Novizinnen fragen nach: Neun Fragen an die Nornen (Grumpy Moon)

Jeder kennt heutzutage die römische Mythologie, nach deren Göttern die Planeten und Asteroiden unseres Sonnensystems benannt sind – da wären unter anderem der größte Planet und Göttervater Jupiter, der am weitesten entfernte Planet und Gott der Unterwelt Pluto, und die Nachbarin der Erde sowie Liebesgöttin Venus. Selbiges gilt für das griechische Gegenstück mit ebenfalls bekannten Namen wie Zeus, Hades und Aphrodite. Aber wie viele Menschen kennen im Vergleich dazu eigentlich Urd, Verdandi und Skuld?

Die Nornen

Die Rede ist von den Nornen, Schicksalsgöttinnen der nordischen Mythologie, die mich** persönlich mehr fasziniert als ihre römischen und griechischen Pendants, und jene Faszination spiegelt sich unter anderem in meinen eigenen Romanen wider. Auch die Nornen kommen in abgewandelter Form darin vor, und umso mehr hat es mich begeistert, auf meiner Suche nach einem geeigneten Autorenclub von der Existenz des Nornennetzes zu erfahren, einer Vereinigung von mittlerweile über 70 Fantasy-Autorinnen, die sich unter anderem für die Gleichberechtigung weiblicher Schriftsteller auf dem Arbeitsmarkt einsetzen und mit Ständen auf verschiedenen Buchmessen vertreten sind.

Auf dem Weg, selbst eine Norne zu werden – hätte nie gedacht, dass ich das einmal sagen würde! –, durfte ich letztens die Gelegenheit wahrnehmen, drei Autorinnen, die die sinnbildliche Aufnahmeprüfung bereits bestanden haben, nach ihren persönlichen Ansichten und Erfahrungen zu befragen. Da es für mich das erste Mal ist, dass ich in Bezug auf mein liebstes Hobby von so vielen Gleichgesinnten umgeben bin, hat mich in erster Linie deren Autoren-Werdegang interessiert. Es folgen neun Fragen an die Nornen, in guter alter Nornen-Tradition sowohl über ihre Vergangenheit als auch ihre Gegenwart und die Zukunft!

Die Geschichte des Namens

Wie es häufig bei Sängern, Schauspielern und anderen Künstlern der Fall ist, zieht auch der eine oder andere Autor es vor, seine Werke nicht unter dem Namen zu veröffentlichen, der in seiner Geburtsurkunde steht. Nicht wenige – mich eingeschlossen – tendieren dazu, ein Pseudonym zu wählen, und die Gründe dafür sind so vielfältig wie diese Pseudonyme an sich. Ich habe Evanesca, Stella Delaney und Luna Grace dazu befragt. Erstere erzählte mir eine interessante Geschichte über die Protagonistin eines ihrer früheren Werke, ein Mädchen namens Eva, das in einen Vampir verwandelt und in ein fremdes Land verschleppt wird, wo sie den neuen Namen Evanesca annimmt (»Die Verschwundene« auf Latein). Unzufrieden mit der Qualität ihrer Idee, hat die Autorin jene Geschichte nie ausgebaut, benutzt allerdings seither den Namen der Protagonistin als Pseudonym – wenn auch nur auf bestimmten Internet-Plattformen. Ihre Bücher veröffentlicht sie unter ihrem echten Namen, da ihr ein Pseudonym zu viel Aufwand und im Gegenzug keine nennenswerten Vorteile bringen würde.

Ganz anders sieht das Luna Grace (Sienna Morean), auch bekannt als Luna Skye, Grace Mortis, oder, wie ich persönlich sie nenne, »der andere Mond«. Der Grund für diese vielen verschiedenen Decknamen sind die verschiedenen Genres, in denen sie schreibt, aber auch sie hat beschlossen, sich in absehbarer Zukunft auf ein einziges Pseudonym festzulegen. Unter ihrem richtigen Namen möchte sie keine Geschichten veröffentlichen – etwas, das ich persönlich sehr gut nachvollziehen kann, da ich nicht gerade darauf brenne, als Autorin von allen wiedererkannt zu werden, die schon meine (etwas peinlichen) früheren Werke ertragen mussten… äh, genießen durften!

