Evanesca Feuerblut:: Werwölfe III – Der Werfisch in „Arielle, die kleine Meerjungfrau“ Folge 29 #Fabelwesen

Trickfilme sind eine faszinierende Sache – irgendwann stellt man fest, dass die meisten Trickfilmreihen früher oder später eine Liste an „Must-Have“-Folgen abhaken, die sich in so gut wie jeder Trickfilmserie findet. Ein Abhaken der gängigsten TV-Tropen, müsste man sagen. Eine dieser beliebten Fernsehserientropen scheint es zu sein, dass irgendeine Figur sich in einen Werwolf verwandelt.
Vor dieser Entwicklung ist auch die Disney-Animationsserie „Arielle, die kleine Meerjungfrau“ aus den Neunzigern nicht sicher. Doch wie passt man die gängigen Werwolfgeschichtenklischees an eine – bis auf Meerjungfrauen und einige andere fantastische Elemente – relativ realistisch konzipierte Unterwasserwelt an?
In der Folge „Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft“ (im Original „The Beast Within“) verwandelt sich Fabius in … einen Werfisch.

Aussehen und Veränderungen

Der Werfisch ist weitaus größer, als der normale Fisch, ungefähr so groß wie ein größerer Hai oder größer und ungefähr dreimal so stämmig. Seine Farbe geht ins rötlich Violette und er hat gruselige Hauer, die ihm aus dem Mund ragen. Außerdem erinnert die „Schnauze“ des Fischs eher an eine Hundeschnauze als an einen Fisch und der Fisch wirkt, als hätte er „Haare“.

Fabius hat auch als Werfisch die charakteristischen Streifen und eine viel tiefere Stimme. Außerdem heult er wie ein Wolf.

Entstehungsgeschichte

Eine Seehexe sprach einst den Werfischfluch über einen Fisch, der ihr blödkam und daran beteiligt war, sie und ihre Freunde aus dem Dorf zu werfen.
Seitdem schwimmt der wilde Werfisch durch die Weltmeere.

Verwandlung und Verhalten

Wer von einem wilden Werfisch gebissen wird, verwandelt sich selbst in einen Werfisch.
Die Verwandlung kündet sich mit einem leichten Schmerzen an der gebissenen Stelle an, während ansonsten keine Beeinträchtigungen eintreten – zwar schmerzt Fabius‘ gebissene Flosse beim Schwimmen, aber das Schwimmen selbst macht ihm nichts aus.
Bei der Verwandlung selbst wird Fabius allerdings völlig hysterisch. Er fühlt sich am ganzen Körper komisch, krümmt sich, bekommt eine tiefere Stimme. In seinen Augen drehen sich grellorange Spiralen. Er verwandelt sich in einen viel größeren, leicht „haarigen“ rostroten Werfisch, heult auf und schwimmt davon.

Neben einigen Vorteilen – der Werfisch ist größer und schneller als der gebissene Fisch – wird der Werfisch auch wilder und hat das eigene Verhalten nicht unter Kontrolle – oder verhält sich instinktiv zerstörerisch und aggressiv.

In der konkreten Arielle-Folge bedeutet das, dass Fabius aka wilder Werfisch in ein Dorf schwimmt und den Bewohnern Angst und Schrecken einjagt, während er willkürlich Blumentöpfe und andere zufällige Gegenstände zerbeißt, mit Unterwassermelonenkernen schießt und den Meermenschen nachschwimmt, um sie zu beißen.
Dies wirkt dank der Comedy-Elemente wie „Unterwassermelonenkernmaschinengewehr trifft den fetten Hintern von Meermenschen“ oft eher lustig als bedrohlich. Dies dient nicht nur dem komischen Effekt, sondern soll auch gerade für jüngere Zuschauer den Schrecken aus einer eher düsteren Folge mildern.

Die Verwandlung hängt übrigens nicht in irgendeiner Weise vom Mond ab – vermutlich wäre dieser Aspekt nicht in einer Unterwasserwelt umsetzbar gewesen – sondern kann zufällig auftreten. Auch die Rückverwandlung scheint nicht steuerbar zu sein.

Gegenmittel oder Vernichtung?

Als Arielle im Dorf eintrifft, steht der Lynchmob bereit – und zwar mit sowas Ähnlichem wie Mistgabeln – und schwingt Reden á la „Wir holen uns den Werfisch! Wir machen ihn fertig!“
Hier ist es im Grunde genommen eigentlich nicht uninteressant, wie genau die Interaktion abläuft, die Ariel beobachtet.
Ein Aufrührer stachelt die Dorfbewohner mit völlig absurden Losungen gegen den Werfisch an, der angeblich ihre Brunnen vergiftet und ihre Kinder rauben möchte. Hier erkennen sich durchaus überspitzte Parallelen zur allgemeinen Hetze gegen Minderheiten – auch wenn Fabius als Werfisch tatsächlich Schaden angerichtet hat und anrichten könnte, werden hier die kleinen und großen Zuschauer gegen den Aufrührer vereinnahmt und nehmen seine überspitzten Hetzparolen als falsch wahr. Hier steckt eindeutig ein pädagogischer Kern in der Art, wie die Dynamik zwischen den Dorfbewohnern dargestellt wird.
Ein einziger Dorfbewohner stellt hier die Stimme der Vernunft dar und schlägt vor, die Wahrsagerin zu konsultieren und den Werfisch nicht blind zu jagen – der Lynchmob lässt sich darauf aber nicht mehr ein.
Nachdem der Mob Fabius fangen kann, ketten sie ihn in einem Käfig in einem Schiffswrack an und wollen dieses in die Tiefe stürzen – den Werfisch also töten. Sie sehen keine andere Aussicht.

