Anna Holub: Schneewittchen und der Jäger. #Halloween im #Nornennetz

 

Das Mädchen mit den ebenholzschwarzen Haaren und der schneeweißen Haut musterte den Jäger neugierig. „Was tut Ihr?“

„Ich muss Euch töten. Eure Stiefmutter, die Königin, wünscht es.“

„Oh.“ Sie seufzte leise. „Ich … ich verstehe.“

Der Jäger zog seinen Hirschtöter heraus, mit dem er den Hals des Wildes durchschnitt, wenn die Hunde oder Speere es niedergeworfen hatten. Die Klinge war so lang wie der Unterarm des Kindes. Er wog sie vorsichtig in der Hand, kostete den Moment aus.

Das Mädchen drückte sich stumm an die Felswand in ihrem Rücken und beobachtete ihn mit großen, traurigen Augen.

„Wollt Ihr nicht weinen? Um Euer Leben betteln?“

„Würde das etwas ändern?“, flüsterte sie.

Er zuckte mit den Schultern. „Nein.“ Dann breitete er seine Arme aus, um eine plötzliche Flucht zu verhindern, und ging einen Schritt auf sie zu. „Aber es würde es mir leichter machen.“

Sie nickte ernst. In den Schatten des Tals war es klamm geworden. Sie zitterte leicht; ihr musste kalt sein, so dicht an den Stein gepresst.

„Warum?“

„Warum was? Warum die Königin Euch aus dem Weg haben will?“

„Nein. Warum wollt Ihr mich töten?“ Ein wachsamer Ausdruck zeigte sich in ihrem runden, hübschen Gesicht. „Gefällt Euch das Töten? Oder dass ich Angst vor Euch habe? Oder tut Ihr das nur aus Angst vor der Königin? Hat sie Euch bedroht? Wird sie Euch in den Kerker werfen, wenn Ihr es nicht tut?“

„Ich bin ein treuer Untertan der Königin. Ich befolge ihren Befehl.“

„Und das ist alles?“

„Nein.“ Er grinste, als er zum ersten Stoß ansetzte. „Ich habe mich freiwillig gemeldet.“

„Oh. Gut.“

Der Jäger zögerte. „Was meint Ihr?“

„Ich hasse Feiglinge und Ja-Sager. Monster … richtige Monster sind köstlich.“

„Nennt Ihr mich ein Monster?“

„Nein.“ Sie grinste durch scharfe Zähne. „Ich nenne Euch köstlich.“

 *

Das kleine Mädchen lehnte sich lässig an den Torpfeiler, der in den Kräutergarten des Schlosses führte. An ihrer Hand schwang ein voller Leinensack. „Wir müssen wirklich aufhören, uns ständig so zu treffen, Hoheit.”

Die Königin seufzte. „Ich wünschte, du könntest lernen, mich Mutter zu nennen.” Sie schielte hungrig auf den Sack. „Hast du die Sachen?”

Das Mädchen warf den Leinensack vor die Füße der Königin, wo er mit einem Platschen aufschlug. „Lunge und Leber, wie Ihr bestellt habt, Hoheit. Der Rest war meiner.” Sie leckte sich die blutroten Lippen.

„Gut.” Die Königin hob den Sack mit spitzen Fingern auf und hielt ihn auf Armeslänge, um nicht ihr Kleid zu besudeln. Auf der Treppe des Kücheneingangs blieb sie noch einmal stehen.

„Eines Tages werde ich einen Jäger finden, der dich bezwingen kann“, bemerkte sie über ihre Schulter.

Das Mädchen zuckte mit der Achsel. „Ich weiß“, antwortete sie leichtfertig.

„Wenn alle Feiglinge und Ja-Sager aus meinem Hofstaat verschwunden sind.“

„Sicherlich.” Das Mädchen lächelte. „Aber bis dahin, Hoheit, bin ich das schönste Monster im ganzen Land.“


Bildnachweis @Elenor Avelle

 

 

Textflash

M. Stadelmann, A. Mirowna, B. Unghulescu, Mikaela Sandberg mit SCHWEIG STILL und IM RAUSCH bei Ullstein. Freie Autorin, Lektorin, Ex-Verlegerin, Hat das #nornennetz mitgegründet

Kommentar (1) Schreibe einen Kommentar

Kommentar verfassen