Stella Delaney geht den Mittelweg, indem sie sich einen Namen ausgesucht hat, der zwar nicht in ihrer Geburtsurkunde steht, jenem Namen aber doch sehr ähnelt und ihn im Alltag quasi ersetzt hat. Als Stella stellt sie sich vor, sowohl im wirklichen Leben als auch im Internet, ihre Freunde nennen sie so, und auch ihre Bücher verkaufen sich unter diesem Namen. Obwohl ihr ehemaliger bester Freund der Meinung war, dass der Name aufgrund seiner Bedeutung (»Stern«) gut zu ihr passt, war das nicht der Grund für ihre Wahl; in erster Linie wollte sie etwas, das natürlich klingt, noch nicht vergeben ist und auf mehreren Sprachen funktioniert, und diese Kriterien erfüllt ihr Autorenname auf jeden Fall.

Die Geschichte des Schreibens

Nachdem die Frage nach dem Künstlernamen geklärt war, wollte ich natürlich auch erfahren, wie, wann und warum man denn zum Verfassen originaler Geschichten kommt, denn bisher kenne ich nur meine eigene Geschichte, und die ist wirklich nicht sehr spannend; ich schreibe, seit ich schreiben kann, und davor habe ich meine Ideen aufgemalt. So gesehen gab es bei mir nie wirklich einen Punkt, an dem alles angefangen hat, es gehört einfach schon seit Anbeginn meines Lebens zu mir, und lange dachte ich, dass das bei den meisten Autoren so wäre. Weit gefehlt – während meiner Interviews bekam ich in dieser Hinsicht tatsächlich kein einziges Mal einen Spiegel vorgesetzt.

Während manch eine sich schon als Kleinkind Geschichten für Geschwister und Klassenkameraden ausgedacht, diese aber erst sehr viel später niedergeschrieben hat, versuchte sich eine andere zunächst an Fanfiktion und »zusammenplagiierten Bestandteilen der von [ihr] konsumierten Serien in Romanform«, bevor sie auf der Schwelle der Pubertät erstmals zu wirklich eigenen Projekten überging, und wieder andere entdeckten dieses Hobby erst in ihren Zwanzigern für sich. Daran zeigt sich, so unterschiedlich wie ihre Geschichten sind auch die Autorinnen, sei es nun das Gefallen am Erzählen selbst oder das Kennenlernen und Austesten eigener Fähigkeiten, das sie zum Schreiben motiviert, oder auch die eigene introvertierte Natur und das damit verbundene Streben, sich mit sich selbst zu beschäftigen, statt »draußen zu spielen«.

Eines haben sie allerdings alle gemeinsam: Der Umgang mit eigenen Geschichten, ob nun in geschriebener oder erzählter Form, ist mittlerweile ein fester Bestandteil ihres Lebens, und damit verbunden auch der Wunsch, die eigenen Werke zu veröffentlichen, denn »mehr als schiefgehen kann es ja nicht«. Aber hat man dafür neben seinen alltäglichen Pflichten überhaupt noch Zeit?

Der alte Hut von Hobby versus Pflichten, und wie man alles unter ihm vereint

»Wie findest du neben Beruf, Familie, etc. eigentlich noch Zeit zu schreiben?« Eine Frage, die ich nur sehr selten gestellt bekomme, denn die meisten meiner Bekannten wissen, dass ich gerne zuhause bleibe (statt auf Partys zu gehen), noch keine Familie gegründet habe (und auch nicht plane, das nachzuholen), und meine Tätigkeit als Autorin als meinen Hauptberuf betrachte (auch wenn sie mir momentan wesentlich weniger Geld einbringt als den halben Tag so zu tun, als wäre ich jemand anderes).

Aber nicht allen, die gerne schreiben, bleibt am Ende des Tages noch so viel Zeit dafür übrig wie mir, denn besonders Stella hat in dieser Hinsicht in erster Linie mit ihrem sehr anspruchsvollen Brotjob zu kämpfen, während Luna nebenher noch ein kleines Kind versorgen muss. Evanesca hat das Glück, sich als Selbstständige ihre Zeit frei einteilen zu können, daher sagt sie: »Schreiben geht immer!« Letzten Endes muss jeder selbst zusehen, wie er all seine Pflichten unter einen Hut bekommt, und daran ändert sich auch nichts, wenn man als Norne das Schicksal selbst in der Hand hält. Wie schön es da manchmal wäre, einfach für ein paar Stunden in eine Phantasie-Welt abzutauchen!

