Irina Christmann: Morgengrauen. #Halloween im #Nornennetz

Schlaflos wälze ich mich hin und her. Meine Gedanken lassen mich nicht in Ruhe. Hin und wieder nicke ich für ein paar Minuten weg, nur um dann erneut hochzuschrecken.

Mein Mitbewohner und bester Freund Chester sitzt neben dem Bett und sieht mich an. Ab und zu legt er seinen Kopf zu meinem auf das Kopfkissen und winselt leise.

„Na komm, lass uns rausgehen. Hat eh alles keinen Sinn“, sage ich und stehe auf.

Wenig später sind Chester und ich unterwegs. Zwei Wanderer in der grauen Nacht. Der Nebel verschluckt sämtliche Geräusche. Die Umrisse der mir vertrauten Gebäude sind seltsam verzerrt. Meine Angst darf ich mir jedoch nicht anmerken lassen. Schon jetzt ist mein vierbeiniger Begleiter nervöser, als er sein sollte. Das sonst übliche Schwanzwedeln hat er eingestellt. Ich sehe seinem Körper die Anspannung förmlich an, als ob ein Gewitter in der Luft hängt. Dass er kein Beschützer ist, weiß ich schon länger. Aber er ist derzeit alles, was ich noch habe. Und irgendetwas ist da draußen.

Daniel hat immer über meinen siebten Sinn gelacht. Letzten Endes hat es ihn das Leben gekostet, nicht auf mich zu hören. Ich beschleunige meine Schritte. Unauffällig sehe ich mich um. Gehe andere Wege als die, die ich sonst gehe. Aber auch so werde ich niemanden treffen. Es ist zu spät in der Nacht. Oder zu früh am Morgen. Je nachdem, wie man es sehen will.

Das Laub der Alleebäume raschelt unter Chesters Pfoten und meinen Schritten. Das Licht der Straßenlaternen taucht alles in ein diffuses Schimmern, das mehr Schatten zaubert, als Helligkeit zu spenden.

Chester schnüffelt an den Hecken und Büschen, bis er ein Plätzchen findet, das ihm für sein Geschäft passt und ich krame schon mal die Tüte aus der Jackentasche. Der Wind ist noch nicht kalt, aber der Winter wird nicht mehr lange auf sich warten lassen. Heute ist Halloween oder viel mehr Samhain, wie das kleine leise Stimmchen meiner fast vergessenen Religion mir zuflüstert. Der Tag, an dem die Tore zwischen den Welten offenstehen. Und dieses Jahr warten noch mehr Menschen auf der anderen Seite auf mich als im Jahr davor. Menschen, die ich geliebt habe und die mir fehlen.

Mein Hund trottet wieder an meine Seite und ich habe keine Ahnung, wo sein Häufchen liegt. Schulterzuckend stecke ich den Plastikbeutel ein und setze meinen Weg fort. Rede mir ein, dass es nur an dem verdammten Nebel liegt. Um uns beide zu beruhigen, rede ich mit meinem vierbeinigen Begleiter. Leise erkläre ich ihm oder vielmehr mir, was durch meinen Kopf rauscht. Er läuft unbeeindruckt an meiner Seite, sieht mich an, drückt sich sogar während des Gehens an mein Bein. Wir müssen uns beide dringend entspannen. Aus diesem Grund will ich für ein paar Tage wegfahren. Ans Meer. Nur Chester und ich. Wir sind jetzt auch alleine. Aber dann wären wir weg von den Erinnerungen.

Die letzten Häuser hinter mir lassend, gehe ich an der Baustelle für das neue Wohnheim vorbei. Ich höre die Folien an den noch leeren Fenstern im Wind flattern. Der Kran dreht sich langsam und knarrend. Unterbrochen von Wolkenfetzen beleuchtet der Vollmond den Weg. Rechter Hand liegt der Wald, durch den wir normalerweise gehen würden, vorbei am ehemaligen Steinbruch, der im Sommer einigen Studenten als Schwimmbad dient. Oder in lauen Sommernächten von Pärchen auf der Suche nach Zweisamkeit frequentiert wird.

Heute renne ich mehr oder weniger die Strecke bis zum Stadtpark, in dem die Wege immer beleuchtet sind. Zum tausendsten Mal sehe ich mich um. Bilde mir ein, jemanden im Schatten der Bäume verschwinden zu sehen.

