Taschenkalender (Diandra Linnemann)

Der lange Atem – Was haben Sport, Schreiben und Neujahrsvorsätze gemeinsam?

Ich habe es schon wieder getan. Obwohl ich mir ziemlich sicher bin, dass es nicht hilft und mich nur frustriert. Obwohl ich mir sicher war, aus den Katastrophen der letzten Jahre gelernt zu haben – ich habe mir Neujahrsvorsätze gebastelt.

Bei den meisten Deutschen stehen angeblich Abnehmen, Sport und das Ablegen einer unschönen Angewohnheit wie Rauchen ganz oben auf der Liste der Neujahrsvorsätze. Für Autoren – das ist jetzt nicht direkt wissenschaftlich belegt, aber ich würde drauf wetten – gehören Pläne wie „mehr schreiben“ oder „regelmäßig schreiben“ ebenfalls zu den üblichen Vorsätzen. Und sobald das Leben uns in die Quere kommt, stehen wir da und winken unseren hehren Zielen hinterher, wenn sie in den chaotischen Abgrund schlittern.

Die größte Stolperfalle ist, beim Sport und beim Schreiben (das sind jetzt meine Beispiele, denn damit kenne ich mich aus), der Versuch, eine Wendung um hundertachtzig Grad zu machen. Bis gestern war die Couch dein bester Freund? Gut, dieses Jahr gehst du fünf Mal pro Woche joggen. Mindestens. Im letzten Jahr hast du nur geschrieben, wenn die Muse dich küsst? Ab sofort sind zehn Seiten pro Tag Pflicht! Du bist motiviert und enthusiastisch, und außerdem völlig sicher: Das ist doch ein Klacks!

Dann klopft der Alltag. Die Wäsche häuft sich unter dem Waschbecken. Deine Freunde wollen in diesen Megablockbuster, den man unbedingt gesehen haben muss, denn darüber redet ab nächster Woche die Welt. Im Wald hast du dir den Knöchel verstaucht, das Pflichtupdate legt deinen Rechner lahm und überhaupt wird es höchste Zeit für die Steuererklärung oder einen ehrlich verdienten Serienmarathon.

Wir sind alle schon einmal dagewesen. Darum kommt dieser Artikel auch erst heute, nachdem du schon die eine oder andere Gelegenheit hattest, bei deinen aktuellen guten Vorsätzen auf die Schlummertaste zu drücken. Morgen ist schließlich auch noch ein Tag, nicht wahr?

Ich kenne übrigens noch ein paar Tage: Übermorgen. Den Tag nach Übermorgen. Den zweiten April. Und natürlich den Sanktnimmerleinstag. Das sind alles gute Tage, an denen wir unsere Pläne in die Tat umsetzen können.

Pläne statt Vorsätze

Falls es dir dieses Jahr nicht so gehen soll, habe ich einige Tricks und Tipps für dich. Den ersten habe ich dir gerade schon untergejubelt: Wir machen keine Vorsätze, sondern Pläne. Aus „Ich will“ oder „ich sollte“ wird „ich werde“, und schon ist die Umsetzung ein paar Milimeter näher gerutscht. Und wenn wir gerade dabei sind, zu planen, werden wir auch direkt konkret. Am besten mit einem Terminplaner in der Hand: Was sind die Tage(szeiten), an denen du die geplante Aktivität am ehesten in die Tat umsetzen wirst? Beim Beispiel Sport hilft es, sich wirklich feste Termine in den Kalender einzutragen, vielleicht Muckibude mit einer Freundin oder ein Probetermin in der Kletterhalle. Kurse an festen Tagen sind auch nicht zu verachten. Und wenn du schreibst – zu welcher Tageszeit hast du am ehesten ungestört Zeit, dich für mehr als drei Minuten an den Schreibtisch zu setzen? Bei mir ist das merkwürdigerweise der Abend, obwohl ich ein ausgesprochener Morgenmensch bin. Morgens küsst mich die Muse viel lieber (da schmecke ich noch frisch), aber am Abend habe ich alle Erledigungen und Pflichten für den Tag abgehakt und kann mich endlich ungestört daran setzen, meine Charaktere in noch größere Schwierigkeiten zu bringen.

