Baum im Zwielicht mit Raben und Dämonen.

Rauhnächte – die Zeit „zwischen den Jahren“ (Diandra Linnemann)

Wer in einer ländlichen Gegend aufgewachsen ist, kennt vielleicht aus der Kindheit noch einige merkwürdige Gebräuche, die in der Zeit zwischen Heiligabend und dem Dreikönigstag gepflegt werden. In einigen Dörfern ist es üblich, in diesen Nächten eine Kerze ins Fenster zu stellen. Man soll keine Wäsche aufhängen und, sogar wenn man es könnte – was heute eher selten wird – kein neues Garn spinnen. Und alte Leute erzählen, in diesen Nächten könne man die Tiere im Stall sprechen hören.

Diese Bräuche, die sich von Region zu Region unterscheiden, gehen auf die Rauhnächte zurück, da sind die meisten Historiker einer Meinung. Leider endet damit auch schon das, was wir über die Rauhnächte tatsächlich wissen. Nicht einmal über die Herkunft des Namens herrscht Einigkeit – einige Sprachforscher haben die Theorie aufgestellt, der Begriff leite sich von einer altertümlichen Form des Wortes „Rauch“ ab, weil in dieser Zeit viel mit Weihrauch hantiert werde. Andere behaupten, Ursprung sei das Wort „Rauh“ für Tierpelze (wie in dem Märchen „Allerleirauh“), weil in dieser Zeit in Pelze gehüllte Dämonen das Land unsicher machen. Angeblich sind die Rauhnächte eine Überlieferung aus vorchristlicher mitteleuropäischer Zeit. Da es allerdings kaum schriftliche Belege gibt, stehen den Deutungen an dieser Stelle Tür und Tor offen. Viele Bräuche wurden nur mündlich überliefert und im Lauf der Zeit von Kirche und Gesellschaft modernisiert und vereinnahmt. Es herrscht also sozusagen Narrenfreiheit.

Einer heutzutage weitläufig akzeptierten Theorie zufolge sind die Rauhnächte die Zeit „zwischen den Jahren“ – das Mondjahr hat nur 354 Tage, das Sonnenjahr 365 (jeweils plus/minus ein paar Stunden). Die Tage nach der Wintersonnenwende am 21. Dezember stehen somit sozusagen außerhalb der Zeit und sind weder Teil des alten Jahres, noch gehören sie zum neuen Jahr. Man sagt, dass in ihnen die wilde Jagd durch die Nächte zieht – je nach Überlieferung ein Heer aus Dämonen und ruhmreichen Helden, angeführt von Wotan oder der Percht. Wer sich mit diesen Wesen gutstellen will, stellt kleine Gaben nach draußen, ein wenig Schnaps oder ein Schälchen Milch oder Honig werden von den Geistern der Rauhnächte immer gerne angenommen. Es wird hingegen nicht empfohlen, in der Dunkelheit nach draußen zu gehen, wenn man nicht auf unheimliche Begegnungen und derbe Dämonenscherze steht.

Was kann man also tun, wenn man weder Wäsche waschen noch spinnen, nicht im Dunkeln im Wald herumturnen und auch sonst kaum etwas tun kann?

Natürlich sitzt man mit Familie und Freunden zusammen. Das zelebrieren wir auch heute noch, bevorzugt zu den Weihnachtsfeiertagen oder an Silvester, isst gut und erzählt einander Geschichten. In manchen Gegenden gibt es traditionelle Weihnachtsspiele, etwa die Jagd nach der Königsmandel im Pudding. Und natürlich wird auch gesungen und musiziert.

Ein weiterer Brauch in der Zeit der Rauhnächte ist das Orakeln, wie wir es für die Silvesternacht auch heute noch betreiben. Bleigießen hat wohl jede schon probiert – die Figürchen verlangen einem viel Phantasie ab bei der Deutung, und man sollte sich keineswegs durch die beigefügten Infoblätter einschränken lassen! Auch gibt es den Brauch, Nüsse im offenen Feuer zu verbrennen, und wenn die eigene Nuss spritzt und kracht, steht einem ein turbulentes Jahr bevor. Man könnte aus dem Kaffeesatz oder aus Teeblättern lesen, und natürlich gibt es reichlich Orakelmethoden wie Runen, Tarot oder I Ging, an denen man sich gerade in dieser Zeit versuchen kann. Wer besonders mutig ist, begibt sich in einer der Rauhnächte zu einer Wegkreuzung, wo einem angeblich um Mitternacht der oder die Liebste erscheint. Aber dazu muss man schon sehr mutig sein, denn wie bereits oben beschrieben – die wilde Jagd treibt in diesen Nächten ihren Schabernack mit den Menschen, und diese Gesellen sind nicht gerade zimperlich. Bauernweisheiten zufolge kann man am Wetter der Rauhnächte übrigens erkennen, wie das Wetter in den zwölf Monaten des kommenden Jahres wird.

Das sind natürlich alles nur Sagen und Legenden. Orakel, Dämonen – nichts als Hirngespinste, habe ich recht? Aber um auf Nummer sicher zu gehen, sollten wir uns in den Rauhnächten sicherheitshalber mit guten Büchern und einem Stück Schokolade in unsere Betten verziehen. Wir wollen schließlich nichts riskieren, oder?

