Evanesca Feuerblut:: Faszination Vampir – das Erwachen eines Genres im 20. Jahrhundert #Fabelwesen

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Spätestens seit „Twilight“ füllen Vampirromanzen die Bücherregale und fluten den Markt. Die einst mächtigen Kreaturen der Nacht wurden zu Umwerbern ungeschickter Schulmädchen und zu fiktiven Betthäschen in Form des „geheimnisvollen Fremden“, der neu in der Stadt auftaucht.

Doch der erste Vampirboom begann weder 2005 mit der Veröffentlichung von „Twilight“ noch 1973 mit der Veröffentlichung von „Gespräch mit einem Vampir“ – einem Buch, das die Schreiberin dieses Artikels sehr schätzt – sondern viel früher. Genauer gesagt Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts.

Wie alt ist der Vampirroman wirklich?

Der Glaube an untote Wesen, die Menschen das Blut aus den Adern saugen, ist so alt wie die Menschheit selbst. Vergleichbare Wesen waren die schon in der griechischen Mythologie bekannten Dämonen, die man Lamien nannte und die mythologisch gesehen mit den Sirenen verwandt sind – sie betören schöne, junge Menschen und trinken ihr Blut. Auch andere Mythologien kannten und kennen ähnliche Wesen, allen voran die slawische Mythologie.

Gedichte, die das Vampirthema behandeln, sind seit dem achtzehnten Jahrhundert belegt. Vereinzelt kamen sie bereits in der Vorromantik auf und so ist es nicht verwunderlich, dass sich auch beim Altmeister Goethe mit „Die Braut von Korinth“ ein entsprechendes Gedicht findet.

Das Thema gliederte sich auf das Beste in die düsteren Motive der Romantik ein und war dort besonders bei Autoren wie E.T.A. Hoffmann beliebt. In diese Zeit fällt auch die erste bedeutende Vampirerzählung der Weltliteratur, „Der Vampyr“ von John Polidori. Nachdem die vorigen Erzählungen überwiegend auf den animalischen Vampir der alten Sagen eingegangen sind, schafft Polidori den Typus des Vampirs als Gentleman – der später zum beliebtesten Prototyp der Vampirliteratur wird.

Weitere Autoren versuchten sich daraufhin, beeinflusst von „Der Vampyr“, an ihren eigenen Interpretationen. Darunter neben Sheridan Le Fanu („Carmilla“) auch russische und französische Autoren. Eine Groschenheftreihe griff ebenfalls das Thema auf und wirkte als Wegbereiter für den großen Durchbruch eines legendären Romans.

Und dann kam „Dracula“

Bei Dracula trafen mehrere Dinge aufeinander.
So war dem Buch durch die bereits vorhandene Rezeption von Vampirromanen bereits ein gewisser Nährboden gegeben. Stokers namensgebende Figur führte den Typus des aristokratischen Vampirs fort, wie man ihn bereits aus „Der Vampyr“ und folgenden Büchern kannte.
„Dracula“ bestach außerdem durch die für damaligen Verhältnisse vergleichsweise offensichtliche Erotik – am deutlichsten in der Szene zu sehen, in der Dracula Mina zwingt, von ihm zu trinken, aber für den aufmerksamen Beobachter und Kenner viktorianischer Literatur gibt es auch andere erotisch wirkende Momente. Man beachte beispielsweise, auf welche Art und Weise Lucy Westenras Nachthemd beschrieben wird, als sie darin auf den Friedhof geht.
Sicherlich hat es auch zum Erfolg beigetragen, dass „Dracula“ an und für sich ein sehr gutes Buch ist, das auch moderne Leser über hundert Jahre später mit viel Vergnügen lesen können.

Unsterblich wurde das Buch jedoch nicht zuletzt durch ein Medium, das Ende des neunzehnten Jahrhunderts und zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts seinen Durchbruch erlebte – durch den Film.

Wenn eine Geschichte sich selbstständig macht

Ich bin mir sicher, viele Menschen kennen ungefähr die Story von „Dracula“ – oder glauben sie zu kennen – ohne das Buch je gelesen zu haben.

An dieser Stelle eine kleine Beichte: Bevor ich das Buch gelesen habe, kannte ich die Parodie „Dracula – Tot aber glücklich“ aus dem Jahre 1995 mit Leslie Nielsen in der Hauptrolle. Den Originalroman las ich erst einige Jahre später.

Auch sonst kann man behaupten, dass inzwischen jedes Kind zumindest in stark verfremdeter Weise mit „Dracula“, Parodien oder Anspielungen darauf in Berührung gekommen ist. Die Kinderserie „Schule der kleinen Vampire“ hat beispielsweise einen Direktor, der in seinem Aussehen an den Dracula erinnert, der von Gary Oldman in der Verfilmung von 1992 dargestellt wurde und sich in eine Fledermaus verwandeln kann.

Die erste – wenn auch sehr freie und unautorisierte – Verfilmung stammt aus dem Jahre 1921. „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ greift auf den Typus des dämonisch-animalischen Vampirs zurück und Teile der Handlung werden aus England in eine fiktive deutsche Stadt verlegt.
Die erste legale Verfilmung folgte zehn Jahre später.
Nach dem zweiten Weltkrieg gab es kaum noch ein Jahrzehnt ohne eine oder gar mehrere Adaptionen, dabei allein sieben in den 70ern.