Der zweite Trick: Finde einen Schuh, der dir passt. Und ausnahmsweise meine ich nicht den wortwörtlichen Laufschuh (wobei gutes Hand- und Fußwerkzeug wichtig ist, aber das wissen wir alle schon längst), sondern die passende Sportart, oder die richtige Textform. Probiere dich aus. Bist du ein Gedichtetyp? Liegt dir Tanzsport? Magst du lieber die knackige Überraschung der Kurzgeschichte oder verbeißt du dich am liebsten in komplizierte Plots? Vielleicht liegen dir verschiedene Textformen/Sportarten, dann ist es sinnvoll, auf mehreren Hochzeiten zu tanzen (wieder nur im übertragenen Sinne – es sei denn, du tanzt gerne). Aber du solltest dich unter keinen Umständen zu etwas zwingen, weil jemand anders es dir als Königsdisziplin unterjubeln will. Ich bin begeisterte Läuferin, meine Kollegin findet Laufen öde und geht regelmäßig zum Standardtänze-Kurs. Solange du dich bewegst – und vor allem: So lange du SCHREIBST – ist alles in Ordnung.

Und drittens: Sei geduldig mit dir. Es braucht einige Zeit und Disziplin, ehe sich neue Gewohnheiten etabliert haben, und sowohl physische als auch Kreativmuskeln müssen liebevoll trainiert werden, ehe man beim (Schreib-)Marathon startet. Dafür brauchst du einen langen Atem. Fange klein an. Wichtig ist, dass du zum verabredeten Termin auftauchst, wann immer es sich einrichten lässt. Vielleicht bringst du in den ersten Wochen zur vereinbarten Schreibzeit zwischen Konferenzen und klebrigen Kindermündern nur eine halbe Seite zustande. Das ist nicht schlimm. Es ist auch nicht wild, wenn du dich beim Schwimmen nach einer Minute in eine Bleiente verwandelst. Sei gut zu dir, und mache weiter. Wenn du das einige Monate durchhältst, wirst du ganz hibbelig, sobald du mal einen Termin auslassen musst. Deine Muse tobt heulend und zähneklappernd durch dein Unterbewusstsein, wenn du nicht um Punkt acht am Schreibtisch sitzt. Der Stapel aus „eine Seite pro Tag schaffe ich garantiert“ wächst schneller als erwartet in schwindelerregende Höhe. Deine Zehen tippeln unterm Tisch und treiben die Kollegen in den Wahnsinn. Spätestens dann weißt du: Herzlichen Glückwunsch, der Plan hat funktioniert. Es hat dich erwischt. Jetzt gilt es nur noch, den Schwung auszunutzen.

Übrigens: Mein Plan für dieses Jahr ist es, mich nicht immer bis über die Ohren zu verplanen. Bin gespannt, wie lange das hält. Und bei euch so?

Ein Beitrag von Diandra Linnemann.

Baum im Zwielicht mit Raben und Dämonen.

Rauhnächte – die Zeit „zwischen den Jahren“ (Diandra Linnemann)

Wer in einer ländlichen Gegend aufgewachsen ist, kennt vielleicht aus der Kindheit noch einige merkwürdige Gebräuche, die in der Zeit zwischen Heiligabend und dem Dreikönigstag gepflegt werden. In einigen Dörfern ist es üblich, in diesen Nächten eine Kerze ins Fenster zu stellen. Man soll keine Wäsche aufhängen und, sogar wenn man es könnte – was heute eher selten wird – kein neues Garn spinnen. Und alte Leute erzählen, in diesen Nächten könne man die Tiere im Stall sprechen hören.

Diese Bräuche, die sich von Region zu Region unterscheiden, gehen auf die Rauhnächte zurück, da sind die meisten Historiker einer Meinung. Leider endet damit auch schon das, was wir über die Rauhnächte tatsächlich wissen. Nicht einmal über die Herkunft des Namens herrscht Einigkeit – einige Sprachforscher haben die Theorie aufgestellt, der Begriff leite sich von einer altertümlichen Form des Wortes „Rauch“ ab, weil in dieser Zeit viel mit Weihrauch hantiert werde. Andere behaupten, Ursprung sei das Wort „Rauh“ für Tierpelze (wie in dem Märchen „Allerleirauh“), weil in dieser Zeit in Pelze gehüllte Dämonen das Land unsicher machen. Angeblich sind die Rauhnächte eine Überlieferung aus vorchristlicher mitteleuropäischer Zeit. Da es allerdings kaum schriftliche Belege gibt, stehen den Deutungen an dieser Stelle Tür und Tor offen. Viele Bräuche wurden nur mündlich überliefert und im Lauf der Zeit von Kirche und Gesellschaft modernisiert und vereinnahmt. Es herrscht also sozusagen Narrenfreiheit.