„So, Zeit für uns, nach Hause zu gehen“, teile ich Chester mit. Vor uns huscht ein Eichhörnchen über den Weg. Es rennt einen Baum hinauf und kurz darauf fällt eine Nuss vor mir auf den Boden. Ich zucke erschrocken zusammen. Auch das ein Anzeichen dafür, dass ich komplett überdreht bin. Was soll mir ein so kleines Tier schon antun können? Selbst zu Halloween dürften die recht ungefährlich sein. Nichts desto trotz geistern Bilder von Zombie-Eichhörnchen durch meinen Kopf, die zu einer Armee von Untoten werden und mich verfolgen. Wie immer ist es mir absolut unerklärlich, wie mein Hirn auf solche Dinge kommt. Ich schaue keine Horrorfilme oder Thriller. Alles, was eine Altersfreigabe über 12 hat, ist für mich tabu. Die schockierendsten Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe, dürfte der letzte Band von Harry Potter gewesen sein.

Wenige Meter vor mir liegt schon die Straße nach Hause. Ich bleibe stehen und nehme Chester an die Leine, der mich daraufhin beleidigt anschaut. „Tut mir leid, aber ich darf dich nicht einfach so rumlaufen lassen. Du weißt doch, Jagdsaison und so …“, erkläre ich. Genau genommen hätte ich es auch im Park nicht gedurft. Verordnung der Gemeinde zur Leinenpflicht. Dass die Leine mir ein Stück Sicherheit vermittelt, kann er sicher nicht verstehen. Oder vielleicht doch? Schon immer war Chester an meiner Seite, wenn es mir schlecht ging. Je nach Stadium im selben Raum oder sogar in meinem Bett. Unerlaubt natürlich.

Ein Auto fährt an uns vorbei. Automatisch versuche ich, am Motorengeräusch zu erkennen, welche Marke es ist. Ein Spiel aus meiner Jugend. Nur selten konnte ich gegen meinen Vater gewinnen. Er war einfach Profi.

Das Gefühl, nicht alleine zu sein, wird mit jeder Sekunde stärker. Wieder und wieder sehe ich mich um, spitze die Ohren, suche in den Schatten vor und hinter mir. Wie immer in solchen Momenten kommt mir der Weg länger vor als bei Sonnenschein. Wiederholt schimpfe ich mit mir selbst, warum ich nicht einfach daheim geblieben bin. Grundsätzlich wäre ein Spaziergang im Hellen angenehmer gewesen. Bis zum Sonnenaufgang hätte ich mit einer Tasse Kaffee und einem guten Buch auf der Couch liegen können. Aber das kann ich nachholen, wenn ich zu Hause bin.

Die Aussicht darauf verdrängt das schlechte Gefühl ein kleines bisschen. Allerdings nur bis zum Gartentor. Als wäre hier seine Quelle, hüllt der Nebel mein kleines Haus ein. Chester knurrt leise, sein Fell sträubt sich, höchste Aufmerksamkeit also auch bei ihm.

Zögernd gehe ich weiter, greife in die Jackentasche und ziehe meinen Schlüssel heraus. Chester versteckt sich zur Sicherheit hinter mir. Die Luft scheint noch ein paar Grad kälter geworden zu sein und riecht nach …

Aber das kann nicht sein! Er ist tot. Erst gestern war ich an seinem Grab. Verdammte Erinnerungen!

Ich schüttele den Kopf und mache einen weiteren Schritt, als plötzlich eine schwarz gekleidete Gestalt vor mir steht.

„Guten Morgen, Daniel“, sage ich automatisch. Dabei ist es unmöglich, dass er hier ist und sich die Kapuze seines Lieblingspullovers nach hinten schiebt, damit ich sein Gesicht sehen kann. Ein sanftes Lächeln liegt auf seinen Lippen, als er den Kopf schief legt und eine Hand nach mir ausstreckt.

„Hey, Tom. Ich hab dir doch versprochen, dass ich immer bei dir sein werde!“


Bildnachweis Irina Christmann

Textflash

M. Stadelmann, A. Mirowna, B. Unghulescu, Mikaela Sandberg mit SCHWEIG STILL und IM RAUSCH bei Ullstein. Freie Autorin, Lektorin, Ex-Verlegerin, Hat das #nornennetz mitgegründet

Kommentar (1) Schreibe einen Kommentar

Kommentar verfassen