Liebe in fantastischen Zeiten (Diandra Linnemann)

Meine Testleserin war ganz heiß: „Wie süß! Kriegen Andrea und Sven sich am Ende?“
Ich**, hingegen, war ganz irritiert. Eine Liebesgeschichte in meinem humorvollen fastapokalyptischen Tentakelroman? So etwas war mir gar nicht in den Sinn gekommen. Obwohl die Protagonistin Andrea den Spitznamen „die Lüsterne“ trägt. Und obwohl an Liebe eigentlich gar nichts schlimm ist.
Weitere Leser stellten ähnliche Fragen. Sie brachten gute Argumente. Wenn ich einen ChicLit-Fantasy-Roman schreiben wolle, müsse ich mich an die Regeln des Genres halten. Außerdem sei Sven doch so sympathisch!

Diandra Linnemanns Roman Andrea die Lüsterne und die lustigen Tentakel des Todes

Und überhaupt, hätte Andrea denn nicht ein wenig Liebe verdient?

Eigentlich schreibe ich eher magielastige Urban-Fantasy-Romane, und meine Protagonistin befindet sich auch in einer recht glücklichen Beziehung. Allerdings bin ich fest davon überzeugt, dass das nicht die Voraussetzung für einen gelungenen Roman ist. Ich finde, eine romantische Beziehung muss zur Geschichte passen – oder besser noch: Alles viel komplizierter machen! – und sollte nicht den Platz eines vernünftigen Lebenszweckes einnehmen. Es kotzt mich, mit Verlaub, an, wenn die eh schon unglaublich perfekte Protagonistin erst durch den passenden Mann an ihrer Seite endlich die notwendige soziale Aufwertung erfährt, oder wenn sich das hässliche Entlein pünktlich zum dritten Akt in den wunderschönen Schwan verwandelt, um dem Prinzen gerecht zu werden. Habt ihr eigentlich nichts Besseres zu tun?

Durch die komplette Literatur hindurch begegnen uns Frauen, die beinahe ausschließlich über ihre romantischen Beziehungen definiert und wahlweise gerettet oder verdorben werden: Fausts Gretchen, Effie Briest bei Fontane, Elizabeth Bennet in Stolz und Vorurteil. Oft scheint es, als seien Frauen ausschließlich dazu da, geliebt, verführt oder gerettet zu werden, sogar wenn sie eine tragende Rolle spielen.

Und im Fantasybereich sieht es nicht besser aus.

Arwen im Herrn der Ringe mag eine fähige Magierin und Kämpferin sein, aber ihre Hauptbeschäftigung ist es nun einmal, in Aragorn verliebt zu sein. Das ist zwar schön und tragisch, aber nicht besonders nahrhaft. Bei Tad Williams‘ Drachenbeinthron-Saga kann ich mich, ehrlich gesagt, an keine relevante Frauengestalt erinnern. Marion Zimmer Bradley hat zwar in erster Linie hervorragende Frauen geschrieben, aber auch hier kreist ein Großteil der Geschichten um die Liebe und darum, ob eine Frau noch begehrenswert ist oder schon alt. Und sogar Mary Shelley, als sie mit Frankenstein das Genre Science Fiction erfand, hatte für die einzige relevante Frau der Geschichte nur die Rolle der Verlobten des Doktors übrig.

Braucht Fantasy von und über Frauen wirklich Liebe? (Grafik: Elenor Avelle)

Zum Glück ändern sich die Zeiten ja, nicht wahr?

Tja, und da komme ich gelegentlich ins Schleudern. Die Zahl starker Frauencharaktere wächst, wie man unter anderem bei Das Lied von Eis und Feuer oder in der Reihe um die Vampirjägerin Anita Blake der US-Autorin Laurell K. Hamilton lesen kann. Aber auch dort findet ein Großteil der Charakteridentifikation über ihre Beziehungen statt. Fast möchte man den Eindruck haben, als Frau MÜSSE man eine romantische Beziehung haben, um überhaupt die Chance darauf zu haben, in einem Roman als relevant wahrgenommen zu werden.

Einige wenige Gegenbeispiele habe ich zum Glück natürlich auch – sogar wenn die Frauen bei Terry Pratchett beispielsweise romantische Beziehungen haben, so finden diese meistens am Rand der Geschichte statt. In den Büchern von Isabel Allende, die dem magischen Realismus zugeordnet werden, findet Romantik zwar statt, ist aber nur selten das entscheidende Element. Und genau so sollte es meiner Meinung nach sein. Liebe gehört zum Leben dazu. Doch wenn man sie zum zentralen, alles beherrschenden Thema macht, legt man die Latte für Erfolg meiner Meinung nach ziemlich niedrig.

