Baum im Zwielicht mit Raben und Dämonen.

Rauhnächte – die Zeit „zwischen den Jahren“ (Diandra Linnemann)

Wer in einer ländlichen Gegend aufgewachsen ist, kennt vielleicht aus der Kindheit noch einige merkwürdige Gebräuche, die in der Zeit zwischen Heiligabend und dem Dreikönigstag gepflegt werden. In einigen Dörfern ist es üblich, in diesen Nächten eine Kerze ins Fenster zu stellen. Man soll keine Wäsche aufhängen und, sogar wenn man es könnte – was heute eher selten wird – kein neues Garn spinnen. Und alte Leute erzählen, in diesen Nächten könne man die Tiere im Stall sprechen hören.

Diese Bräuche, die sich von Region zu Region unterscheiden, gehen auf die Rauhnächte zurück, da sind die meisten Historiker einer Meinung. Leider endet damit auch schon das, was wir über die Rauhnächte tatsächlich wissen. Nicht einmal über die Herkunft des Namens herrscht Einigkeit – einige Sprachforscher haben die Theorie aufgestellt, der Begriff leite sich von einer altertümlichen Form des Wortes „Rauch“ ab, weil in dieser Zeit viel mit Weihrauch hantiert werde. Andere behaupten, Ursprung sei das Wort „Rauh“ für Tierpelze (wie in dem Märchen „Allerleirauh“), weil in dieser Zeit in Pelze gehüllte Dämonen das Land unsicher machen. Angeblich sind die Rauhnächte eine Überlieferung aus vorchristlicher mitteleuropäischer Zeit. Da es allerdings kaum schriftliche Belege gibt, stehen den Deutungen an dieser Stelle Tür und Tor offen. Viele Bräuche wurden nur mündlich überliefert und im Lauf der Zeit von Kirche und Gesellschaft modernisiert und vereinnahmt. Es herrscht also sozusagen Narrenfreiheit.

Einer heutzutage weitläufig akzeptierten Theorie zufolge sind die Rauhnächte die Zeit „zwischen den Jahren“ – das Mondjahr hat nur 354 Tage, das Sonnenjahr 365 (jeweils plus/minus ein paar Stunden). Die Tage nach der Wintersonnenwende am 21. Dezember stehen somit sozusagen außerhalb der Zeit und sind weder Teil des alten Jahres, noch gehören sie zum neuen Jahr. Man sagt, dass in ihnen die wilde Jagd durch die Nächte zieht – je nach Überlieferung ein Heer aus Dämonen und ruhmreichen Helden, angeführt von Wotan oder der Percht. Wer sich mit diesen Wesen gutstellen will, stellt kleine Gaben nach draußen, ein wenig Schnaps oder ein Schälchen Milch oder Honig werden von den Geistern der Rauhnächte immer gerne angenommen. Es wird hingegen nicht empfohlen, in der Dunkelheit nach draußen zu gehen, wenn man nicht auf unheimliche Begegnungen und derbe Dämonenscherze steht.

Was kann man also tun, wenn man weder Wäsche waschen noch spinnen, nicht im Dunkeln im Wald herumturnen und auch sonst kaum etwas tun kann?

Natürlich sitzt man mit Familie und Freunden zusammen. Das zelebrieren wir auch heute noch, bevorzugt zu den Weihnachtsfeiertagen oder an Silvester, isst gut und erzählt einander Geschichten. In manchen Gegenden gibt es traditionelle Weihnachtsspiele, etwa die Jagd nach der Königsmandel im Pudding. Und natürlich wird auch gesungen und musiziert.