Und einige dieser Adaptionen haben ungefähr so viel mit der Vorlage zu tun, wie der Roman mit dem historischen Vlad Dracul.

In den Fußstapfen Stokers – von der Außensicht zur Innensicht

Wer „Dracula“ gelesen hat, wird vor allem eins bemerken – wir erfahren nie Draculas Sicht auf die Dinge. Der Begründer des Genres fungiert hier ausschließlich als Antagonist.

Zwar gab es auch im neunzehnten Jahrhundert in der bereits erwähnten Groschenromanserie Geschichten aus der Innensicht eines Vampirs, diese Geschichten wurden jedoch von „Dracula“ vorerst weitestgehend vom Markt verdrängt.

Mit Anne Rice und „Gespräch mit einem Vampir“ brach somit in den 70er Jahren ein neues Zeitalter der Vampirliteratur an. Zum ersten Mal wurden Romane populär, in denen das Gefühlsleben eines Vampirs „aus erster Hand“ berichtet wurde. Rice greift dabei den Topos des Gentleman-Vampirs auf, erweitert ihn jedoch zusätzlich, indem sie ihren Figuren über das bloße Bluttrinken – oder die Herrschaft über England an sich reißen – Motivationen gibt.
Auf einmal wird die Selbstfindung und das Selbstverständnis eines Wesens zwischen der verbliebenen Menschlichkeit und der instinktiven Mordlust in den Fokus gerückt und findet begeisterte Leser.
Dieses Vampirbild wirkt bis ins 21ste Jahrhundert hinein – der derzeit letzte Band der Reihe „Prince Lestat“ erschien 2014 und die Autorin beabsichtigt, mindestens einen weiteren Roman folgen zu lassen.

Und dann kam das 21ste Jahrhundert und mit ihm „Twilight“. Aber diese Entwicklung böte Stoff für einen eigenen Artikel.

Eine Legende, die niemals sterben wird

Das Bedürfnis, Vampirgeschichten zu erzählen und zu rezipieren, scheint ein Urbedürfnis des Menschen zu befriedigen.

  • Der Vampir als Untoter kann den Menschen helfen, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen oder die Möglichkeiten des Lebens nach dem Tod auszuloten.
  • Der Vampir als Wesen der Nacht steht für die Bedrohung, die in der Dunkelheit lauert – und stillt das Bedürfnis nach Schauergeschichten, die dem Menschen innewohnt.
  • Der Vampir als Symbol der unterdrückten Triebe ist eine Sehnsuchtsfigur der Menschen, die ihre Fantasien aus verschiedensten Gründen nicht ausleben dürfen oder auszuleben wagen.
  • Der Vampir als Wesen mit übernatürlicher Macht spiegelt die Sehnsüchte der Menschen nach dem Übersinnlichen und nach mehr Kontrolle.

Nicht zuletzt ist der Vampir schon seit dem Typus des Gentleman-Vampirs bei Polidori auch der begehrenswerte Verführer und in modernen Rezeptionen oftmals der Badboy, der die Herzen zum Schmelzen bringt.

Und selbst wenn es Buchfassungen gibt, in denen der Vampir gezähmt und einiger seiner Attribute beraubt wird – die Vampirlegende an sich wird nie völlig aus der Literatur und der Popkultur verschwinden.

Und jeder Autor wird seine eigene Interpretation der Legende schaffen.

Schreibaufgabe: Versuche es doch selbst! Egal ob du selbst gerne Vampirgeschichten liest und schreibst oder nicht – konstruiere deinen eigenen Vampir und schreibe eine kurze Geschichte. Viel Spaß und Erfolg!


Katherina Ushachov und schreibt Sachen mit fantastischen Elementen, seit sie acht Jahre alt ist. Mittlerweile hat sie sich vor allem auf Vampirromane mit queeren Protagonist*innen und dystopische Stoffe eingeschossen. Wenn sie nicht gerade schreibt, zeichnet sie ihre Romanfiguren oder bastelt mit HTML und CSS an ihrem Schreibforum.
https://feuerblut.wordpress.com/
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Textflash

M. Stadelmann, A. Mirowna, B. Unghulescu, Mikaela Sandberg mit SCHWEIG STILL und IM RAUSCH bei Ullstein. Freie Autorin, Lektorin, Ex-Verlegerin, Hat das #nornennetz mitgegründet

Kommentar (1) Schreibe einen Kommentar

  1. „Vergleichbare Wesen waren die schon in der griechischen Mythologie bekannten Dämonen, die man Lamien nannte und die mythologisch gesehen mit den Sirenen verwandt sind – sie betören schöne, junge Menschen und trinken ihr Blut.“ – jetzt fühle ich mich diskriminiert. Wir haben zwar eine Kollegin mit dem hinreißenden Namen Lamia, aber die wollte noch nie mein Blut. Bin ihr wohl nicht hübsch genug. Tsk!

    (Eigentlich ist das eine ganz liebe.)

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