Ein Beitrag von Diandra Linnemann.

Fragefreitag: Was wünschst du dir zu Weihnachten?

Willkommen beim Fragefreitag im Nornennetz. Hier beantworten unsere Mitglieder regelmäßig spannende, interessante und auch mal kuriose Fragen. Ihr könnt gerne auf den sozialen Medien unter dem Hashtag #NornenFragefreitag mitmachen. Wir sind auf eure Antworten gespannt.

Diandra Linnemann: Ganz profan – etwas Ruhe. Ab November beginnt bei mir der Stress mit Familientreffen und Geburtstagen, dazu kommen Jahresendvorbereitungen und Pläne für das kommende Jahr … das kann etwas stressig werden. Wenn ich zwischendurch dann nur mit einem Buch und den Katzen neben meinem Freund auf dem Sofa sitzen kann, ist das das beste Geschenk.

Jasmin Engel: Endlich mal nichts mehr Unangenehmes vor mir zu wissen; meinen aktuellen Roman veröffentlichen zu können; ganz ehrlich und nicht nur als Spruch: Frieden und Freiheit für Menschen und Tiere, die von anderen ausgebeutet werden.

Elenor Avelle: Weihnachtsstimmung. Ich habe früher nie verstanden, wieso meine Mutter zu allen Feiertagen am liebsten Ruhe wollte. Jetzt weiß ich wieso ^^

June Is: Dieses verflixte NaNoBuch so weit zu haben, dass es testlesertauglich wird.

Jule Reichert aka Möchtegernautorin: Zeit und Ruhe für meine Kinder, meinen Hund und mich.

Michelle Janßen: Etwas Zeit zum Schreiben, nicht nur privat sondern auch für die Uni. Leider ist die Zeit zwischen den Jahren immer so voll gepackt. Deshalb wünsche ich mir das dieses Jahr ganz aktiv und möchte für ein paar Tage nach Marbach, um mich in der Bibliothek da einzuigeln.

Janna Ruth: Meine inneren Dämonen zu besiegen und mir ein wenig von meinem alten Ich zurückzuerobern und natürlich einen plötzlichen Anstieg in den Buchverkäufen – Märchen und Weihnachten passen doch super zusammen 😛

Tiphaine Somer Elin: Ich wünsche mir ein verlässliches Umfeld und einen richtig guten Plan

Esther: Nichts. Einfach mal nichts. Ohne Erwartungen an das herangehen, was vor mir liegt. 🙂

Anne Colwey: Zeit, mit meinem Mann alleine wegzufahren.

Nuya: Mit Harry Potter-Merch kann man mich immer glücklich machen. Außerdem habe ich mein Faible für das Basteln von Karten, Geschenkkartons, etc. entdeckt. Papier, Stempel oder ähnliches sind deshalb immer gern gesehen.

Eva-Maria Obermann aka Variemaa: Einfach mal in Ruhe etwas essen können. In den letzten Tagen unmöglich geworden und ich sehne es sehr herbei.

NEU: Wintermond

Autorin: Anne Zandt
Titel: Wintermond
Erschienen in der Anthologie: Weihnachten und andere Amtsangelegenheiten
Genre / Subgenre: Urban Fantasy
Klappentext: An Weihnachten kommen Sie in Europa nicht vorbei.
Egal, was Sie glauben, und egal, ob Sie nun ein Mensch, ein Werwolf, ein Drache oder etwas ganz Anderes sind: Sie werden sich vorfreuen oder kaltes Grausen spüren.
Sie werden Vorbereitungen treffen oder diesen möglichst auszuweichen versuchen.

In zehn Geschichten treffen Sie magische Mitbürger, die sich auf ihre ganz eigene Art und Weise mit dem Feiertagsstress und dem alltäglichen Leben herumschlagen. Sie finden Humor und Horror, Komödie und Drame , versalzene Suppen und Zuckerwatte, kurz: den Advent in allen Geschmacksrichtungen, wie im echten Leben.

Mit Beiträgen von
Chris Schlicht, Margarethe Alb, Anne Zandt, Tina Becker, Marcus Watolla, Dorothe Reimann, Carmilla DeWinter, Katrin Minert, Carola Jürchott und Hagen Ulrich.

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Knecht Ruprecht – nur ein Assistent? (Diandra Linnemann)

„Von drauß‘ vom Walde komm‘ ich her …“ – auch wenn man sich nichts aus der Vorweihnachtszeit macht, dieses Gedicht kennt jeder. Ursprünglich von Theodor Storm verfasst, trägt es den Titel Knecht Ruprecht. Und auch den kennt beinahe jeder, wenigstens dem Namen nach.

