Lieben, weil man „muss“? Fantastische Eltern-Kind-Beziehungen (Diandra Linnemann)

Beim Nornennetz geht es gerade um die Liebe. Die romantische Liebe ist schon ausreichend abgehandelt, behaupte ich** mal (als Person mit nur einer einzigen, schwarzen, verkümmerten romantischen Ader im Leib, aus der es staubt). Aber wir wissen ja alle, dass das nicht die einzige Form von Liebe ist. Was ist etwa mit der Liebe zwischen Geschwistern, der Liebe zu einem Haustier oder einer besonderen Zimmerpflanze – oder eben, und darum soll es heute gehen – der Liebe zwischen Eltern und ihren Kindern?

Wie passen Eltern in Bücher? (Grafik: Elenor Avelle)

Spross und Stamm?

Das Spannende an der Eltern-Kind-Beziehung ist vor allem die Tatsache, dass man sich weder Eltern noch Kinder aussucht und ihren Entwicklungen, obwohl man sie natürlich auch beeinflusst, wenig entgegenzusetzen hat. Oft sind Enttäuschungen vorprogrammiert, genau wie Auseinandersetzungen, wenn die Kinder älter werden und eigene Vorstellungen und Ideen ausprobieren.  Nie tun die Kinder das, was man ihnen sagt, immer wissen sie alles besser. Und nie haben die Eltern Verständnis für ihre Kinder, diese lästigen alten Spießer. Trotzdem sind Eltern und Kinder im Notfall automatisch für einander da. Wie sieht das in der Welt der Phantastik aus?

Wo sind die Eltern?

Zunächst einmal: Eltern sind grandios unterrepräsentiert. Wenigstens in den Büchern, die mir spontan einfallen. Vor allem in fantastischen Geschichten sind sie oft merkwürdig abwesend. Entweder der Protagonist ist ein Waisenkind, wurde praktischerweise für die Ferien irgendwohin verschifft oder die Eltern werden einfach eben mal höchstens am Rand erwähnt, weil sie zum Beispiel als Pirat und Südseekönig unterwegs sind oder viel arbeiten. Wesentlich seltener kommen Eltern vor als: Ratgeber, Pflasteraufkleber, Retter, Kleidungskäufer, Beschützer oder Ernährer. Also all die Dinge, die Eltern idealerweise im Alltag erfüllen. Vor allem in Büchern für ein jüngeres Publikum fällt die Abwesenheit von Eltern natürlich auf, denn in Kinderbüchern ist die Protagonistin üblicherweise selbst etwa im Alter der Leser. Warum, könnte man sich dann fragen, unterscheiden sich Realität und Fiktion in diesem Punkt so stark voneinander?

Methode?

Ich habe keine Antworten, aber Theorien: Etwa, dass man mit Waisenkindern eher Mitgefühl entwickelt, und das ist ein gutes Mittel, um Sympathien zu wecken. Oder die Tatsache, dass Kinder Eltern oft als Spielverderber erleben, die zu allem „nein“ sagen und einem alles verbieten, was Spaß macht oder zu einem Abenteuer führen könnte. Und zu guter Letzt geht es natürlich in Kinderbüchern darum, wie Kinder selbst Abenteuer erleben, da wären bestimmende Eltern eher ein Hindernis als eine Hilfe.

Eltern – so wichtig und doch so selten in der Literatur (Foto: Diandra Linnemann)

Große Kinder haben auch Eltern

Aber jetzt gibt es natürlich nicht nur Kinderbücher, und auch erwachsene Protagonisten haben, rein theoretisch, Eltern. Oder wenigstens Erzeuger. Für Erwachsene spielen Eltern oft im Alltag keine so zentrale Rolle mehr, aber die meisten von uns haben wahrscheinlich durchaus regelmäßig Kontakt mit ihren Eltern, sofern diese nicht gestorben sind. Manche leben sogar in ihrer Nähe, man hilft einander regelmäßig im Alltag oder holt sich bei den Älteren Rat. Und umgekehrt gilt das natürlich auch – ich bin bestimmt nicht die einzige, die ihrem Vater WhatsApp und Facebook erklärt. Auch wenn die erweiterte Familie, gesellschaftlich betrachtet, an Bedeutung verloren hat, pflegen die meisten von uns doch gute Kontakte zu ihren Eltern. Aber wie spiegelt sich das in der fantastischen Literatur wieder?