In Andrea die Lüsterne und die lustigen Tentakel des Todes habe ich das Problem schließlich mit einem Kompromiss gelöst – mehr sei an dieser Stelle nicht verraten. Doch ich finde, wenn man die Welt gerettet hat, ist es fast schon Nebensache, ob man anschließend gemeinsam in den Sonnenuntergang reitet. Oder etwa nicht?

 

**Autorin des Beitrags ist Diandra Linnemann. Auf ihrem Blog habt ihr aktuell eine tolle Gewinnmöglichkeit.

Kommentare (5) Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Diandra, da schreibst du ein paar wahre Worte. Ich hab mir selbst auch schon oft darüber Gedanken gemacht, gerade wenn ich an einem Plot herumtüftelte. Und habe darüber mit anderen AutorInnen und TestleserInnen diskutiert. Mein persönliches Fazit: Beziehungen, Liebe, oder auch nur die Libido stehen für nicht wenige im Mittelpunkt ihres Lebens. Vor ihrem Job, vor ihrem Hobby, vor ihrem Engagement für eine Sache (lassen wir Kinder mal beiseite, aber selbst da …). Für manche ist (immer noch) das vorrangige Ziel ihres Lebens den richtigen Partner zu finden. Und das suchen sie als LeserInnen dann auch in den Geschichten. Die Tendenz ist hier: mehr Frauen als Männer, und je jünger, desto mehr. Und vielleicht ist es einfach das Bedürfnis, Freud und Leid mit jemand teilen zu können, selbst beim Weltretten und Dämonenabschlachten, das so tief in uns verwurzelt ist, dass vielen eine Geschichte ohne Liebe nicht vollständig erscheint. Allerdings gebe ich dir vollkommen recht: von liebeskranken, abhängigen oder unterwürfigen Heldinnen sollten wir langsam verabschieden.

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    • Das ist eine gute Überlegung. Vielleicht liegt es auch daran, wo man sich selbst im Leben befindet … wer in einer stabilen Beziehung lebt, kann natürlich ein wenig entspannter auf ferne Ziele zwischen den Sternen zielen, denn das Grundbedürfnis „Liebe“ ist schon erfüllt.

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  2. Danke! Ich habe diesen Artikel dringend gebraucht.
    Mir wird regelmäßig vorgeworfen, dass in meinen Romanen der Fokus zu wenig auf dem Thema Liebe liegt. Versteht mich nicht falsch – Liebe macht das Leben lebenswert. Vor allem, in all ihren unterschiedlichen Facetten. Von freundschaftlicher, über familiäre bis hin zu romantischen Liebe – obwohl scheinbar gerade diese die einzige ist, die zählt.
    Und von Verlagen wie Leserinnen gleichermaßen erwartet wird. Deshalb reagiere ich inzwischen ein bisschen allergisch, wenn die erste Frage ist, ob in meinen Geschichten auch genug Liebe vorkommt.
    Und dabei möchte ich sogar Romanzen schreiben – großartige, närrische, zarte, traurige, glückliche und herzerwärmende Liebesplots als Teil der ganzen Geschichte. Aber eben nicht nur, nicht immer und nicht für jede weibliche Protagonistin.
    Deshalb, vielen Dank, liebe Nornenschwester, für Tentakel und Liebe in fantastischen Zeiten 😀

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    • Gern geschehen! Wäre doch auch ein wenig ambitionslos, wenn alle Protagonistinnen immer nur auf der Jagd nach „dem Kuss“ oder „dem Ring“ wären. Es sei denn, natürlich, damit geht es dann Richtung Mordor …

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  3. In jedem, jedem, in 99% von allen Büchern, die ich in den letzten Jahren in der Hand hatte, war eine Romanze drin. Das ist so langweilig auf Dauer. Ungefähr so, als müsse man jeden Tag den gleichen Eintopf essen, wieder und wieder und aufgewärmt. Man weiß ja nach den ersten Charakterbeschreibungen eh schon immer, wer wen am Ende kriegt. Ich juble inzwischen, wenn ich mal eine dieser seltenen Geschichte ohne (vordergründige) Pärchenbildung finde. Mehr Abenteuer ohne Schmonzetten bitte für uns! Danke!

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