Nikolaus und seine Helfer – ein Thema mit Tiefgang (Foto: Eva-Maria Obermann)

Auf den Spuren Ruprechts

Die Vorweihnachtszeit ist voller alter Bräuche, von denen einige heutzutage recht merkwürdig oder gar barbarisch anmuten. Knecht Ruprecht gehört zu diesen Bräuchen. Er ist in weiten Teilen des deutschsprachigen Europas der Begleiter des Heiligen Nikolaus und gilt als eine Art untergeordneter Gegenspieler, sozusagen ein Weihnachtsdämon. Wenn Nikolaus kommt und die Kinder belohnt, die das vergangene Jahr über artig waren, verteilt Knecht Ruprecht – in einigen Gegenden auch Krampus oder „Rauer Percht“ genannt – an die unartigen Kinder Ruten, mit denen sie gezüchtigt werden sollen.

Über die Ursprünge von Knecht Ruprecht ist nicht viel bekannt. Jacob Grimm zufolge (genau, einer von DEN Grimms) geht der Name auf germanische Wurzeln zurück und stellt einen Bezug zum Gott Wotan her, andere Quellen stellen ihn in die Nähe der Göttin Perchta, welche auch als „Frau Holle“ bekannt ist. Sowohl für Wotan, der die Wilde Jagd anführt (mehr dazu später im Dezember), als auch für Frau Holle mit ihren Kissen besteht eine starke Verbindung zur Weihnachtszeit, so dass diese Verbindung zumindest nicht ganz abwegig ist. Wenn die Tradition Knecht Ruprecht also zu einem Diener des Heiligen Nikolaus macht, sieht man sehr schön, wie vorchristliche und christliche Traditionen miteinander verbunden wurden.

Andere Quellen führen Knecht Ruprecht beispielsweise auf einen Priester namens Ruprecht zurück, der die Christmette gegen betrunkene Bauern verteidigte, oder auch auf einen historischen Burgherren der Ruprechtsburg in Thüringen, von dem es heißt, er habe Kinder gefressen. Und bei den Niederländern ist als Äquivalent der „Zwarte Piet“ ein Mohr, der mit einem Schiff aus der ehemals niederländischen Kolonie Spanien kommt und lustige Possen treibt. Diesen Angaben zufolge wäre Knecht Ruprecht nicht älter als etwa fünfhundert Jahre. Genaues lässt sich aufgrund der mageren Quellenlage heutzutage nicht mehr sagen. Der Fantasie tut das jedenfalls keinen Abbruch.

Wo wir ihn heute finden

Je nach Gegend, in der man aufgewachsen ist, gilt Knecht Ruprecht entweder als freundlicher Helfer des Nikolaus – oder als gruselige, möglicherweise gehörnte Figur, die die unartigen Kinder bestraft. Vor allem dieses Bild wurde in den letzten Jahren verstärkt in Horrorfilmen umgesetzt („Krampus“, „A Horror Christmas“, „Mother Krampus“). In der Fantasyliteratur taucht Knecht Ruprecht oder Krampus hingegen seltener auf*, obwohl eine derart ambivalente Figur reichlich Spielraum für übernatürliche und fantastische Interpretationen bietet.

Am ehesten begegnet man ihm noch als zweidimensionalem Helfer von Nikolaus oder Weihnachtsmann in Märchen und Kindergeschichten. Vielleicht liegt das auch daran, dass man inzwischen glücklicherweise weitgehend davon abgekommen ist, Kinder körperlich zu züchtigen, und in diesem Zusammenhang auch nicht mehr mit einem „schwarzen Mann“ droht. Dabei gäbe es so viele schöne Einsatzbereiche für Knecht Ruprecht – vielleicht ist er ein Waldgeist? Ein Dämon, der den Menschen Gutes tun möchte? Ein tollpatschiger Engel? Oder vielleicht ist er doch ein finsterer Geselle, vor dem man sich in den langen, finsteren Winternächten schützen muss?

Eines kann man mit Sicherheit sagen – Knecht Ruprecht ist als Figur auf jeden Fall viel interessanter als die niedlichen Weihnachtselfen, die mit den US-amerikanisierten modernen, bunt blinkenden Bräuchen zu uns herübergeschwappt sind.

*ein kleiner Hinweis, im Adventskalender unserer Norne Anne Zandt ist der Krampus sogar zentral 😉 – Anm. d. Red.

**Autorin des Beitrags ist Diandra Linnemann

NEU: Savers – und es gibt sie doch

Autorin: Rabe Blue
Titel: Savers – und es gibt sie doch
Reihe: Akademie der Engel (Teil 1)
Genre / Subgenre: Fantasy, Urban Fantasy
Klappentext: Als der sechzehnjährige David bei einem Autounfall stirbt, ist das für ihn nicht das Ende. Er wacht in der für die Menschen verborgenen Welt Euphoria auf und wird in die Akademie der Engel aufgenommen. Die Nachricht über seinen Tod nimmt David überraschend gut auf, doch schon bald holt ihn die Realität ein. Können sein Mentor und seine neu gewonnenen Freunde ihm dabei helfen, sich wieder zu fangen und auf seine zukünftige Aufgabe zu konzentrieren?
Doch viel zu schnell muss er beweisen, ob er seinem neuen Leben gewachsen ist, denn plötzlich ist nicht nur Euphoria in Gefahr, sondern auch seine alte Welt und damit die Menschen, die er liebt …
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Ein Cover wird in Photoshop gebaut

Ein Bild von einem Buch – Tipps zum Coverdesign

„Luke, unterschätze niemals die Macht eines Buchcovers!“
Ein gutes Cover ist das Aushängeschild einer Geschichte. Es ist das erste, was ein Leser von dem Buch sieht. Es ist zugleich Teaser, Markenzeichen, Schmuckstück und Grundlage für das visuelle Marketing. Und trotzdem sparen viele Selfpublisher an dieser Stelle – weil sie nicht bereit sind, Geld in einen guten Designer zu investieren oder weil es das Budget einfach nicht hergibt.

