Inspirierende Frauen – Heldinnen des Papiers (Jana Jeworreck)

Zuerst hatte ich** begonnen, eine Abhandlung über verschiedene Autorinnen zu schreiben, ihr Leben und ihre Werke zu beleuchten, als ich mich fragte, wie inspirierend all diese Fakten tatsächlich für mich waren. Ich kam zu dem Schluss – die Autoren selbst inspirierten mich eher weniger. Natürlich besaßen die Autorinnen, wie Emily und Charlotte Bronte oder Virginia Woolf  hochspannende Lebensgeschichten. Die Entstehung ihrer Werke erzählt viel über die Hindernisse, die sie sowohl als Mitglieder der schreibenden Zunft, als auch als Frauen hinzunehmen hatten. Natürlich war und ist das inspirierend.

Frauenfiguren?!

Doch mehr noch beeinflussten mich die Werke und ihre meist weiblichen Protagonisten! Mich nahm Elizabeth Bennett gefangen, Jane Eyre oder die schauerliche Liebesromanze von Cathy und Heathcliff. Ich hungerte immer nach Heldinnen. Danach, wie sie mit den Problemen umgingen, die ihnen in den Romanen widerfuhren. Wie es ihnen gelang, letztendlich doch mit Verstand ihrem Herzen und ihrer Intuition zu folgen und die Hindernisse zu überwinden.

Die Liste der Heldinnen ist endlos. Sie beginnt mit Scheherazade, die dem grausamen König in der Märchensammlung 1000 und einer Nacht trotzt, indem sie ihm spannende Geschichten erzählt, hechtet durch Epochen, Bücher und andere Werke und mündet bei einer Figur namens Orlando erfunden von Virginia Woolf, erschienen 1928, deren Einfluss auf meine künstlerische Arbeit durchaus am Nachhaltigsten ist.

Die Handlung des Romans erzählt die Geschichte des jungen Mannes Orlando, einem Adeligen, der im 17. Jahrhundert unter Elizabeth I geboren wurde und dann über viele Jahrhunderte bis in die Neuzeit lebt. Das allein erinnert schon ein wenig an Vampire, die nicht selten ewig leben.

Das Frappierende für mich jedoch war: ich verliebte mich in Orlando, den jungen Adeligen, der von seiner ersten großen Liebe verlassen wurde, der Schriftsteller werden wollte und doch nicht gerade mit Talent gesegnet war. Ich folgte ihm in den Orient, wo er Gesandter des Königs wurde und war sprachlos und unter Schock, als die Autorin beschloss, dass sich mitten in der Geschichte der Mann zur Frau wandelte. Die Figur hatte einfach das Geschlecht gewechselt. Aus Orlando meinem Schwarm, wurde Orlando … ja was?

Ich brauchte Wochen, um das Buch weiterzulesen, doch rückblickend hat es mir eine Vielzahl von Lektionen erteilt. Die Wichtigste war vielleicht, man liebt oder verliebt sich nicht notwendigerweise in ein Geschlecht, sondern in erster Linie in einen Menschen. Des Weiteren stellte sich die Frage, was macht eine Persönlichkeit überhaupt aus? Wer bin ich?

Bereits im Diplom beschäftigte ich mich eingehend mit dem Stoff, indem ich Buch und Film miteinander verglich. Der Einfluss dieses Werkes war so groß, dass ich daraus vor einigen Jahren ein Theaterstück machte. Es hat mich auf vielfache Weise entzündet, mehr als andere Werke.

Inspirierend ist für mich somit zunächst also der Inhalt und ganz besonders die Charaktere. Zumeist sind sie weiblich, aber manchmal auch nur eine Hälfte des Buches. Ihre Reise, ihre Handlungsweise, ihr Mut und ihre Einstellungen sind das Wichtige, das in meinem Kopf hängen bleibt, mein Leben beschwingt oder bekümmert, erweitert, bereichert und weiterbringt. Daher würde ich sagen, jede Figur ist eine Inspirierende, denn wenn man Glück hat, kann man immer etwas von ihr lernen.

**Autorin des Beitrags ist Jana Jeworreck 

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