachigen Europas der Begleiter des Heiligen Nikolaus und gilt als eine Art untergeordneter Gegenspieler, sozusagen ein Weihnachtsdämon. Wenn Nikolaus kommt und die Kinder belohnt, die das vergangene Jahr über artig waren, verteilt Knecht Ruprecht – in einigen Gegenden auch Krampus oder „Rauer Percht“ genannt – an die unartigen Kinder Ruten, mit denen sie gezüchtigt werden sollen.

Über die Ursprünge von Knecht Ruprecht ist nicht viel bekannt. Jacob Grimm zufolge (genau, einer von DEN Grimms) geht der Name auf germanische Wurzeln zurück und stellt einen Bezug zum Gott Wotan her, andere Quellen stellen ihn in die Nähe der Göttin Perchta, welche auch als „Frau Holle“ bekannt ist. Sowohl für Wotan, der die Wilde Jagd anführt (mehr dazu später im Dezember), als auch für Frau Holle mit ihren Kissen besteht eine starke Verbindung zur Weihnachtszeit, so dass diese Verbindung zumindest nicht ganz abwegig ist. Wenn die Tradition Knecht Ruprecht also zu einem Diener des Heiligen Nikolaus macht, sieht man sehr schön, wie vorchristliche und christliche Traditionen miteinander verbunden wurden.

Andere Quellen führen Knecht Ruprecht beispielsweise auf einen Priester namens Ruprecht zurück, der die Christmette gegen betrunkene Bauern verteidigte, oder auch auf einen historischen Burgherren der Ruprechtsburg in Thüringen, von dem es heißt, er habe Kinder gefressen. Und bei den Niederländern ist als Äquivalent der „Zwarte Piet“ ein Mohr, der mit einem Schiff aus der ehemals niederländischen Kolonie Spanien kommt und lustige Possen treibt. Diesen Angaben zufolge wäre Knecht Ruprecht nicht älter als etwa fünfhundert Jahre. Genaues lässt sich aufgrund der mageren Quellenlage heutzutage nicht mehr sagen. Der Fantasie tut das jedenfalls keinen Abbruch.

Wo wir ihn heute finden

Je nach Gegend, in der man aufgewachsen ist, gilt Knecht Ruprecht entweder als freundlicher Helfer des Nikolaus – oder als gruselige, möglicherweise gehörnte Figur, die die unartigen Kinder bestraft. Vor allem dieses Bild wurde in den letzten Jahren verstärkt in Horrorfilmen umgesetzt („Krampus“, „A Horror Christmas“, „Mother Krampus“). In der Fantasyliteratur taucht Knecht Ruprecht oder Krampus hingegen seltener auf*, obwohl eine derart ambivalente Figur reichlich Spielraum für übernatürliche und fantastische Interpretationen bietet.

Am ehesten begegnet man ihm noch als zweidimensionalem Helfer von Nikolaus oder Weihnachtsmann in Märchen und Kindergeschichten. Vielleicht liegt das auch daran, dass man inzwischen glücklicherweise weitgehend davon abgekommen ist, Kinder körperlich zu züchtigen, und in diesem Zusammenhang auch nicht mehr mit einem „schwarzen Mann“ droht. Dabei gäbe es so viele schöne Einsatzbereiche für Knecht Ruprecht – vielleicht ist er ein Waldgeist? Ein Dämon, der den Menschen Gutes tun möchte? Ein tollpatschiger Engel? Oder vielleicht ist er doch ein finsterer Geselle, vor dem man sich in den langen, finsteren Winternächten schützen muss?

Eines kann man mit Sicherheit sagen – Knecht Ruprecht ist als Figur auf jeden Fall viel interessanter als die niedlichen Weihnachtselfen, die mit den US-amerikanisierten modernen, bunt blinkenden Bräuchen zu uns herübergeschwappt sind.

*ein kleiner Hinweis, im Adventskalender unserer Norne Anne Zandt ist der Krampus sogar zentral 😉 – Anm. d. Red.

**Autorin des Beitrags ist Diandra Linnemann

Ankündigung: Totentanz mit den Nornen (Natalie Winter)

Halloween naht, und damit eine Zeit, in der Fantastik-Autorinnen zur Höchstform auflaufen. Wir Nornen sind da keine Ausnahme! Wenn der Nebel wabert, die Vampire um Einlass bitten und sich die Monster vor unseren Türen ein Stelldichein geben, dann tanzen wir mit ihnen durch die Nacht. Später, wenn die Sonne ihre ersten zaghaften Strahlen auf die Welt wirft, fallen wir nicht erschöpft ins Bett. Wir setzen uns an den Arbeitsplatz und fassen unsere Abenteuer für euch in Worte.

 Tanzt mit uns!

Es wird gruselig bei den Nornen (Grafik: Elenor Avelle)

Zwei Tage lang, vom 31.10. bis zum 01.11., könnt ihr unsere Abenteuer nachlesen. Die Geschichten werden nacheinander veröffentlicht, also schaut doch immer mal wieder vorbei. Wir lehren euch das Gruseln! Erschauert, fürchtet euch, mit einem Wort: Lasst euch unterhalten.