Verschiedene Wege führen zum Cover:

  1. einen professionellen Designer engagieren, dessen Portfolio euch gefällt
    Pro: Professionelle Arbeit – Kontra: (vergleichsweise) teuer
  2. eine Ausschreibung bei 99designs oder designenlassen.de machen
    Pro: im Idealfall mehrere gute Designs zur Auswahl, Festpreis – Kontra: nicht ganz billig, Zeit in ein gutes Briefing investieren
  3. einen Hobbydesigner engagieren
    Pro: vergleichsweise günstig – Kontra: keine Garantie für Qualität und professionelle Abwicklung (z.B. beim Thema Bildrechte)
  4. ein Premade kaufen
    Pro: vergleichsweise günstig – Kontra: Stangenware
  5. selber machen
    Pro: günstig bis kostenneutral – Kontra: kostet viel Arbeit und Nerven, ihr braucht Designkenntnisse

Gleich vorab: Wenn ihr nicht regelmäßig Grafiken baut oder Illustrationen zeichnet, vergesst Punkt 5. Ehrlich! Tut es euch und eurem Buch nicht an. Ihr steckt sonst verdammt viel Zeit, Nerven und Herzblut in ein Projekt, bei dem am Ende höchstens ein mittelmäßiges Ergebnis herauskommt. Macht euch Gedanken, informiert euch über gutes Coverdesign, aber überlasst die Umsetzung jemand anderem. Ihr seid Autor*innen. Niemand verlangt, dass ihr alles selbst macht. Und wenn ihr es euch irgendwie leisten könnt, engagiert einen Profi. Eine gute Geschichte verdient ein richtig gutes Cover. Und ihr unterstützt einen Künstlerkollegen, der damit seine Brötchen verdient.

Aber egal, ob ihr selbst designt oder ein Cover einkauft: Hier sind ein paar Tipps, die euch beim Design, beim Briefing und bei der Abnahme helfen.

* Das Titelbild dieses Beitrags ist übrigens KEIN Beispiel für gutes Coverdesign, sondern wurde in fünf Minuten hingeklatscht 😉 So bitte nicht!

Marktanalyse

Behaltet eure Zielgruppe im Auge. Was gefällt ihr? Was ist ein No-Go? Welche Genrekonventionen gibt es? Welche Trends erkennt ihr? Schaut euch Bestsellerlisten und Trendreports an. Es ist keine Schande, sich inspirieren zu lassen und sein Buch modisch einzukleiden 🙂 Aber auch, wenn ihr mit Konventionen brechen wollt, müsst ihr sie zuerst kennen. Deshalb ist es wichtig, den Markt zu zu beobachten.

Bildersuche

Investiert genug Zeit in die Suche nach passendem Bildmaterial – es sei denn, ihr zeichnet eigene Illustrationen. Die Bildrecherche ist einer der zeitaufwändigsten Schritte im Coverdesign. Gebt euch nicht mit der erstbesten Ballkleid-Dame zufrieden. Es ist hilfreich, wenn ihr vor der Suche klare Vorstellungen habt, wie euer Covermotiv aussehen soll. Aber bleibt offen für Alternativen, falls ihr nichts Passendes findet – oder während der Recherche dem grafischen Äquivalent eines genialen Plotbunnys über den Weg lauft 😉 Überlegt euch gute Schlagwörter, nach denen ihr sucht. Bleibt nicht zu allgemein, sonst findet ihr auf den ersten Plätzen nur die 0815-Bilder, die schon tausendmal verwendet wurden. Und blättert mehr als drei Seiten Suchergebnisse durch.

Bildauflösung

Nehmt immer die höchste Auflösung, wenn ihr Stockphotos kauft oder herunterladet. Achtet bei kostenlosen Fotos darauf, ob sie tatsächlich hochauflösend vorliegen. Und wenn ihr euer Cover erstellt, legt es in Druckqualität an – 300 dpi, ausreichende Größe. Auch wenn ihr erst mal nur eine Veröffentlichung als EBook plant. Vielleicht wollt ihr doch irgendwann eine Print-Edition veröffentlichen? Oder ihr wollt Plakate und Giveaways mit dem Covermotiv drucken lassen? Wenn ihr das Cover dann nur in Webauflösung vorliegen habt, ärgert ihr euch.

Bildrechte

Ein ganz wichtiges und nicht ganz einfaches Thema sind Bildrechte. Bei Buchcovern ist das noch einmal komplizierter als bei Blogposts. Da die Bücher nicht kostenlos abrufbar sind, fallen viele Bilder unter CC-Lizenz weg. Schaut euch in jedem Fall – auch bei gekauften Bildern – die Lizenz genau an: darf das Bild bearbeitet, verfremdet und in kostenpflichtigen Publikationen verwendet werden? Vorsicht ist bei kostenlosen Stockphotos geboten: Es gibt immer wieder Fälle, dass Anbieter fremde Fotos hochladen und als ihre eigenen ausgeben. Auf den ersten Blick ist das nicht ersichtlich. Speichert das Bild, ladet es in der Google Bildersuche hoch und checkt die Suchergebnisse auf Ungereimtheiten.

