Ela Schnittke: Das Gemälde. #Halloween im #Nornennetz

Anna ging durch den bilderlosen Flur ins Wohnzimmer. Die nackten Wände um sie herum gaben ihr ein Gefühl von Sicherheit. Auch das Wissen darüber, dass es nichts mehr zum Malen in der Wohnung gab. Ihre Tochter Celine hatte damals alles durchkämmt. Doch nichts. Nicht mal einen Kuli hatte sie gefunden.

Heute saß die Kleine im Wohnzimmer und starrte aus dem Fenster. Sie suchte mit den Augen die Straße ab. Hibbelig rutschte sie mit ihrem Kleidchen auf dem Hocker herum, denn sie konnte es gar nicht erwarten, dass ihre Oma sie abholte. Blanche hatte eine Überraschung für sie. Eine Überraschung, die Anna ein mulmiges Gefühl bescherte. Denn obwohl ihre Schwiegermutter immer nett zu ihr gewesen war, war ihr diese Frau nicht ganz geheuer. Ob es daran lag, dass Blanche nicht zu altern schien oder an ihrer geheimnistuerischen Art – sie wusste es nicht. Es war etwas Merkwürdiges an ihr.

„Celine, komm vom Fenster weg!“

„Aber Oma wird gleich da sein.“

„Dann komm, du kannst schon deine Schuhe anziehen.“

Voller Tatendrang drehte sich ihre kleine Prinzessin um und hüpfte in dessen rosa Spitzenkleidchen in den Flur. Dort ließ sie sich auf den Hintern plumpsen und versuchte, in ihre rosa Ballerinas zu schlüpfen. Mit ihren patschigen Händen schaffte sie es jedoch nicht, den Stoff über die Hacke zu ziehen. Anna beobachtete ihren kleinen Engel, und erst, als ein quengeliges „Maman?!“ ertönte, kam sie ins Hier und Jetzt zurück.

„Ja, mein Schatz, warte, ich helf dir.“ Sie ging zu ihr hinüber und hockte sich vor die zappelnden Füße. Dennoch hatte Anna im Nu die Schühchen über die weißen Strümpfe geschoben.

„So, das hätten wir.“ Schnell drückte sie Celine einen flüchtigen Kuss auf das Haar. Da ertönte bereits das laute Schrillen der Klingel.

„Oma ist da, Oma ist da“, sang die Kleine und wirbelte lachend und klatschend um die eigene Achse.

„Aber mach keine Dummheiten, ja, mein Schatz? Und fall der Grand-mère nicht zur Last, versprochen?“ Celine nickte eifrig, während Anna die Tür öffnete. Mit drei Hüpfern hatte die Kleine Blanche erreicht und schlang ihre Ärmchen um den Bauch ihrer Oma.

„Na meine Süße, bist du bereit?“, fragte diese, schaute dabei allerdings zu Anna. Beide Frauen nickten sich in stummem Einverständnis zu, während Celine bereits losplapperte.

„Maman hat gesagt, wir müssen zum Abendbrot wieder hier sein. Das macht nichts, stimmt‘s? Schaffen wir trotzdem die Überraschung?“ Ängstlich blickte sie die ältere Frau mit ihren grünen Augen an.

„Ja, meine Kleine, das schaffen wir.“

„Wo wollt ihr denn hin?“ Anna hatte Blanche dieses Geheimnis schon seit Tagen entlocken wollen, aber auch diesmal sagte die alte Dame, die mit ihrem schwarzen Haar und ihrem Make-up kaum älter als vierzig aussah: „Tja, das ist und bleibt eine Überraschung.“ Den Worten folgte ein diabolisches Lächeln, das Anna einen Schauer über den Rücken jagte. Vielleicht hatte ihre russische Erziehung doch mehr Spuren hinterlassen, als sie wahrhaben wollte, denn in Blanches Gegenwart hatte sie ständig das Bedürfnis auf Holz zu klopfen oder über ihre Schulter zu spucken, um Unheil abzuwenden.

Die Haustür war schon längst wieder verschlossen, dennoch stand Anna im kahlen Flur und war wie erstarrt. Die Besorgnis zerrte an ihr. Sie hatte das Gefühl, einen schwerwiegenden Fehler begangen zu haben. Kurz überlegte sie, den beiden nachzulaufen, aber dann entschied sie sich, dass ihre Sorgen übertrieben und lächerlich waren.

*

„Na Celine, hast du schon eine Ahnung, was für eine Überraschung ich für dich habe?“

Das kleine Mädchen schien angestrengt zu überlegen und nickte dann.

„Ach so? Du weißt also, wo wir hingehen?“

„Du willst mir Bilder zeigen.“

Blanche schaute den kleinen Braunschopf überrascht an. „Wie kommst du darauf?“

„Maman durfte nicht mit.“ Es war eine ganz sachliche Feststellung, als würde dieser Aspekt alles erklären.