Einer heutzutage weitläufig akzeptierten Theorie zufolge sind die Rauhnächte die Zeit „zwischen den Jahren“ – das Mondjahr hat nur 354 Tage, das Sonnenjahr 365 (jeweils plus/minus ein paar Stunden). Die Tage nach der Wintersonnenwende am 21. Dezember stehen somit sozusagen außerhalb der Zeit und sind weder Teil des alten Jahres, noch gehören sie zum neuen Jahr. Man sagt, dass in ihnen die wilde Jagd durch die Nächte zieht – je nach Überlieferung ein Heer aus Dämonen und ruhmreichen Helden, angeführt von Wotan oder der Percht. Wer sich mit diesen Wesen gutstellen will, stellt kleine Gaben nach draußen, ein wenig Schnaps oder ein Schälchen Milch oder Honig werden von den Geistern der Rauhnächte immer gerne angenommen. Es wird hingegen nicht empfohlen, in der Dunkelheit nach draußen zu gehen, wenn man nicht auf unheimliche Begegnungen und derbe Dämonenscherze steht.

Was kann man also tun, wenn man weder Wäsche waschen noch spinnen, nicht im Dunkeln im Wald herumturnen und auch sonst kaum etwas tun kann?

Natürlich sitzt man mit Familie und Freunden zusammen. Das zelebrieren wir auch heute noch, bevorzugt zu den Weihnachtsfeiertagen oder an Silvester, isst gut und erzählt einander Geschichten. In manchen Gegenden gibt es traditionelle Weihnachtsspiele, etwa die Jagd nach der Königsmandel im Pudding. Und natürlich wird auch gesungen und musiziert.

Ein weiterer Brauch in der Zeit der Rauhnächte ist das Orakeln, wie wir es für die Silvesternacht auch heute noch betreiben. Bleigießen hat wohl jede schon probiert – die Figürchen verlangen einem viel Phantasie ab bei der Deutung, und man sollte sich keineswegs durch die beigefügten Infoblätter einschränken lassen! Auch gibt es den Brauch, Nüsse im offenen Feuer zu verbrennen, und wenn die eigene Nuss spritzt und kracht, steht einem ein turbulentes Jahr bevor. Man könnte aus dem Kaffeesatz oder aus Teeblättern lesen, und natürlich gibt es reichlich Orakelmethoden wie Runen, Tarot oder I Ging, an denen man sich gerade in dieser Zeit versuchen kann. Wer besonders mutig ist, begibt sich in einer der Rauhnächte zu einer Wegkreuzung, wo einem angeblich um Mitternacht der oder die Liebste erscheint. Aber dazu muss man schon sehr mutig sein, denn wie bereits oben beschrieben – die wilde Jagd treibt in diesen Nächten ihren Schabernack mit den Menschen, und diese Gesellen sind nicht gerade zimperlich. Bauernweisheiten zufolge kann man am Wetter der Rauhnächte übrigens erkennen, wie das Wetter in den zwölf Monaten des kommenden Jahres wird.

Das sind natürlich alles nur Sagen und Legenden. Orakel, Dämonen – nichts als Hirngespinste, habe ich recht? Aber um auf Nummer sicher zu gehen, sollten wir uns in den Rauhnächten sicherheitshalber mit guten Büchern und einem Stück Schokolade in unsere Betten verziehen. Wir wollen schließlich nichts riskieren, oder?

Ein Beitrag von Diandra Linnemann.

Knecht Ruprecht – nur ein Assistent? (Diandra Linnemann)

„Von drauß‘ vom Walde komm‘ ich her …“ – auch wenn man sich nichts aus der Vorweihnachtszeit macht, dieses Gedicht kennt jeder. Ursprünglich von Theodor Storm verfasst, trägt es den Titel Knecht Ruprecht. Und auch den kennt beinahe jeder, wenigstens dem Namen nach.