Wenn ihr auf Nummer sicher gehen wollt, investiert ein paar Euro und kauft eure Bilder bei Microstock-Agenturen wie Fotolia, Imago und co.

Komposition

  • Vielleicht findet ihr ein Motiv, das genau zu euren Vorstellungen passt und auch von den Bildrechten her unproblematisch ist. Ihr solltet es trotzdem nicht einfach in seiner Urform verwenden, sondern in eine Bildkomposition einbauen – auch wenn es schon perfekt erscheint. Je näher es am Original bleibt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass euer Covermotiv euch an anderer Stelle wieder begegnet – vielleicht sogar in einem Kontext, mit dem ihr lieber nichts zu tun haben wollt.
  • Weniger ist oft mehr. In den meisten Fällen funktioniert es, sich auf ein Hauptmotiv zu konzentrieren, statt in jeder Ecke des Covers liebevoll detaillierte Motivchen unterzubringen.
  • Achtet auf eine stimmige Bildkomposition.
  • Schaut euch an, ob das Cover als winziger Thumbnail genauso gut funktioniert wie im Druckformat.
  • Gestaltet ein Covermotiv, das ihr gut in andere Formate bringen könnt. Damit spart ihr euch Nerven, wenn ihr z.B. Plakate, Postkarten, Blogheader, Lesezeichen, Werbebanner etc. daraus bauen wollt. Oder wenn ihr mal zusätzlich zum Taschenbuch eine Hardcover-Ausgabe drucken lasst.
  • Lasst keine wichtigen Bildelemente bis zu den Rändern laufen. Sie werden gefalzt und beschnitten und selbst wenn ihr euch genau an die Druckvorgaben haltet, gibt es immer Abweichungen.
  • Trotzdem: Achtet bei den Maßen genau auf die Druckvorgaben eures Anbieters.
  • Denkt bei der Bildkomposition daran, dass noch Text auf euer Cover muss. Lasst dafür an den richtigen Stellen Platz. Man baut gerne mal wunderschöne Grafiken, die sich in einem Bilderrahmen gut machen würden, aber als Cover ungeeignet sind 😉

Freistellen und Blending

Investiert Zeit und Nerven in das Freistellen eurer Motive. Nachlässig freigestellte Bildelemente sehen immer unprofessionell aus. Nehmt Bildmaterial, das sich gut freistellen lässt oder schon ausgeschnitten ist. Aber auch ein perfekter Freisteller macht noch kein gutes Motiv. Er muss nahtlos in die Gesamtkomposition eingebunden werden. Spielt mit Ebenen, Blending, Weichzeichner, Farb- und Belichtungskorrektur.

Farben und Kontraste

  • Farben sind wichtig. Vielleicht wichtiger als das Motiv selbst. Sie fallen als erstes ins Auge. SIe schaffen Atmosphäre und können ein Bild genauso gut retten wie zerstören.
  • Achtet darauf, dass die Farben zu eurer Geschichte passen.
  • Kalibriert euren Bildschirm, damit er die Farben so originalgetreu wie möglich wiedergibt.
  • Setzt gute Farb- und Helligkeitskontraste, besonders beim Titel.
  • Vermeidet Kombinationen, die Farbfehlsichtigen oder Menschen mit anderen Sehschwächen Probleme bereiten können.
  • Schaut euch das Cover in Graustufen an, um zu sehen, ob die Kontraste passen. So stellt ihr sicher, dass es auch auf monochromen Readern gut aussieht und von Menschen mit Sehschwäche leserlich ist.

Titel und Text

  • Verwendet gut lesbare Schriftarten.
  • Achtet auf die Rechte, wenn ihr einen kostenlosen Font runterladet. Viele dürfen in der Gratisversion nicht für kommerzielle Zwecke verwendet werden.
  • Kombiniert nicht zu viele Schriftarten und Schriftschnitte miteinander.
  • Nur der Vollständigkeit halber: Nie, nie, NIEMALS ist es gerechtfertigt, irgendwo auf einem Cover Comic Sans zu benutzen 😉

„Korrektorat“

Lasst mehrere Leute über euren Entwurf schauen – am besten eine Mischung aus Fachleuten und (potenziellen) Lesern. Man wird beim Coverdesign genauso betriebsblind wie beim Schreiben. Und es gibt unendlich viele Fehlerquellen. Ein paar Beispiele:

  • Tippfehler im Titel
  • Autorenname vergessen
  • Das Cover ist zu dunkel, weil euer Bildschirm falsch kalibriert war
  • Ein Stück Hintergrund wurde beim Freistellen vergessen
  • Ein verworfenes Bildelement schwebt noch irgendwo rum, weil es versehentlich wieder sichtbar geklickt wurde
  • Bei der Farbkorrektur sind komische Sachen passiert
  • Die Titelfigur hat nach der Bildmontage drei Arme
  • Ein magischer Dolch sieht in Thumbnailgröße aus wie ein Penis

Noch ein Tipp: Wenn ihr mit eurem eigenen Entwurf doch nicht zufrieden seid, wendet euch damit an einen Designer eurer Wahl. Die einen mögen solche detaillierten Briefings, die anderen hassen sie abgrundtief. Vielleicht habt ihr Glück und könnt ein paar Kosten sparen, weil ihr keine unterschiedlichen Entwürfe zur Auswahl braucht und schon alle benötigten Stockphotos mitbringt.