Fantasy-Literatur…

… ist so etwas wie ein Aufnahmekriterium des Nornennetzes, aber nicht unbedingt. Auf meine Frage, welche anderen Genres sie noch bedient, beichtete mir Stella, dass Fantasy für sie im Grunde nur Nebensache ist, weswegen sie anfangs nicht sicher war, ob die Nornen sie akzeptieren würden. Ihre primären Genres sind nämlich »Mystery, Suspense, Dystopie und Krimi, kombiniert mit Queer-Romance-Elementen«, und damit ist sie nicht alleine. Auch Evanesca schreibt gerne dystopische Romane, dazu Science-Fiction und, wie sie es nennt, »exotische Untergenres« wie Garbagepunk und Arcanepunk. (»Exotisch« passt auf jeden Fall, denn ich musste diese Begriffe erst einmal nachschlagen, wie ich zu meiner Schande gestehen muss.) Luna hingegen ist, wenn sie sich nicht gerade in ihren Phantasie-Welten herumtreibt, gerne in Liebesstimmung und schreibt in verschiedenen Bereichen der Romantik, allerdings auch Thriller. Und wie kommt man nun auf die Idee, sich mit solchen Kombinationen ausgerechnet bei den Nornen zu bewerben?

Wie wird man Norne?

Hauptsächlich, indem man durch Freunde oder Social-Media-Plattformen darauf aufmerksam wird und sich dann bewirbt. Eines davon oder sogar beides trifft jedenfalls auf jede meiner drei Interview-Partnerinnen zu, und auch auf mich selbst. Evanesca war sogar (fast) von Anfang an dabei, kam bereits kurz nach der Gründung hinzu, und hat mit dafür gestimmt, dem Autorinnenverband eben jenen Namen zu geben, den er heute noch verwendet.

Und was ist eine Norne denn nun?

Auch das wollte ich genauer wissen, oder besser gesagt: Wussten sie bereits, was die Nornen in der nordischen Mythologie sind, bevor sie selbst welche wurden? Auch hierzu gab es unterschiedliche und dennoch ähnliche Antworten: Evanesca kannte die griechischen Schicksalsgöttinnen, die Moiren, Stella deren römisches Gegenstück, die Parzen, und beide hatten von Nornen zumindest schon einmal etwas gehört. Nur Luna musste sich erst einmal im Internet informieren, da sie sich davor nicht besonders viel mit Mythologie beschäftigt hatte, aber auch sie findet die Bezeichnung sehr passend. Und wie könnte es auch anders sein? Autorinnen sind schließlich selbst nichts anderes als »Schicksalsgöttinnen der erschaffenen Welt, die die Geschicke der Figuren lenken«, wie Stella es wunderbar anschaulich auf den Punkt bringt. So weit, so gut.

Ja, aber hat man als Norne wirklich mehr Chancen, ein Buch rauszubringen?

Wahrscheinlich nicht. Wie bei anderen Autoren auch, ist das Schicksal, über das sie bestimmen, schließlich nur das ihrer Charaktere, nicht zwangsläufig ihr eigenes. Nornen mögen in anderen Mythologien anders heißen, sind aber dennoch stets weiblich, und das ist für manche Verlage oder Agenturen selbst heute noch ein Problem – eines, dessen die Nornen sich bewusst annehmen. »Solange im Vordergrund keine Liebesgeschichte steht, werden Frauen in der Fantastik oft nicht ernst genommen«, heißt es auf der Website, und obwohl – oder gerade weil – ich selbst mit derartiger Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt der Autoren noch keine Erfahrungen gemacht habe (was auch kaum möglich ist, wenn nur die wenigsten Verleger einem verraten, warum sie das Manuskript ablehnen), wollte ich wissen, wie es diesbezüglich bei den anderen aussieht.

