Fantasy und Trauma (Paula Roose)

Traumata in Märchen haben eine lange Tradition. Schon von Alters her haben Menschen fantastische Geschichten genutzt, um schwierige Seelenlagen zu beschreiben.

Ein Trauma ist eine Verletzung durch Gewalteinwirkung, im Körper genauso wie in der Seele. Mit dem Unterschied, dass man ein körperliches Trauma von außen sehen kann. Wer in einem Unfall einen Arm verliert, muss nicht um Hilfe kämpfen. Er wird versorgt, bekommt Mitgefühl und auch eine Würdigung seines Leides. Er muss nicht erklären, warum er nicht mehr klatschen kann.

Das Leid eines seelischen Traumas ist nicht sofort sichtbar. Der Betroffene zieht sich zurück und seine Mitmenschen denken, er braucht Ruhe. Er vermeidet gewisse Dinge, vielleicht öffentliche Plätze oder Autofahrten und auch hier denkt sich niemand etwas dabei. Er schläft schlecht, zittert, hat Albträume … ja, und da wissen Angehörige und Freunde auch oft nicht, was sie tun sollen. Die Hilflosigkeit dem Erlebten gegenüber ist bei Opfern und ihrem Umfeld oft gleichermaßen vorhanden. Wer Opfer von seelischer Gewalt wurde, landet häufig auf Klinik- oder Therapiewartelisten und wird mit seinem Schmerz alleingelassen.

Beide haben vielleicht gemeinsam, dass sie nicht über das Erlebte sprechen können. Der eine muss es auch nicht, weil man es ihm ansieht. Dem anderen bleiben Hilfe und Würdigung seines Leides dadurch versagt.

Fantasy eignet sich oft gut als Chiffre für Traumata (Grafik: Elenor Avelle)

Trauma im Märchen

Sprache finden für das Unaussprechliche. Darum geht es in Märchen. Was die Seele nicht in Worte fassen kann, gelingt in Bildern. Und diese Bilder schenken Verstehen und wurden schon immer dazu gebraucht, Ungeheuerlichkeiten auszusprechen.

So erzählt das Märchen »Allerleirau« von sexuellem Missbrauch, »Der Mann im Eisenofen« beschreibt einen Narzissten, »Der Teufel mit den drei goldenen Haaren« innerpsychische Konflikte. Sehr deutlich wird es bei »Rumpelstilzchen«, in dem Unmenschliches von der Müllerstochter verlangt wird, sie es nur mit übernatürlicher Hilfe bewältigen kann und das Problem erst behoben wird, nachdem es beim Namen genannt wurde. Aber auch jüngere Literatur greift das Thema auf, »Harry Potter« z.B. beschreibt Merkmale der posttraumatischen Belastungsstörung sowie deren Bewältigung, und auch Frodo leidet zum Ende »Der Herr der Ringe« unter einer PTBS.

Ich* selbst habe in einem Roman häusliche Gewalt zum Thema gemacht. Entstanden ist er, als ich einen Betroffenen fragte, ob ich mir das so vorstellen müsse: Der Vater ein Drache, die Mutter ein Bär, und immer der Geruch von verbranntem Bärenfell in der Luft? Das Bild traf es in seinen Augen genau und wurde zur Geburtsstunde von Drachentau. Die Umwege über Bilder leisten das, was Betroffene nicht zu tun vermögen: Sie sprechen das Unaussprechliche aus und machen es für Außenstehende fühlbar. Wie furchtbar, denkt jemand, der eine bildhafte Szene liest, eher, als wenn er es real erzählt bekommt, vielleicht noch mit tonloser Stimme, weil der Betroffene nicht anders kann.

Paula Rooses Fantasyroman Drachentau

Verarbeitung durch Perspektivwechsel

Aber Märchen und Bildsprache leisten noch mehr. Sie ermöglichen Lesern, Distanz zur Geschichte zu bewahren, selbst zu bestimmen, wie nah sie das Geschehen an sich herankommen lassen möchten. Real erzählt wären Traumageschichten für Betroffene kaum lesbar. Es würde das Erlebte zu sehr wieder wachrufen, sie triggern. Im Fantasygewand ist es im Zweifelsfall eben nur eine erfundene Geschichte, die ich wieder ins Regal stellen kann.

Traumata sind Teil unseres Lebens, ob wir wollen oder nicht. Fast jeder hat schon mal etwas Schlimmes erlebt oder kennt jemandem, dem etwas passiert ist. Mich beeindruckt, dass Bilder, die das Geschehene beschreiben, oft von ganz alleine kommen. Ich denke, das ist auch der Grund, warum sie so universell funktionieren. Es gibt eine Sprache, die jeder versteht, die in besonderer Weise Mitfühlen möglich macht. Die Bildsprache. Ein kinästhetisches Prinzip sagt, wenn die Last zu schwer ist, musst du den Weg verlängern. Märchenbilder verschaffen uns diese Umwege, lassen uns die Last in kleineren Portionen auf die andere Seite bringen, im besten Fall ins Verstehen.

Und noch etwas leistet Fantasy. Wenn das Leid am größten ist, die Lage aussichtslos, der Tod unausweichlich, lässt sich Hilfe durch Magie herbeirufen. Sie beflügelt die Fantasie, nimmt der Schärfe die Spitze, schafft Auswege in Sackgassen. Das tut der Seele gut und kann ein heilsames Potential entfalten. Vielleicht ist das der Hauptgrund, warum ich das Fantasygenre für meine Traumageschichten gewählt habe. Der Drache ist zu Staub zerfallen, die Eishexe im ewigen Feuer verbrannt. Und ein kleines bisschen Magie trägt jeder in sich. Das behaupte ich jetzt einfach mal.

 *Autorin des Beitrags ist Paula Roose

(Quellen: Hans-Peter Röhr »Narzissmus, das innere Gefängnis«, »Vom Glück, sich selbst zu lieben«, »Ich traue meiner Wahrnehmung«; Verena Kast »Abschied von der Opferrolle«)

Kommentare (2) Schreibe einen Kommentar

  1. Das erinnert an dieses Zitat von Märchen und Drachen, bei dem niemand so genau weiß, woher es eigentlich kommt … „Märchen sind wichtig – nicht weil sie sagen, dass es Drachen gibt, sondern weil sie zeigen, dass man Drachen besiegen kann.“

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  2. Erstaunlicherweise haben Neurobiologen festgestellt, dass es im Gehirn keinen Unterschied macht, ob man real erlebt oder sich nur vorstellt, dass der Drache tod ist. Es entfaltet seine Heilkräfte gleichermaßen.

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