Auch wenn ihr viel Arbeit in ein handgemachtes Cover gesteckt habt: Seid ehrlich zu euch selbst. Wenn es nicht gut genug ist, lasst es neu machen! Sonst seid ihr ewig unzufrieden.

 

Ein Beitrag von Esther Wagner alias Kirana

Inspirierende Frauen – Inspiration in Alltagsheldinnen finden (Michelle Janßen)

Inspiration ist ein wichtiger Part im Leben einer jeden Schriftstellerin*. Doch wo findet man Inspiration in der heutigen Welt? Wo bekommen wir diesen Kick, der uns weiter vorantreibt, wenn wir denken wir haben unser Limit erreicht?

In den letzten Wochen haben wir auf diesem Blog über Inspiration durch Frauen aus der Vergangenheit und aus der Literatur gesprochen. Heute beschäftigen wir uns mit der Gegenwart. Doch obwohl es viele bekannte Autorinnen gibt, die als Inspirationsquelle dienen können und es mehr starke Frauenfiguren denn je in den Medien gibt, soll es heute um etwas kleineres gehen. Etwas alltägliches.

Inspiration in den Frauen um uns herum. Denn auch, wenn wir alle gerne zu unseren Bücherheldinnen und Lieblingsautorinnen aufschauen, uns an ihnen messen und aus ihnen schöpfen, so sind es doch die Alltagsheldinnen die letztendlich am meisten Einfluss üben.

Sei es nun die eigene Mutter oder die Großmutter, deren Leben uns anhält politisch wach zu bleiben und zu schreiben oder das Kind, für das wir Kinderbücher erschaffen, so magisch wie die Kindheit selbst. Sei es die beste Freundin, die Arbeitskollegin oder – wie in unserem Fall – ein ganzes Netzwerk voller wunderbarer, fantastischer Frauen.

Woher, wenn nicht aus dem Umgang mit den Menschen um uns, schöpfen wir Inspiration? Woher, wenn nicht aus den Frauen, die unser Leben täglich bestimmen?

Ich** persönlich erhalte sehr viel meiner Inspiration aus meinem Freundeskreis. Ich habe das Glück, dass ich viele starke Frauen* mit wundervollen Persönlichkeiten kennen darf. Manche sind schon Mutter geworden, als ich noch nicht mal wusste, was ich studieren möchte. Andere sind so selbstbestimmt, dass manche Männer Angst vor ihnen haben und wieder andere schreiben selbst und lassen sich – wenn ich ganz viel Glück habe – auf gemeinsame Schreibstunden ein, in denen ich vor Inspiration nur so strotze.

Diese Frauen zu finden ist die Aufgabe, welche wir vom Nornennetzwerk euch heute geben. Sehr euch in eurem Leben um und wenn ihr sie seht, sagt danke. Denn was wären wir, ohne die Alltagsheldinnen unserer Inspiration.

**Autorin des Beitrags ist Michelle Janßen

Eluin: Nachts an Gleis 3. #Halloween im #Nornennetz

Es war still auf dem Bahnsteig. Nur der Wind trieb einige Blätter vor sich her. Die Lichter des letzten Nachtzugs wurden kleiner, bis die Dunkelheit sie verschluckte. Ein Schatten huschte über den Boden und ein Mann in einem langen Ledermantel trat an die Bahnsteigkante. Er ließ den Blick schweifen. Verlassen.

»Dann wollen wir mal«, sagte er und lief zur Treppe. Schritte hallten von den Wänden wider, als er die Stufen hinabstieg. In der Bahnhofshalle war niemand zu sehen. Einzig die Scheinwerfer eines Autos konnte er in der Ferne erkennen.

Zügig trat er zum Fahrstuhl, der am Tag die Passagiere zu Gleis drei brachte. Als er den Schalter betätigte, glitten die Glastüren sofort vor ihm auf. Nun musste er rasch handeln.

Im grellen Licht der Kabine konnte er mühelos die Schrauben an der Schalttafel erkennen. Schnell drehte er eine nach der anderen heraus und ließ sie achtlos fallen

weiterlesen: http://weltenpfad.net


Bildnachweis @eluin

Myna Kaltschnee: Der blasse Fremde. #Halloween im #Nornennetz

Die Turmuhr schlug dreimal. Noch fünfzehn Minuten bis ein Uhr morgens. Das bedeutete, dass in vier Minuten die letzte U-Bahn fuhr. Marietta eilte die dunkle Straße entlang. Eine Gänsehaut zog sich über ihre Glieder und sie vergrub die Hände tiefer in ihren Jackentaschen. Ihr Atem bildete feinen, weißen Dampf, der sich in der Dunkelheit auflöste. Die nächtliche Ruhe war ihr unheimlich. Normalerweise fuhren hier viele Autos und die Stimmen der Einwohner gaben ihr das Gefühl, nicht allein zu sein. Jetzt war es ganz still. Lediglich das hektische Klack-klack-klack ihrer Absätze hallte auf dem Asphalt wider.