Nikolaus und seine Helfer – ein Thema mit Tiefgang (Foto: Eva-Maria Obermann)

Auf den Spuren Ruprechts

Die Vorweihnachtszeit ist voller alter Bräuche, von denen einige heutzutage recht merkwürdig oder gar barbarisch anmuten. Knecht Ruprecht gehört zu diesen Bräuchen. Er ist in weiten Teilen des deutschsprachigen Europas der Begleiter des Heiligen Nikolaus und gilt als eine Art untergeordneter Gegenspieler, sozusagen ein Weihnachtsdämon. Wenn Nikolaus kommt und die Kinder belohnt, die das vergangene Jahr über artig waren, verteilt Knecht Ruprecht – in einigen Gegenden auch Krampus oder „Rauer Percht“ genannt – an die unartigen Kinder Ruten, mit denen sie gezüchtigt werden sollen.

Über die Ursprünge von Knecht Ruprecht ist nicht viel bekannt. Jacob Grimm zufolge (genau, einer von DEN Grimms) geht der Name auf germanische Wurzeln zurück und stellt einen Bezug zum Gott Wotan her, andere Quellen stellen ihn in die Nähe der Göttin Perchta, welche auch als „Frau Holle“ bekannt ist. Sowohl für Wotan, der die Wilde Jagd anführt (mehr dazu später im Dezember), als auch für Frau Holle mit ihren Kissen besteht eine starke Verbindung zur Weihnachtszeit, so dass diese Verbindung zumindest nicht ganz abwegig ist. Wenn die Tradition Knecht Ruprecht also zu einem Diener des Heiligen Nikolaus macht, sieht man sehr schön, wie vorchristliche und christliche Traditionen miteinander verbunden wurden.

Andere Quellen führen Knecht Ruprecht beispielsweise auf einen Priester namens Ruprecht zurück, der die Christmette gegen betrunkene Bauern verteidigte, oder auch auf einen historischen Burgherren der Ruprechtsburg in Thüringen, von dem es heißt, er habe Kinder gefressen. Und bei den Niederländern ist als Äquivalent der „Zwarte Piet“ ein Mohr, der mit einem Schiff aus der ehemals niederländischen Kolonie Spanien kommt und lustige Possen treibt. Diesen Angaben zufolge wäre Knecht Ruprecht nicht älter als etwa fünfhundert Jahre. Genaues lässt sich aufgrund der mageren Quellenlage heutzutage nicht mehr sagen. Der Fantasie tut das jedenfalls keinen Abbruch.

Wo wir ihn heute finden

Je nach Gegend, in der man aufgewachsen ist, gilt Knecht Ruprecht entweder als freundlicher Helfer des Nikolaus – oder als gruselige, möglicherweise gehörnte Figur, die die unartigen Kinder bestraft. Vor allem dieses Bild wurde in den letzten Jahren verstärkt in Horrorfilmen umgesetzt („Krampus“, „A Horror Christmas“, „Mother Krampus“). In der Fantasyliteratur taucht Knecht Ruprecht oder Krampus hingegen seltener auf*, obwohl eine derart ambivalente Figur reichlich Spielraum für übernatürliche und fantastische Interpretationen bietet.

Am ehesten begegnet man ihm noch als zweidimensionalem Helfer von Nikolaus oder Weihnachtsmann in Märchen und Kindergeschichten. Vielleicht liegt das auch daran, dass man inzwischen glücklicherweise weitgehend davon abgekommen ist, Kinder körperlich zu züchtigen, und in diesem Zusammenhang auch nicht mehr mit einem „schwarzen Mann“ droht. Dabei gäbe es so viele schöne Einsatzbereiche für Knecht Ruprecht – vielleicht ist er ein Waldgeist? Ein Dämon, der den Menschen Gutes tun möchte? Ein tollpatschiger Engel? Oder vielleicht ist er doch ein finsterer Geselle, vor dem man sich in den langen, finsteren Winternächten schützen muss?