Ein weiterer Brauch in der Zeit der Rauhnächte ist das Orakeln, wie wir es für die Silvesternacht auch heute noch betreiben. Bleigießen hat wohl jede schon probiert – die Figürchen verlangen einem viel Phantasie ab bei der Deutung, und man sollte sich keineswegs durch die beigefügten Infoblätter einschränken lassen! Auch gibt es den Brauch, Nüsse im offenen Feuer zu verbrennen, und wenn die eigene Nuss spritzt und kracht, steht einem ein turbulentes Jahr bevor. Man könnte aus dem Kaffeesatz oder aus Teeblättern lesen, und natürlich gibt es reichlich Orakelmethoden wie Runen, Tarot oder I Ging, an denen man sich gerade in dieser Zeit versuchen kann. Wer besonders mutig ist, begibt sich in einer der Rauhnächte zu einer Wegkreuzung, wo einem angeblich um Mitternacht der oder die Liebste erscheint. Aber dazu muss man schon sehr mutig sein, denn wie bereits oben beschrieben – die wilde Jagd treibt in diesen Nächten ihren Schabernack mit den Menschen, und diese Gesellen sind nicht gerade zimperlich. Bauernweisheiten zufolge kann man am Wetter der Rauhnächte übrigens erkennen, wie das Wetter in den zwölf Monaten des kommenden Jahres wird.

Das sind natürlich alles nur Sagen und Legenden. Orakel, Dämonen – nichts als Hirngespinste, habe ich recht? Aber um auf Nummer sicher zu gehen, sollten wir uns in den Rauhnächten sicherheitshalber mit guten Büchern und einem Stück Schokolade in unsere Betten verziehen. Wir wollen schließlich nichts riskieren, oder?

Ein Beitrag von Diandra Linnemann.

Fragefreitag: Gibt es in deinen Büchern Geister?

Willkommen beim ersten Fragefreitag des Nornennetzes. Hier werden unsere Mitglieder regelmäßig spannende, interessante und auch mal kuriose Fragen beantworten. Damit ihr uns besser kennen lernt und wir etwas über uns und unsere Nornenwerke verraten können. Ihr könnt gerne auf den sozialen Medien unter dem Hashtag #NornenFragefreitag mitmachen. Wir sind auf eure Antworten gespannt.

Gibt es in deinen Büchern Geister?

Babsi alias Bluesiren: Oh ja, sie spielen eine zentrale Rolle, da meine Protagonistin als Medium mit Geistern kommunizieren kann.

Janna Ruth: Ja, in Tanz der Feuerblüten verkörpern die Geister (und Dämonen) die Kräfte der Natur. Dabei habe ich mich an der reichen Mythologie Japans bedient. Schon spannend, wie sehr sich diese Geister von den unseren unterscheiden. Statt schaurigem Kettengerassel gibt es Türen mit hunderten Augen, Frauen, deren Hälse sich in die Länge ziehen oder die gleich vier Gesichter haben, die ganzen Tiergeister nicht zu vergessen. So haben die Actionszenen besonders Spaß gemacht.

Natalie Winter: Im nächsten Band der Shifter Cops wird ein Geist eine zentrale Rolle spielen – und wer weiß, vielleicht sogar eine mörderische.

Katharina Ushachov: Hehe, ja. Sie sind grundsätzlich böse, da bei mir Geister nur in einem bestimmten Sonderfall entstehen, der dafür sorgt, dass sie sehr zornig sind. Mehr kann ich leider noch nicht verraten, da die Bücher, in denen die Geister auf die Menschheit losgehen, noch lange nicht dran sind mit Geschriebenwerden.

Susann Julieva: Aber klar doch! In meinem Refugium spukt es und in einer kommenden Reihe wird es sogar explizit um Geisterjäger gehen.

EmmaN alias Karin (e.) Novotny: Nein. Nicht wirklich. Nur den immer noch umtriebigen Geist eines längst verstorbenen Heiler-Magiers, aber er ist kein Geist im herkömmlichen Sinn, sucht niemanden heim, ist nicht „unerlöst“. es ist mehr der Intellekt, das Ego und das emotionale Gerüst einer längst vergangenen Person.

Ella Boulaich: Ja, die Geister des Voodoo.

Variemaa alias Eva-Maria Obermann: In der Zeitlose – Reihe wird Dora von einer fremden Erinnerung heimgesucht, die so stark ist, dass sie sogar eine Stimme hat und die Protagonistin berühren kann. Wenn das keine Geistererscheinung ist, weiß ich auch nicht.

Jetzt seid ihr dran: Gibt es in euren Geschichten Geister?