Als sie die Station erreichte, fuhr die U-Bahn gerade ein. Marietta setzte sich in den hintersten Waggon. Geschafft! In gut fünfundzwanzig Minuten würde sie zu Hause sein. Ihre Lider waren schwer wie Blei. Sie konnte sie nur mit Mühe offenhalten. Die Geburtstagsparty ihrer besten Freundin war zwar schön gewesen, doch sie hatte ihr auch sehr viel Energie abverlangt. Um sich wachzuhalten, beobachtete sie die beiden einzigen weiteren Passagiere. Ein junges Paar saß wenige Reihen vor ihr und knutschte. Sie musste bei ihrem Anblick lächeln. Wie die beiden sich wohl kennengelernt hatten? Marietta liebte es, sich darüber Geschichten auszudenken. Das hatte sie schon als Kind gerne gemacht: Leute beobachten und ihr Schicksal erfinden.

Beim nächsten Halt stieg das Pärchen aus. Marietta zückte ihr Handy, aktivierte das Display und sah auf die Zeitanzeige. Null Uhr sechsundfünfzig. Noch drei Stationen. Aus dem Augenwinkel nahm sie wahr, dass jemand einstieg. Sie steckte das Handy zurück in die Tasche. Ihr Blick fiel auf ein paar schwarze Lackschuhe. Sie sah auf. Die Beine des Mannes steckten in schwarzen Stoffhosen, die Taille umschlang ein schwarzer Gürtel mit einem silbernen Schlangenkopf als Schnalle. Sein schwarzes Jackett schmiegte sich perfekt an den schlanken, fast mageren Oberkörper. Blutunterlaufene Augen, die in tiefen schwarzen Augenhöhlen steckten, starrten sie durchdringend an. Sie gehörten in das aschfahle, kantige Gesicht des Mannes, der gegenüber von ihr Platz genommen hatte. Seine schmale Hakennase und seine zurückgekämmten, weißen Haare erinnerten sie an einen Seeadler. Ihr Herz pochte. Warum glotzte er sie so an? Marietta schaute aus dem Fenster, was ihr ziemlich albern vorkam, da die Tunnelwände des U-Bahnschachts nicht sonderlich sehenswert waren. Jedoch konnte sie darin sein Spiegelbild beobachten, ohne ihn direkt ansehen zu müssen. Auch ihr eigenes blasses Gesicht blickte ihr mit aufgerissenen Augen entgegen. – Er starrte noch immer, fast so, als wollte er mit seinen Augen ihren Kopf durchbohren und in ihre Gedanken eindringen. Sie schauderte. Dieser Typ sah aus, als sei er einer Geisterbahn entlaufen. Unruhig knetete sie ihre Hände. Sie hoffte inständig, dass er sie nicht ansprach. Vielleicht stieg er ja gleich wieder aus?

Die Bahn blieb stehen. Noch zwei Stationen. Sie spürte seine brennenden Blicke auf ihrer Haut. Sollte sie ihn ansprechen und bitten, sie nicht so anzustarren? Den Sitzplatz wechseln? Doch Marietta traute sich nicht, sich zu rühren. Ihre Glieder waren ganz steif und angespannt. Ihr Atem ging schnell und stoßweise. Sie hatte das Gefühl, gleich zu ersticken. Schwarze Punkte tanzten vor ihren Augen auf und ab. Sie blinzelte, um sie zu verjagen. Ihre Finger krallten sich in das Polster ihres Sitzes. Bitte, lieber Gott, lass mich jetzt nicht umkippen! Es waren doch nur noch maximal zehn Minuten, bis sie endlich aussteigen konnte.

Die Fahrt kam ihr wie eine Ewigkeit vor. Er beobachtete sie noch immer. Seine schmale Unterlippe zuckte, als er die Augen zu Schlitzen zusammenkniff. Marietta jagte ein eiskalter Schauer über den Rücken. Bitte schau weg, dachte sie. Lass mich in Ruhe. Doch der Fremde heftete weiterhin seinen Blick auf sie. Sie kam sich nackt und hilflos vor, wie ein kleines Kind. Wie damals, als ihre Mutter sie schimpfte, nachdem sie eine zerbrochene Vase gefunden hatte. Was, wenn er versuchte, sie zu vergewaltigen? Es war doch sonst niemand in der U-Bahn. Sie war ihm völlig ausgeliefert. Würde sie sich wehren können? War sie stark genug? Besonders kräftig sah er ja nicht aus. Aber seine Augen funkelten so bedrohlich, dass sie ihm alles zutraute.