Literarische Vergessenheit

Spontan fallen mir in erster Linie Geschichten ein, in denen die Beziehung zu den Eltern problematisch ist. Entweder es geht um die Erwartungen, die die Eltern an die Protagonistin haben, oder um langjährige Konflikte, die im Hintergrund schwelen. Manchmal sind die Eltern auch schon gebrechlicher und stellen eine zusätzliche Aufgabe dar, um die man sich zu kümmern hat, während die Welt brennt und Kätzchen gerettet werden müssen.

Eine Sonderstellung nehmen übrigens Geschichten ein, in denen Eltern sich später als der große Gegenspieler herausstellen. Das fängt mit Märchen an, wenn Hänsel und Gretel von ihren Eltern ausgesetzt werden, setzt sich in Star Wars oder dem zweiten Teil von Guardians of the Galaxy fort und bietet reichlich Platz für Situationen, in denen der Protagonist sich sozusagen die Seele aus dem Leib reißen muss, um aus dem Schatten der Eltern zu treten, sich gegen sie zu erheben und so die Welt zu retten. Happy Ends sind unter diesen Umständen für die betroffene Familie eher selten.

Figuren mit Kindern?

Ebenfalls sehr selten, um es einmal von der anderen Seite zu beleuchten: Protagonisten mit eigenen Kindern. Und wenn sie Kinder haben, dann findet garantiert kein normaler Familienalltag mit schmutzigen Socken und hundert Variationen von „Du sollst dein Gemüse essen!“ statt, sondern die Kinder sind irgendwie schon vorhanden und stellen eine weitere Aufgabe dar, werden aber nicht als eigenständige Charaktere mit Plänen und Macken gezeigt. Sehr beliebt, gerade für Protagonistinnen, ist das Kind, das man kurz nach der Geburt schweren Herzens weggibt, um weiter die Welt retten zu können. Alle Vorteile der romantisierten Schwangerschaft mit einer Prise Tragik und keinerlei Langzeit-Verpflichtungen. Schließlich kann sie nicht gegen den finsteren Magier kämpfen, wenn sie gleichzeitig Windeln wechseln oder die Hausaufgaben ihres Sprösslings kontrollieren muss.

In Kinderbüchern treffen wir oft auf kleine Helden und Heldinnen ohne greifbare Eltern (Foto: Eva-Maria Obermann)

Möglichkeiten ausschöpfen!

Natürlich gibt es gerade im Bereich der phantastischen Literatur auch ganz andere Möglichkeiten, mit der Eltern-Kind-Beziehung umzugehen. Wie wäre es mit anderen Gesellschaftsformen? Vielleicht kennt der Protagonist seine Eltern gar nicht, weil alle Kinder vom Stamm, bei dem er lebt, gemeinsam aufgezogen werden? Oder die Erbfolge wird matrilinear festgelegt und Väter sind unwichtig, da man Vaterschaft nicht eindeutig nachweisen kann? Vielleicht spielt die Geschichte in einer futuristischen Gesellschaft, in der Schwangerschaft nur noch künstlich stattfindet und die Erbsubstanz sowieso optimiert wird, bis man keine genetische Herkunft mehr feststellen kann? Dann stellt sich natürlich die Frage, was stattdessen an die Stelle der Eltern-Kind-Beziehung tritt. Schließlich lebt niemand völlig isoliert. Die Beziehungen zu unserer Umwelt und unserer Familie prägen uns und beeinflussen auch, wie wir mit Konflikten umgehen. Also sind Eltern eigentlich die perfekte Zutat für ein rundes Abenteuer.

**Autorin des Textes ist Diandra Linnemann

Fragefreitag: Kommen in deinen Büchern Eltern zentral vor?

Gestern war Christi Himmelfahrt – vielen besser bekannt als Vatertag oder Herrentag – und übermorgen bereits wird Muttertag sein. Der ideale Zeitpunkt, um zu reflektieren, ob auch in unseren Büchern Mamas und Papas vorkommen, oder ob wir sie wenn, dann lediglich als Nebenfiguren zeigen. Macht mit und verratet uns unter #NornenFrageFreitag: Kommen in deinen Büchern Eltern zentral vor oder schreibst du eher kinderlose Figuren?

Schreiben mit Leidenschaft – wer braucht da Freizeit?

Cazze: Bei meinem aktuellen Projekt kommen die Eltern vor und sind so etwas wie Mini-Anthagonisten (Pubertät ist ja schließlich das, wo die Eltern schwierig werden ^^). In einem anderen Projekt sind eher die Großeltern wichtig und in meinen restlichen Projekten sind sie eher unwichtig bis nicht vorhanden.

Tiphaine Somer Elin: In meiner Serie kommt das Thema Eltern/Familie vor, allerdings zeigt sich das noch nicht oder eher unterschwellig.

