Ist es schwieriger, überzeugende queere Figuren zu schreiben als sich in Aliens und Drachen einzufühlen? Zum PAN Branchentreffen. (Deborah B. Stone)

Ist Fantasy politisch?
Soll sie es sein?
Und will sie es sein?

Dieser und anderer Fragen widmeten wir uns auf dem Branchentreffen der Phantastik-Autor*innen. Zum dritten Mal hatte der PAN (Phantastik-Autoren-Netzwerk E.V.) zu einer mehrtägigen Veranstaltung nach Köln geladen. Vom 19.-21.4. gab es vielfältige Vorträge und Panels mit Titeln wie „Macht und Märchen“,
„Rassismus-Sexismus-Homophobie – welche Verantwortung hat die Phantastik?“ und „Thor war kein Nazi“.

Ich** habe zusätzlich die Workshops  „LSTBIQ-Figuren schreiben“, „Kämpfe in der Phantastik“ und „Crowdfunding“ gewählt.

Im fantastisch Verfremdeten zeitgenössische Machtverhältnisse und Moral zu hinterfragen – das tat vielfach schon das (Kunst-)Märchen und die mythologisierende Malerei und Plastik. Bitterarme Eltern setzen ihre Kinder aus, Zwerg Nase wird lieber Kauffmann als eine (dumme) Gans zu heiraten und Herakles verlässt sich besser auf List als den Segen der Götter. Es gibt also eine lange Tradition der politischen Botschaften in Bezug auf Gesellschaft und Individuum im scheinbar gegenwartsentrückten, harmlosen, ja, kindlich verspielten Gewand.

Informationen, Austausch und Diskussionsrunden gab es für die Teilnehmer des PAN-Branchentreffens (Foto: Deborah B. Stone)

Ist das noch Kunst?

Auch heute bietet die Kunstfreiheit, die im deutschen Grundrecht sogar noch uneingeschränkter Schutz genießt als die Freiheit der Meinungsäußerung, ein großes Potential. Potential zur Kritik bestehender Verhältnisse und zum Entwurf einer Gesellschaft und diverser Identitäten jenseits der etablierten Norm. Doch ein Potential muss genutzt werden, um Wirkung zu entfalten.
Fantasy (und auch gerade Science Fiction) bietet per se einen großen Freiraum für Gesellschaftsentwürfe. Wir Autor*innen müssen uns hier nicht an historische oder zeitgenössische Realitäten halten.
Wir können eine ideale Welt erschaffen, in der Gesellschaft und Individuen frei sind von bestimmten Normen und Zwängen. Utopien erwecken Sehnsucht bei der Leser*in und vielleicht auch Hoffnung. Den Mut, Ideen zu entwickeln und diese auch individuell umzusetzen. Hoffnung ist das Gegenmittel zu Mutlosigkeit und Zynismus, die uns im Alltagstrott mit all seinen kleinen und großen Unrechtsstrukturen verharren lassen.

Die großen Utopien des Sozialismus sind gescheitert, doch die lebbaren Ideen eines Miteinander sind gefragter als je zu vor: Wie wollen wir in unserer Gesellschaft mit anders denkenden, anders glaubenden, anders lebenden, anders aussehenden, anders fühlenden (to be continued…) umgehen? Und: Wer sind eigentlich wir?
Ticken alle Vampire gleich? Sind alle Werwölfe böse und alle Feen gut? Und sprechende Tiere – sind die auch nur Futter?

Oder wir können genau diese Normen, Stereotype und Zwänge überspitzen und dystopische Romane, düstere Visionen der Zukunft entwerfen, die die Leser*in schaudern lassen: Steuern wir auf solch eine Gesellschaft zu? Wollen wir so leben und unseren Kindern/Töchtern so eine Welt hinterlassen? Von der Geburt im Reagenzglas an determiniert und bar jeglicher individueller Freiheit. Totale Überwachung und Optimierungswahn.

Weg vom Stereotyp

Wir Autor*innen können diese Gesellschaftsentwürfe mit Figuren, ja Heldinnen und Helden zu beleben, die mindestens ebenso divers sind wie unsere bestehende Gesellschaft. Weshalb sollten wir, wie gerade auch im phantastischen Film so oft geschehen, Stereotype und Klischees noch überhöhen? Müssen die edlen Elben hellhäutig, die bösen Orkbarbaren dunkelhäutig sein? Was zwingt uns zu dazu, eine hierarchisierte Zweigeschlechtlichkeit auch bei Androiden als selbstverständlich weiterzuschreiben? Hier, im Feld der phantastischen Literatur, bietet sich die einmalige Gelegenheit, vielschichtige Identifikationsfiguren zu schaffen, spannende Identitäten und nicht weniger spannende Beziehungsmodelle.

Neue Welten schaffen und die Stereotype der alten vergessen (Foto: Deborah B. Stone)

Das kann geistreich geschehen wie bei Ursula K. Le Guin, humorvoll wie bei Terry Pratchett oder frech wie bei Astrid Lindgren. Ich selbst hatte meine ersten Berührungen mit Fantasy durch die nordischen und griechischen Mythen aus Frauensicht (Avalon, Troja), nicht zu vergessen die Vielfalt auf dem Planeten Darkover, alle geschrieben von Marion Zimmer-Bradley. Das hat meinen Blick auf androzentrische Geschichte ganz unpädagogisch und phantasievoll geprägt.