Ihre Großmutter beobachtete das kleine Mädchen, das tänzelnd an ihrer Hand ging. Die braunen Locken standen in einem schönen Kontrast zu dem zarten Kleid, das Celine trug und für einen Moment war Blanche sich nicht mehr sicher, ob sie ihr Vorhaben tatsächlich durchziehen wollte. Sie erinnerte sich an Juan. An seine erste Tat. An seine Angst. Und plötzlich fragte sie sich, ob Celine nicht vielleicht zu jung für die Wahrheit war.

„Ich möchte gern Bilder sehen.“ Ihre Enkelin schaute sie offen an. In ihrem Blick spiegelte sich Entschlossenheit wider, als hätte sie gespürt, dass Blanche Zweifel kamen.

„Das sollst du, Liebes, das sollst du.“ Mit diesen Worten schloss sie ihre Hand fester um die kleinen Finger und ging weiter.

Zu ihrem beabsichtigten Ziel war es nicht weit. Ein kurzer Fußweg von zehn Minuten. Weitere fünf Minuten und schon waren sie im Inneren einer Wohnung. Alles war geplant gelaufen. Blanche wusste, dass Anna ihr misstraute. Sie hatte auch allen Grund dazu. Doch sie musste den schlimmsten Fehler ihres Lebens wiedergutmachen und dafür brauchte sie Celine. Sie führte das kleine Mädchen in den hinteren Raum und vor ein riesiges Gemälde, welches auf den Boden stand.

„Das ist Papa.“

„Ja, mein Schatz. Schau dir das Bild in Ruhe an. Ich lasse dich kurz allein, ja?“

Celine antwortete nicht, sondern starrte nur das Portrait ihres Vaters an. Es war ein wahres Kunstwerk – so detailliert gemalt, dass man den Eindruck bekam, es handelte sich um eine Fotografie. Auch die Größe war originalgetreu. Ihr Vater hätte auch genauso gut vor ihr sitzen können. Es zeigte ihn auf einem stattlichen Pferd. Sein Kopf war leicht nach unten geneigt und er lächelte. Er schaute den Betrachter direkt an. Doch seine Augen ließen eine innere Sehnsucht erahnen, die seine Tochter sofort in ihren Bann zog. Sie trat näher an das Gemälde.

Ihre grünen Augen glitten von seinem Gesicht hinab zu seinen Händen. Diese ruhten auf dem Sattelknauf und hielten lässig die Zügel. Ein Bein wurde von dem Pferdekörper verdeckt, wohingegen das vordere in einem schwarzen hohen Stiefel steckte.

Celine stand starr vor dem Gemälde und taxierte gebannt jedes einzelne Detail. Irgendetwas in ihrem Inneren schien sie zum Handeln zu drängen. Es bedurfte nur einige weitere Schritte und schon konnte sie das Gemälde anfassen. Endlich ihren Vaters berühren. Sie wünschte es sich so sehr.

Ihre kleinen Finger streckten sich der Ölfarbe entgegen. Sie fühlte sich kalt unter ihrer Haut an. Glatt und gleichzeitig rau. Hubbelige Farbkleckse unter ihrer flachen Hand. Doch plötzlich spürte sie etwas Ledernes unter ihren Fingern. Die Leinwand war nach hinten gerückt und nun hielt sie eine Stiefelspitze in der Hand. Celine schaute hinauf. Stück für Stück senkte sich der Hintergrund ab. Nicht nur der Schuh, sondern auch das Bein ihres Vaters wurde plastisch und es ging unaufhaltsam weiter. Als würde der Körper aus einer glatten Wasseroberfläche auftauchen, löste er sich vom Leinwandstoff. Darunter blieb ein unberührter Untergrund zurück, der weiß aufleuchtete. Das Portrait erwachte zum Leben.

Erschrocken wich Celine zurück. Mit großen Augen beobachtete sie die Verwandlung des Kunstwerkes. Hüfte, Hände, Arme, Schulter – alles wurde lebendig. Die kleinen rosa Ballerinas schoben sich über den Boden. Weg von dem Schauspiel. Bis unnachgiebige, scheinbar alterslose Hände Celines Schultern umfassten. Blanche hielt sie an Ort und Stelle.

„Warte. Vielleicht reicht‘s noch nicht.“

Das kleine Mädchen drehte seinen Kopf, um nach oben zu schauen. Ihre Oma blickte gebannt auf das Gemälde. Sie spürte nicht einmal, dass ihre Enkelin unter ihren Händen zitterte.

Zwischenzeitlich hatte sich der Zauber bis zum Kopf des Porträtierten ausgebreitet. Langsam – ganz langsam begannen seine Augen zu blinzeln. Träge. Benommen. Als wäre ihr Vater aus einem Traum erwacht und wüsste nicht, wo er war.