Eines kann man mit Sicherheit sagen – Knecht Ruprecht ist als Figur auf jeden Fall viel interessanter als die niedlichen Weihnachtselfen, die mit den US-amerikanisierten modernen, bunt blinkenden Bräuchen zu uns herübergeschwappt sind.

*ein kleiner Hinweis, im Adventskalender unserer Norne Anne Zandt ist der Krampus sogar zentral 😉 – Anm. d. Red.

**Autorin des Beitrags ist Diandra Linnemann

Liebe in fantastischen Zeiten (Diandra Linnemann)

Meine Testleserin war ganz heiß: „Wie süß! Kriegen Andrea und Sven sich am Ende?“
Ich**, hingegen, war ganz irritiert. Eine Liebesgeschichte in meinem humorvollen fastapokalyptischen Tentakelroman? So etwas war mir gar nicht in den Sinn gekommen. Obwohl die Protagonistin Andrea den Spitznamen „die Lüsterne“ trägt. Und obwohl an Liebe eigentlich gar nichts schlimm ist.
Weitere Leser stellten ähnliche Fragen. Sie brachten gute Argumente. Wenn ich einen ChicLit-Fantasy-Roman schreiben wolle, müsse ich mich an die Regeln des Genres halten. Außerdem sei Sven doch so sympathisch!

Diandra Linnemanns Roman Andrea die Lüsterne und die lustigen Tentakel des Todes

Und überhaupt, hätte Andrea denn nicht ein wenig Liebe verdient?

Eigentlich schreibe ich eher magielastige Urban-Fantasy-Romane, und meine Protagonistin befindet sich auch in einer recht glücklichen Beziehung. Allerdings bin ich fest davon überzeugt, dass das nicht die Voraussetzung für einen gelungenen Roman ist. Ich finde, eine romantische Beziehung muss zur Geschichte passen – oder besser noch: Alles viel komplizierter machen! – und sollte nicht den Platz eines vernünftigen Lebenszweckes einnehmen. Es kotzt mich, mit Verlaub, an, wenn die eh schon unglaublich perfekte Protagonistin erst durch den passenden Mann an ihrer Seite endlich die notwendige soziale Aufwertung erfährt, oder wenn sich das hässliche Entlein pünktlich zum dritten Akt in den wunderschönen Schwan verwandelt, um dem Prinzen gerecht zu werden. Habt ihr eigentlich nichts Besseres zu tun?

Durch die komplette Literatur hindurch begegnen uns Frauen, die beinahe ausschließlich über ihre romantischen Beziehungen definiert und wahlweise gerettet oder verdorben werden: Fausts Gretchen, Effie Briest bei Fontane, Elizabeth Bennet in Stolz und Vorurteil. Oft scheint es, als seien Frauen ausschließlich dazu da, geliebt, verführt oder gerettet zu werden, sogar wenn sie eine tragende Rolle spielen.

Und im Fantasybereich sieht es nicht besser aus.

Arwen im Herrn der Ringe mag eine fähige Magierin und Kämpferin sein, aber ihre Hauptbeschäftigung ist es nun einmal, in Aragorn verliebt zu sein. Das ist zwar schön und tragisch, aber nicht besonders nahrhaft. Bei Tad Williams‘ Drachenbeinthron-Saga kann ich mich, ehrlich gesagt, an keine relevante Frauengestalt erinnern. Marion Zimmer Bradley hat zwar in erster Linie hervorragende Frauen geschrieben, aber auch hier kreist ein Großteil der Geschichten um die Liebe und darum, ob eine Frau noch begehrenswert ist oder schon alt. Und sogar Mary Shelley, als sie mit Frankenstein das Genre Science Fiction erfand, hatte für die einzige relevante Frau der Geschichte nur die Rolle der Verlobten des Doktors übrig.

Braucht Fantasy von und über Frauen wirklich Liebe? (Grafik: Elenor Avelle)

Zum Glück ändern sich die Zeiten ja, nicht wahr?

Tja, und da komme ich gelegentlich ins Schleudern. Die Zahl starker Frauencharaktere wächst, wie man unter anderem bei Das Lied von Eis und Feuer oder in der Reihe um die Vampirjägerin Anita Blake der US-Autorin Laurell K. Hamilton lesen kann. Aber auch dort findet ein Großteil der Charakteridentifikation über ihre Beziehungen statt. Fast möchte man den Eindruck haben, als Frau MÜSSE man eine romantische Beziehung haben, um überhaupt die Chance darauf zu haben, in einem Roman als relevant wahrgenommen zu werden.