Wunderbar auch, wenn die Phantastik ihren Leser*innen Identifikationsfiguren bietet, die sie in den anderen Genres nur wenig finden. Wir haben es in der Feder, sie alle zu erschaffen:

  • Vielfältige Identifikationsfiguren (zum Beispiel in Bezug auf sex, race, class, gender, handicap…)
  • Differenzierte Identitäten
  • Diverse Beziehungsmodelle
  • Sexuelle Bandbreite
  • Variationen innerhalb von Gruppierungen
  • Spannende Welten und Gesellschaften
Wir können natürlich auch reine Abenteuergeschichten mit einer Prise Magie schreiben. Zur Unterhaltung. Zur Weltflucht. Prinz gefunden. Happy End?

Dann jedoch sollte uns bewusst sein, dass wir als Autor*innen und unsere Leser*innen Teil sind eines diskriminierenden Systems.
Wenn wir uns nicht aktiv dagegen entscheiden und dagegen anschreiben, dann sind wir genau die Medien und unsere Leser*innen die Konsument*innen, die weiter Rassismus, Sexismus und Othering betreiben. Unter dem glänzenden Gewand der Historisierung, mit spitzen Ohren, hellhäutigen Feen und düsteren Bösewichten.

Und das, obwohl wir in unserem gewählten Genre alle Möglichkeiten zur Verfügung haben. Und diese Geschichten nicht wie angestaubte historische Abwandlungen oder belehrende zeitgenössische Jugendromane daher kommen. Nein, Fantasy richtet sich in seiner Emotionalität, in seiner Beschäftigung mit Definitionen von Gut und Böse, in seinen archetypischen Figuren direkt an die Seele der Leser*innen. Und hier kann sie Großes zum Keimen bringen.

Traurig deshalb, wenn sich Autor*innen eher zutrauen, sich in Elben, Orks, Drachen oder Cyborgs einzufühlen, als beispielsweise queere Identitäten zu schreiben.
Ist es die Angst, allein durch die Darstellung solcher Figuren Stereotype noch zu verfestigen? Ist es Bequemlichkeit, weil Feen keine empörten Leserinnen-Briefe schreiben oder ihre Buchkäufe einstellen? Sind Fantasy-Autor*innen fauler als andere, weil sie die Recherche oder den Austausch mit realen Menschen scheuen?

Reicht es, einfach die Hautfarbe, das Geschlecht oder die sexuelle Orientierung auszutauschen? Eine Figur mit einem körperlichen oder geistigen Handicap auszustatten?

Es kann ein erster Schritt sein, neue Les- oder Sehgewohnheiten schaffen. Es schöpft das Potential jedoch bei weitem nicht aus und birgt die Gefahr, einfach ein Häkchen unter die Checkliste „Political correctness“ zu machen, ohne an die Substanz, die Inhalte, das Potential der Geschichte zu gehen. Figuren und Verhaltensweisen abseits der Norm als etwas Selbstverständliches darzustellen ist eine schöne Utopie. Schön und etwas flach. Wenn aber das Umfeld und der Weltenbau korrespondieren, wenn es stimmige Reaktionen auf den Austausch gibt, dann wird die Gesellschaft plastisch und differenziert und nur dann findet eine Auseinandersetzung statt – dort, wo es zählt: Bei der Leser*in selbst. Sie leidet und freut sich dann mit der Figur, ist empört, verstört oder stolz.
Und wird dann auch in ihrem Alltag vielleicht ein kleines Bisschen achtsamer und mutiger, entsprechend ihren ganz persönlichen Möglichkeiten.
Das ist nicht die große Politik. Das ist die Macht der Fantasie.

Unsere Norne Deborah B. Stone hat viel mitgenommen beim Branchentreffen des PAN (Foto: Deborah B. Stone)

Fazit

Nutzen wir unser phantastisches Potential!

Mein persönlicher Tiefpunkt bei der Veranstaltung: Die Abwehrhaltung auf die schlichte Frage: „Brauchen wir mehr starke weibliche Figuren?“

Meine persönlichen Highlights: All die diskutierfreudigen Autor*innen, Blogger*innen, Wissenschaftler*innen … – und als ich im Workshop zu „Kampfszenen in der Fantasy“ selbst ein echtes Schwert schwingen durfte.

Und: Als wir zu dem nüchternen Workshop-Thema „Crowdfunding“ in die Piratenlounge traten und auf Rumfässchen platz nehmen durften. Prost!

**Autorin des Beitrags ist Deborah B. Stone

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4 Kommentare auf "Ist es schwieriger, überzeugende queere Figuren zu schreiben als sich in Aliens und Drachen einzufühlen? Zum PAN Branchentreffen. (Deborah B. Stone)"

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Der Beitrag spricht mir so sehr aus der Seele ❤

Autoren sind halt auch nur Menschen. Einige sind geistig beweglicher als andere. Dabei hat man doch gerade beim Schreiben völlig freie Hand und kann komplette Welten erschaffen. Manchmal zeigt sich da erst, wie der eigene geistige Horizont beschaffen ist. 🙂

Dankeschön, ein sehr eindrucksvoller Bericht. Werde ich mir hinter die Ohren schreiben. Wann ist denn das nächste Branchentreffen ?

😉
Bisher waren die Treffen immer im April. Der neue Termin steht noch nicht. Hoffe, ich kann nächstes Jahr wieder dabei sein und würde mich freuen, dich zu treffen 🙂