Bei der nächsten Station konnte sie es nicht mehr länger ertragen. Sie stand auf und stieg aus. Würde sie den Rest eben zu Fuß gehen. Doch der blasse Fremde erhob sich ebenfalls und folgte ihr auf den Bahnsteig. Verdammter Mist! Ihr Herz pochte wild gegen ihre Rippen, als sie die Treppen hinaufhastete. Bitte, lieber Gott, lass ihn abbiegen. Von hier aus waren es etwa zwanzig Minuten zu ihrer Wohnung. Sie überquerte die leere Hauptstraße und bog in die Hasengasse ein. Doch das Klack-klack-klack ihrer Absätze war nicht das einzige Geräusch. Da war noch das leise Klonk-klonk-klonk der schwarzen Lackschuhe, die ihr unmittelbar folgten. Sie warf einen flüchtigen Blick über ihre Schulter. Er ging etwa vier Meter hinter ihr. Seine Augen starrten sie noch immer an. Marietta bekam eine Gänsehaut und ihr Puls wummerte in ihren Ohren. War ihr vorhin noch kalt gewesen, so brannte sie jetzt innerlich, als hätte sie Fieber. Ihre schweißnassen Finger ballten sich zu Fäusten. Was würde er ihr antun, wenn er sie einholte? Würde er sie wirklich vergewaltigen? Oder vielleicht ausrauben? Sie hatte doch kaum Geld bei sich. Auf der Geburtstagsparty ihrer besten Freundin hatte man sie zu allem eingeladen. Sie ging schneller. Klack-klack-klack-klack. Klonk-klonk-klonk-klonk.

Sie bog in die nächste Gasse ein. Würde er ihr weiter folgen? Ein erneuter kurzer Blick bestätigte ihre Befürchtung. Schweiß rann ihr aus allen Poren. Was, wenn er sie niederschlagen und bewusstlos auf der Straße liegen ließ? Wie ein angefahrenes Tier. Hilflos und für jeden Taschendieb eine leichte Beute.

Noch zehn Minuten bis zu ihrer Wohnung. Klack-klack-klack. Klonk-klonk-klonk. Es gab nur einen Weg, sie musste versuchen, ihn abzuhängen. Marietta rannte los, so schnell sie in ihren hohen Schuhen rennen konnte. Hoffentlich knickte sie nicht um, dann wäre sie verloren und er würde sie in seine Gewalt bringen. Klack-klack-klack-klack. Die Schritte des Fremden wurden leiser. Sie sah über ihre Schulter. Tatsächlich! Sie hatte den Abstand vergrößert. Marietta lief schneller. Die kalte Nachtluft brannte ihr in den Lungenflügeln. Schweiß rann ihr über das Gesicht. Sie war diese Lauferei nicht gewohnt. An der nächsten Kreuzung rechts, dann immer geradeaus. Noch zehn Minuten. Sie warf abermals einen Blick über ihre Schulter. Der Fremde bog gerade ebenfalls um die Kurve, doch der Abstand war mittlerweile so groß, dass sie etwas langsamer laufen konnte. Glücklicherweise, denn ihr ging die Puste aus. Noch fünf Minuten, noch vier, noch drei. Marietta konnte schon ihren Wohnblock in der Ferne erkennen.

Sie verlangsamte ihr Tempo nochmals und sah sich um. Er war tatsächlich verschwunden. Marietta japste nach Luft. Gott sei Dank. Ihr Herz raste. Sie war völlig außer Atem. Ihre Haare klebten ihr im Gesicht. Sie wischte sie mit dem Handrücken aus den Augen.

Sie bog in ihren Hauseingang ein und fischte die Schlüssel aus der Jackentasche. Gleich würde sie in ihrem warmen Bett liegen und selig einschlummern.

Just in diesem Moment packte sie eine eiskalte Hand an der Schulter und riss sie herum. „So einfach entkommst du mir nicht, Liebchen.“

Marietta wollte schreien, doch sie bekam keinen Ton heraus. Hilflos zappelte sie in den Fängen des blassen Fremden.

Er funkelte sie mit seinen blutunterlaufenen Augen an, ehe er seine schmalen Lippen öffnete und seine Fangzähne entblößte.


Bildnachweis @Elenor Avelle

Diandra Linnemann: Charybdis. #Halloween im #Nornennetz

Ein dumpfer Laut dröhnte durch den leeren Gang, als ob die Wellen einen toten Körper gegen die Außenhülle der Charybdis drückten. Giuseppe zuckte zusammen. Auch nach drei Monaten auf See hatte er sich nicht an die Geräusche gewöhnt, die man durch den metallenen Rumpf hörte, oder an die merkwürdig schlingernden Bewegungen des Schiffs. Besonders in der Nacht wirkte es, als lebten garstige Wesen in den Wänden. Egal, wo man sich befand, man hörte sogar die kleinste Bewegung der Crewmitglieder oder die Schreie der Fracht. Er schüttelte sich, um die verkrampften Schultern zu lockern. Dann sammelte er weiter die Rettungswesten auf, die von ihren Trägern beim Verlassen des Schiffs in der Eile achtlos verstreut worden waren.

Heute Nacht fuhren sie nicht hinaus, um die Schlauchboote abzufangen …

Weiterlesen: https://diandrasgeschichtenquelle.org/2017/10/20/fuers-gruseln-charybdis-kurzgeschichte/