Ela Schnittke eröffnet den Reigen. Am 31. Oktober um exakt 10.32 Uhr öffnet ihr eine leise knarrende Tür und werft einen verstohlenen Blick auf »Das Gemälde«, bevor ihr euch erleichtert umwendet, dass ihr der Gefahr im letzten Augenblick entronnen seid.

Doch ihr habt euch zu früh gefreut. Die nächste Norne wartet bereits auf euch. Natalie Winter zeigt euch um 12.04 Uhr »Im Schatten des Sumpfes«, wie grausam Voodoo sein kann. Schnell, bevor ihr selbst noch Opfer des finsteren Rituals werden, hetzt ihr durch den Sumpf.

Mit einem geheimnisvollen Lächeln erwartete euch Katherina Ushachov aka Evanesca Feuerblut um 14.17 Uhr. Mit ihr reist ihr zu einem verhängnisvollen Datum in der Vergangenheit. Es ist »Freitag, der 13. Juni 2014«, und ihr wisst schon, dass euch jetzt nur noch eine gehörige Portion Glück retten kann.

Und die habt ihr. June Is reicht euch die Hand und flüstert »Meine Kleine«. Lasst euch nicht von ihrem hübschen Antlitz täuschen, wenn sie um 16.26 Uhr lockt und verführt. Macht, dass ihr fortkommt, wenn euch euer Leben lieb ist.

Ah, und schon nimmt Anna Holub euch um 18.32 Uhr in Empfang. Sie mag harmlos aussehen, wie auch »Schneewittchen und ihr Jäger«, aber hütet euch vor den beiden Märchengestalten. Nicht alles ist so, wie es auf den ersten Blick scheint.

Mittlerweile ist es 20.26 Uhr. Eva-Maria Obermann aka Variemaa breitet die Arme aus und freut sich, euch zu sehen. Sie und ihr »Spiegelbild« sind das vorletzte Grauen, dem ihr euch heute stellen müsst. Werdet ihr es schaffen? Bis zur nächsten Geschichte bleibt euch nur eine kurze Atempause …

Wagt ihr es, Anne Zandt aka Poisonpainter in die »Milton Road« zu begleiten? Überlegt euch gut, ob ihr dieser Norne um 22.46 Uhr folgt. Ungehört verhallen die Rufe derer, die jene Straße betraten, um sie nie wieder zu verlassen.

Der 1. November ist angebrochen. Ihr habt die schaurigste Nacht des Jahres überlebt, aber euer Totentanz mit den Nornen ist noch nicht zu Ende. Selbst wenn ihr wolltet, könntet ihr euch nicht aus dem kalten Griff der klammen Hand lösen, die euch wilder und wilder herumwirbelt im Tanz der Toten.

Schaut hinüber zu Irina Christmann, die euch zuwinkt, und erlebt das »Morgengrauen« mit ihr. Seid ihr dort in Sicherheit? Vielleicht. Es ist 11.39 Uhr, und ihr habt gerade erfahren, was Furcht wirklich bedeutet. Ihr zittert, die Nacht war lang, aber die nächste Geschichte wartet schon.

»Der Jüngling« erscheint euch auf den ersten Blick wie ein helles Licht in finsterer Nacht, und ihr lauft um 13.48 Uhr erschöpft auf ihn zu. Elea Brandt schaut euch an und wirft euch einen undeutbaren Blick zu. Ihr Mund öffnet sich, sie sagt etwas, aber ihr könnt sie nicht verstehen.

Auf euch wartet bereits Möchtegernautorin. Lasst euch von ihrem harmlosen Namen nicht täuschen, denn zu ihren Füßen kauert ein »Monster«, das euch die Bedeutung des Wortes Angst auf seine ganz eigene Weise klarmacht. Ihr wolltet es nicht anders, und obwohl es erst 15.11 Uhr ist, wünscht ihr euch, der Tag möge endlich enden.

Eine frische Brise kommt auf, als ihr um 17.22 Uhr das wogende Meer erblickt. Diandra schickt euch auf die »Charybdis«, und sie allein weiß, ob ihr in einem feuchten Seemannsgrab endet oder es doch zurück aufs Festland schafft.

Es ist 19.52 Uhr, als ihr nach einer kurzen Ohnmacht wach werdet. Myna Kaltschnee beugt sich über euch. In ihren dunklen Augen spiegelt sich euer erschöpftes Gesicht, und in ihrem Schatten regt sich etwas. Es ist »Der blasse Fremde«, dem ihr für die nächsten beiden Stunden ausgeliefert seid.

Ihr sehnt euch danach, endlich auszuruhen, und sucht verzweifelt nach einer Fluchtmöglichkeit. Ob der Zug »Nachts an Gleis 3« euch fortbringt von all dem Wahnsinn und Grauen? Fragt Laura Kier, die um 21.55 Uhr als letzte der Nornen mit euch tanzt.

Wir verbeugen uns vor den Furchtlosen, die uns die Ehre des Tanzes gegeben haben. Bis zum nächsten Halloween-Ball – wenn ihr euch traut.

** Autorin des Beitrags ist Natalie Winter