Dann sah er sich plötzlich hellwach um. Forschend. Sein Blick glitt zu seiner Tochter. Aber da war keine Sehnsucht mehr. Kein Gefühl. Celine hatte ihren Vater nie kennengelernt, dennoch begriff sie, dass das da vor ihr nichts mit ihrem Vater gemein hatte. Diese Gestalt war kalt. Seelenlos. Und kein Mensch.

Der Drang, zurückzuweichen, wurde übermächtig. Sie schob sich nach hinten. Aber Blanche stand wie eine eiserne Festung hinter ihr. Ihre Finger krallten sich in das rosa Kleidchen. Nur verschwommen hörte Celine das gezischte „Warte noch“ ihrer Oma.

Das kleine Mädchen wurde blass wie die weißen Wände um sie herum. Ihre Lippen zitterten. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, während dieses Wesen, das vorgab, ihr Vater zu sein, sie immer noch anstarrte. Sein Blick war hasserfüllt. Dunkel. Diese Etwas war abgrundtief böse. Celine spürte es mit jeder Faser ihres kleinen Körpers. Sie wollte nur noch weg. Doch sie war gefangen. Es war ausweglos. Eine Welle der Verzweiflung erfasste sie. Ihre Beine drohten unter ihr einzuknicken. Tränen stiegen ihr in die Augen. Ein Schluchzen entrang sich ihrer Kehle.

Blanche ließ das kalt. Sie hatte kein Ohr für ihre Enkelin. Sie fühlte nicht, dass die Kleine schweißgebadet war. Denn viel zu lange hatte sie gehofft, ihr Sohn würde wieder zu ihr zurückkehren. Nun war es soweit. Gebannt beobachtete sie, wie Juans Abbild sich regte. Der Oberkörper bewegte sich ruckartig. Seine Hände stemmten sich gegen den Sattelknauf, um vom Gemäldepferd herunterzukommen und sich endgültig von der Leinwand zu lösen. Mit einem dumpfen „Plopp!“ löste sich auch das Bein, welches bisher vom Pferdekörper verdeckt gewesen war. Es endete in einem blutigen Stumpf. Ihr Vater kippte zur Seite, fiel aus dem Bild und klatschte auf den Boden.

Celine schrie auf, riss die Hände vors Gesicht und wimmerte. Blanche hingegen lächelte zufrieden.

Eine rote schleimige Spur überzog die Leinwand, als wäre eine blutende Schnecke darüber geglitten.

Die Gestalt auf dem Boden versuchte, sich hinzuknien, doch der Stumpf rutschte immer wieder weg und fand keinen Halt. Allerdings hielt dies das Wesen nicht auf. Das Abbild ihres Vaters robbte auf die beiden zu. Sein Bein zog einen breiten Pinselstrich aus Blut hinter sich her. Es hatte ein Ziel: Celine.

Er wand sich. Stöhnte, röchelte, als hätte er Schmerzen. Es waren die grauenhaften Geräusche, die Celine zwangen, die Hände zu senken. Sie kamen näher und näher.

Das schöne Gesicht des Portraits war nur noch eine groteske Maske mit toten grünen Augen. Augen, die ihren so ähnlich waren und nun einen beängstigenden Unterschied aufwiesen. Sie gehörten nicht in diese Welt. Der verrenkte Körper mit den klauenartigen Händen schon gar nicht.

Die Fingerspitzen streckten sich ihrem Kleidchen entgegen und versuchten, ihrer habhaft zu werden. Es fehlten nur wenige Zentimeter. Celine wand sich unter Blanches eisernen Griff, aber sie war noch immer zum Verharren gezwungen. Panik übermannte sie.

Plötzlich spürte sie etwas Warmes an der Innenseite ihrer Oberschenkel. Die weißen Strümpfe färbten sich gelb. Beißender Geruch verteilte sich im Raum. Vermischte sich mit dem eisenhaltigen Geruch des Blutes.

Das riss Blanche endlich aus ihrer Trance. Sie schaute zu Boden und verzog angewidert das Gesicht. Mit einem missbilligendem „Ihh“ trat sie von der Urinpfütze zurück. Die verkrampften Finger lösten sich von den Schultern ihrer Enkelin.

Celine lief los. Weinend. Verstört. Aber ohne einen Blick zurück.


Bildnachweis: Das Gemälde von Mike Wilson auf Unsplash

 

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M. Stadelmann, A. Mirowna, B. Unghulescu, Mikaela Sandberg mit SCHWEIG STILL und IM RAUSCH bei Ullstein. Freie Autorin, Lektorin, Ex-Verlegerin, Hat das #nornennetz mitgegründet

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