Arrielles Ansatz ist hier anders. Sie verfolgt den vernünftigen Dorfbewohner bis zur Wahrsagerin – im Gegensatz zu ihm spricht sie mit Arielle und ihren Freunden.
Bemerkenswert ist hier, wie eine weitere Trope auf die Schippe genommen wird – die Fischgestalt erinnert in gewissem Sinne an eine Klischee-Wahrsagerin vom Jahrmarkt und natürlich spricht sie (zumindest in der deutschen Synchronisation) mit Akzent.
Die Wahrsagerin gibt nur widerwillig die Information weiter, da sie aus persönlichen Rachegelüsten heraus den Dorfbewohnern nicht helfen will – nur Arielles gutes Herz kann sie überzeugen, eine Lösung zu verraten: Der Werfisch muss baden in Silbernebel-Schwaden.

Arielle kann das Rätsel bald durch Zufall lösen – es handelt sich um einen silbrig glänzenden Fischschwarm, den Arielle irgendwie dazu bringen kann, ihr zu folgen.
Sie kommen in letzter Minute, um Fabius zu umschwimmen, ehe das Schiffswrack in die Tiefe stürzt.

Die Psychologie einer Trickfilmfolge

Die Folge ist in vielerlei Hinsicht interessant – nicht nur wegen der zwei ineinandergewobenen Handlungsstränge (zum Einen der Werfisch, zum Anderen vergisst Triton Sebastians Jubiläum, schenkt ihm einen unfassbar hässlichen Pokal – den er anders nicht loswerden konnte – und Sebastian bewertet das Ding völlig über und zerstreitet sich mit Frechdachs), auch wegen der vielen pädagogischen Botschaften für die jungen Zuschauer.
Neben der bereits erwähnten Kritik an pauschaler Hetze gegen Andersartige und der Kritik am Lynchmobverhalten der Dorfbewohner wird hier auch beigebracht, dass man alte Freunde nicht vergessen sollte – denn für Triton ist es genauso unangenehm, kein Geschenk für Sebastian zu haben, wie es für Sebastian wäre, keins zu seinem Dienstjubiläum zu erhalten. Gleichzeitig soll hier jedoch gezeigt werden, dass man sich nicht zu sehr an den materiellen Zeichen einer Freundschaft aufhängen soll. Last but not least zeigt Arielle am Anfang der Folge ein verantwortungsloses „Man lebt nur einmal“-Verhalten, durch das sie die Werfischkatastrophe überhaupt erst auslöst. Am Ende der Folge begreift sie, dass sie falsch gehandelt hat und entschuldigt sich.

Kindgerechte Werfische?

Interessanter für den Weltenbauer ist hier allerdings ein anderer Aspekt der Geschichte, nämlich die Umsetzung des Werwolfmythos in einer Unterwasserwelt – und kindgerecht. Im Grunde genommen ist das nämlich eigentlich eine gruselige Erfahrung. Erst wird das Opfer von einem gruseligen Wesen angefallen, dann verwandelt es sich selbst in ein wildes Tier und verliert die Kontrolle über die eigene Identität. Das kann auch erwachsene Zuschauer durchaus verstören – wie also verwandelt man den Mythos in etwas, das von Kindern verdaut werden kann?

Die Autoren der Folge lösen hier das Problem mit dem Mythentransfer, indem sie den Einfluss des Mondes eliminieren und aus „Silber ist für Werwölfe tödlich“ ein unterwassertaugliches und gleichzeitig kindgerechteres „ein Schwarm aus silbernen Fischen bringt Heilung“ machen. An dieser Stelle spielt es keine Rolle, dass dieser Transfer eigentlich überhaupt nicht logisch ist – und man keinem anderen Medium verzeihen würde, dass der silberne Fischschwarm wie gerufen kommt, kaum dass Arielle und ihre Freunde den Wagen der Wahrsagerin verlassen haben. Eine Folge ist nur 20 Minuten lang – inklusive Titelsong und Abspann – da muss gestaucht werden.
Das Kindgerechte wiederum wird teilweise dadurch erreicht, dass komische Elemente eingebaut werden und im Grunde genommen kein bleibender Schaden entsteht. Fabius wird im Laufe der Folge schließlich geheilt und wird das Abenteuer bald vergessen haben. Auch hat er keinen einzigen Dorfbewohner verletzt. Er hat also auch als Monster nichts angerichtet, was ein Kind verstören könnte.
Weitere komische und kindgerechte Elemente kommen durch den zweiten Handlungsstrang – Sebastians Besessenheit mit seinem Pokal und der dadurch entstehende kindische Streit mit Frechdachs – ins Spiel.

Weltenbauerisches Fazit

Auf jeden Fall sollten angehende Autoren öfter mal in eine Trickfilmserie reinschauen – ich staune immer wieder, wie viel man dort eigentlich lernen kann, wenn man die Folge mit den Augen eines Schriftstellers sieht!


Katherina Ushachov und schreibt Sachen mit fantastischen Elementen, seit sie acht Jahre alt ist. Mittlerweile hat sie sich vor allem auf Vampirromane mit queeren Protagonist*innen und dystopische Stoffe eingeschossen. Wenn sie nicht gerade schreibt, zeichnet sie ihre Romanfiguren oder bastelt mit HTML und CSS an ihrem Schreibforum.
https://feuerblut.wordpress.com/
https://twitter.com/evanesca

Textflash

M. Stadelmann, A. Mirowna, B. Unghulescu, Mikaela Sandberg mit SCHWEIG STILL und IM RAUSCH bei Ullstein. Freie Autorin, Lektorin, Ex-Verlegerin, Hat das #nornennetz mitgegründet

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