Katharina Ushachov aka EvanescaIch habe es mit ambivalenten Elternfiguren. In meinen kommenden Verlagsdebüt muss die Mutter ihre Kinder weggeben, weil der Vater ein … (Spoiler). In „Zarin Saltan“ wächst Anna bei der Mutter auf, da der Vater sich direkt nach dem Einwandern in Deutschland aus ihrem Leben verzieht. In „Unparallel“ habe ich einen fragwürdig handelnden Stiefvater, eine am Rad drehende Prota-Mutter und etliche Mütter, die nicht klischeehaften Mutterbild entsprechen, das man oft in der Literatur hat: Entweder ist die Mutter mütterlich oder tot. Keine Ahnung, warum eigentlich. Meine eigenen Eltern sind wundervolle Menschen und ich hatte eine super Kindheit.

Michelle Janßen: Ich habe das Gefühl, dass fast alle Bücher mit Waisen arbeiten – mich eingeschlossen. Keiner meiner Protas hat Eltern, außer in meinen Kinderbüchern. Whoops.

Jana Jeworreck aka Moira: Ein Familienfluch, die Last des Erbes, und Blut sind zentrale Elemente meiner derzeitigen Trilogie. Auch, welche langfristigen Folgen die Fehlentscheidungen der Eltern und Großeltern für die Nachkommen haben können und wie die Figuren damit umgehen. Gewürzt mit Glaubensfragen und Magie ergibt das eine schöne explosive Mischung.

Laura Kier: Meine Protagonistin Adara aus „Perfektion – Die Veränderten“ ist schwanger – zählt das? 😉 Bislang sind die meisten Protagonisten zu jung für Kinder. Aber das ist eher Zufall. Eltern sind für meine Charaktere (und mich) dennoch wichtige, oft zentrale Figuren.

Diandra Linnemann: Das wechselt – in „Magie hinter den sieben Bergen“ spielt die schwierige Beziehung zwischen Helena und ihrer Mutter eine große Rolle. Vor allem unterschiedliche Lebensgeschichten und Erwartungen machen alles kompliziert. Meine nächste Protagonistin wird auf jeden Fall selbst Mutter sein, das ist zentraler Bestandteil der Geschichte.

Alexandra Bauer: Eltern sind immer dabei. Die gehören doch zum Leben auch dazu! Das wäre ja genauso, als würden die Kinder fehlen, dann habe ich auch keinen Prota 😉

Sarah König: Bisher habe ich zwar schon einmal von einem Vater (ein König) und einer Mutter (einer Königin) geschrieben, aber das war mehr, weil die Erben im Mittelpunkt standen. Ich denke bei meinen Büchern oft an „Sidekicks“, die ich im ersten Atemzug dann nutze und toll finde, aber leider im Laufe des Romans verliere, bis sie dann in der Überarbeitung rausfliegen. In meinen bisherigen Projekten wären das Kinder gewesen. Und fliegende Schweinedamen.

Karin (e.) Novotny alias EmmaN: Ich gebe zu ich schreibe über kinderlose Figuren. Die Nebenfiguren sind dafür mit Kindern gesegnet. Eltern kommen auch als Randfiguren vor. Mich interessiert mehr das Jetzt der Figuren, als ihre Familienkonstellation.

Anne Zandt aka Poisonpainter: Meine längeren Geschichten arten irgendwie immer recht schnell zu „Familien“geschichten aus, da will dann jeder noch so popelige Nebencharakter plötzlich ne Hintergrundgeschichte, die bitte auch noch erzählt werden soll und sowieso und überhaupt! Kurios ist auch, dass ich recht häufig tote Mütter habe … da bin ich entweder Märchen-geschädigt oder hab mich schon unterbewusst lange im Vorfeld darauf vorbereitet, meine eigene Mutter verhältnismäßig früh zu verlieren.

Jasmin Engel: Mir fällt bei der Frage gerade auf, dass Eltern in meinen bisherigen Romanen eher nebenbei vorkommen, nicht zentral.

June IsEltern haben bei mir immer sehr coole Rollen, wenn sie mal vorkommen. Tröster, Unterstützer, Seelenheiler.

Jule ReichertDas kommt ganz auf die Geschichte an. Der Protagonist meines All Age-Projektes hat beide Eltern – und ja, für einen Zwölfjährigen bedeutet das großes Konflikprotetial. Die Protagonistin meines Blogromans hingegen ist in einem Waisenhaus aufgewachsen, was auch einen roten Faden in der Geschichte bildert.