Evanesca kann das, was auf der Website geschrieben steht, leider nur bestätigen: Als sie einem Bekannten von ihrem Hobby erzählte, ging dieser doch tatsächlich wie selbstverständlich davon aus, dass sie »etwas mit Liebe« schreiben müsse – dabei war mitunter das Erste, was ich über Evanesca erfahren habe, dass Romantik gerade nicht ihr Ding ist, auch wenn es in untergeordneter Form natürlich dennoch in ihren Werken vorkommen kann. Aber wie es scheint, herrscht im Großen und Ganzen die Meinung vor, dass »Männer das richtige Zeug [schreiben], Frauen schreiben Schmonzetten«.

Unter »richtiges Zeug« scheint auch alles zu fallen, was irgendwie mit Männern an sich zu tun hat, denn laut Stella, die unter anderem Gay Romance schreibt, wird weiblichen Autoren nicht zugetraut, dieses Genre glaubhaft darzustellen, oder männliche Figuren im Allgemeinen. Im Gegenzug seien Männer als Autoren »typisch weiblicher« Literatur nicht gerne gesehen und dazu angehalten, sich ein Pseudonym des anderen Geschlechts zuzulegen, wie auch Frauen, die Thriller schreiben. Der Sexismus macht also auch vor den Herren der Schöpfung nicht Halt. Als hätte man(/frau) als Autor(in) nicht ohnehin schon genügend Probleme…

Das Frustrierendste am Autoren-Dasein

Es beginnt mit Schreibblockaden oder einem akuten Mangel an Ideen und geht über das schwierige Zeitmanagement bis hin zu der unumstößlichen Tatsache, dass Schriftsteller (wenn sie nicht gerade Rowling heißen) nicht die allerbesten Chancen haben, mit ihrer Leidenschaft ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Oftmals ist das geregelte Einkommen vom Brotjob abhängig, den man nicht selten weder so gerne noch so gut macht, und der wiederum die Zeit einschränkt, die man mit seiner wahren Berufung verbringen darf… zumal man sich auch nicht zu jedem beliebigen Zeitpunkt einfach hinsetzen und auf Kommando produktiv sein kann.

Das Schreiben ist ein Job wie jeder andere, auch wenn er von außen oft nicht als solcher wahrgenommen wird, da die meisten von uns ihn in ihrer Freizeit ausüben. Dann gibt es natürlich noch den inneren Kritiker, eine böse Zunge, »die nichts gut findet und immer meint, dass es sowieso nur Zeitverschwendung ist« (Stella). Wer kennt sie nicht? Und sollte sie einmal nichts mehr zu melden haben, weicht sie schnell der Unzufriedenheit von Agenturen und Verlagen, die leider auch noch ein Wörtchen mitzureden haben, und auf deren Absagen man noch dazu viel zu lange warten muss.

Das Autorenleben ist also definitiv nichts für die Ungeduldigen. Seien es brauchbare Ideen, Rückmeldungen von außen oder der Erfolg, auch nachdem man bereits etwas veröffentlicht hat – auf alles muss man warten, und das kann sehr frustrierend sein. Wir haben hier also ein Hobby, das sehr anstrengend ist, Geduld erfordert und sich am Ende womöglich nicht einmal auszahlt. Lohnt es sich demnach überhaupt, Autor zu werden?

Der richtige Garn, um sein Schicksal zu weben

Es lohnt sich – aber nur, wenn man weiß, worauf man sich einlässt, und sich dennoch bewusst dafür entscheidet. Autor zu sein »ist wie ein laufender Prozess, der niemals endet«, sagt Luna, denn ständig lernt man dazu, bildet sich weiter. Deswegen rät sie zukünftigen Autoren, klein anzufangen und seine Ziele anfangs nicht zu hoch zu stecken, um zu verhindern, dass man letztendlich »doch kein Autor mehr sein möchte, weil mehr zu tun ist als angenommen«. Da ist sie also wieder – die Geduld.

»Never give up!«, lautet Stellas Devise, denn auch wenn es manchmal noch so unmöglich scheint, den inneren Schweinehund und all die anderen Hindernisse zu überwinden, fühlt es sich doch umso besser an, wenn dabei eines Tages etwas Vorzeigbares herauskommt, worauf man stolz zurückblicken kann. Denn das Durchhaltevermögen, so Evanesca, »unterscheidet am Ende die, die gern ein Buch schreiben würden, und die, die es geschafft haben«.

**Autorin des Beitrags ist Grumpy Moon

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