Einige wenige Gegenbeispiele habe ich zum Glück natürlich auch – sogar wenn die Frauen bei Terry Pratchett beispielsweise romantische Beziehungen haben, so finden diese meistens am Rand der Geschichte statt. In den Büchern von Isabel Allende, die dem magischen Realismus zugeordnet werden, findet Romantik zwar statt, ist aber nur selten das entscheidende Element. Und genau so sollte es meiner Meinung nach sein. Liebe gehört zum Leben dazu. Doch wenn man sie zum zentralen, alles beherrschenden Thema macht, legt man die Latte für Erfolg meiner Meinung nach ziemlich niedrig.

In Andrea die Lüsterne und die lustigen Tentakel des Todes habe ich das Problem schließlich mit einem Kompromiss gelöst – mehr sei an dieser Stelle nicht verraten. Doch ich finde, wenn man die Welt gerettet hat, ist es fast schon Nebensache, ob man anschließend gemeinsam in den Sonnenuntergang reitet. Oder etwa nicht?

 

**Autorin des Beitrags ist Diandra Linnemann. Auf ihrem Blog habt ihr aktuell eine tolle Gewinnmöglichkeit.

Diandra Linnemann: Der europäische Ziegensauger #Fabelwesen

Fabelwesen im Nornennetz

Beim europäischen Ziegensauger handelt es sich um eine wenig bekannte Variante des mittelamerikanischen Chupacabra. Genau wie dieser parasitäre Vertreter der Dämonenwelt ist der europäische Ziegensauger ein vampirartiges Wesen, welches seiner Beute durch einen Riss in der Kehle das Blut aussaugt. Anders als der lateinamerikanische Chupacabra begnügt der europäische Ziegensauger sich, wahrscheinlich aufgrund seiner geringeren Größe, mit Ziegen und Schafen.

Die Legenden über den europäischen Ziegensauger stammen überwiegend aus dem alpinen Raum. In kirchlichen Archiven finden sich nur wenige Hinweise auf Herkunft und Wirken der Bestie. Verbrieft ist, dass der europäische Ziegensauger beinahe exklusiv in abgelegenen Alpentälern beheimatet ist, in denen die Bauern aufgrund der kargen Weiden und steilen Hänge Ziegen statt Kühe hielten. Ganze Herden schienen unter mysteriösen Krankheiten zu leiden oder verschwanden nach und nach in den umliegenden Fichtenwäldern. Erst als die Bauern ihre Ziegenzucht aufgaben, blieben die Erscheinungen des europäischen Ziegensaugers aus.

Der Dämon wird als etwa hundsgroß beschrieben. Er hat üblicherweise braunes oder dunkelgraues Fell, welches einen länglichen Kopf mit einer spitzen Schnauze und einen auffälligen Knochenkamm auf dem Rücken bedeckt. Der lange Schwanz der Bestie ist haarlos. Anhand dokumentierter Ziegenkadaver aus den 1950er Jahren lässt sich vermuten, dass der europäische Ziegensauger ein starkes Reißgebiss mit markanten Eckzähnen hat, mit denen er die Schlagader seiner Beute öffnet, um das Blut zu trinken. Er lebt wahrscheinlich in Gebirgsspalten oder Höhlen, in welche er seine Beute verschleppt, um sie in Ruhe auszusaugen.

Bei Sichtung ist unbedingt Abstand zu halten, sonst droht Lebensgefahr! 

Der europäische Ziegensauger jagt in dem fantastischen Serienroman „Das Ziegenmädel“, der seit Ende Juli häppchenweise über meinen Newsletter veröffentlicht wird (Anmeldung unter: https://diandrasgeschichtenquelle.org/newsletter/).

Außerdem findet ihr mich hier online:

https://diandrasgeschichtenquelle.org/

https://www.facebook.com/DiandrasGeschichtenquelle/

https://twitter.com/maerchenquelle

https://www.instagram.com/diandralinnemann/